Tocotronische Mystik

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Francisco de Zurbarán: Gebet des hl. Bonaventura während der Papstwahl (zwischen 1628 und 1629) (Wikimedia) – Gemäldegalerie Alte Meister, Dresden – Vergrößern

Ich hab’ geträumt ich wäre Parkbankdrücken mit Giovanni F.

Die pubertierende Adoleszenz ist vielleicht dadurch gekennzeichnet, dass man vieles noch nicht darf, was man dann später gar nicht mehr möchte, und vieles noch kann, was man später schmerzlich vermisst. Fokussierung zum Beispiel, alles aus einer Perspektive sehen. Das galt auch für unsere tocotronische.

Jungs hier kommt der Masterplan …“ Wie konnten die das nur von uns wissen? Diese Songs, diese Texte waren in uns. Es verging kein Tag, an dem uns nicht Dinge begegneten, die wir nur mit tocotronischen Textschnipseln ertragen konnten. Denn „ich kann nicht springen / und ich kann nicht gehen / und vor allen Dingen / kann ich hier nicht stehen“. Und wer das „vor allen Dingen“ nicht verstand, dem war nicht zu helfen, der konnte, der durfte sich nicht Tocotroniker nennen.

Von solchem Durchwirktsein von Texten sprechen auch mystische Erfahrungen. Die Texte klingen in einem immer wieder an und nach und versetzen in eine Stimmung der Einsicht, des stimmigen Daseins und der existentiellen Erleuchtung.

Die Heilige Schrift bietet für diesen Zustand ja wahrlich mehr und besseres Material als hundert Tocotronic-Songs. Stellen wir uns also vor, wir hätten die biblischen Texte so drauf wie damals unsern Dirk. Wir könnten und würden dann wohl auch bei jeder Gelegenheit eine wohlklingende, beschwörende, verheißungsvolle Stelle zum Besten geben. Es gibt ja solche Leute – und man muss da nicht an Evangelikale aus Ami-Land denken. Wenn wir aus der Distanz von den mystischen Erfahrungen von Nonnen aus alter Zeit hören, dann sind wir zunächst wohlwollend gestimmt. Aber ist es eine Lebensform, die mit dem „Wie wir leben wollen“ tatsächlich viel zu tun hat? Selbst wenn wir unsere Textdurchdrungenheit für uns behalten würden und damit nicht auffällig würden, es wäre doch eine seltsame Lebensart!? Wir müssen also nicht gleich an religiöse Eiferer denken, die uns doch sehr verdächtig und „unwahrhaftig“ vorkommen, unsere Tocotronic-Phase war irgendwie anders.

Was sagt uns das jetzt über Mystik, die Offenbarung und die Heilige Schrift, über uns, die Philosophie und Weihrauch und Pfefferspray?

Ich versuch’ mich mal am Beispiel Bonaventura (eigentlich: Giovanni Fidanza), der mich zur Zeit „begeistert“: Er liegt ja nicht auf dem Mainstream der großen Philosophie. Wer seinen Platon und seinen Aristoteles gelesen, sich aus Kant und Hegel genährt hat und von Marx und Wittgenstein modernisiert wurde, der tut sich mit dem Heiligen Bonaventura schwer. Auch – und vielleicht gerade – wenn er – wie in meinem Fall – beiläufig über den Heiligen Thomas begegnete. Seine Texte sind fremd und für heutige Leser vergleichsweise unzugänglich. Nur ganz allmählich erschließt sich etwas, das langsam und mühsam angeeignet werden muss. Und es kann überhaupt nur gelingen, wenn unsere Lektüre auf eine echte Begegnung aus ist, die Bonaventura Bonaventura sein lässt, ihn nicht zu einem zweiten Thomas, einen verkannten Kant oder einen Bruder Ludwigs macht – und uns nicht zu ihm.

Wir nehmen das Buch in die Hand als würden wir uns gerne zu ihm auf die Park-Bank setzen, um uns mit ihm zu unterhalten, ihn kennenzulernen und ihm zuzuhören. Wir tun das, weil wir glauben, dass er uns etwas zu sagen hat. Er uns! Nach einiger Zeit wissen wir, worüber wir uns mit ihm unterhalten können, worauf er sich versteht und worauf nicht. Wenn wir ihn um Rat fragen, dann muss er über uns Bescheid wissen, wir müssen ihm sagen, wie’s um uns steht. Mit seinen Fragen kann er uns korrigieren, er kann unsere Eigenwahrnehmung verändern und wir seine voreilige Fremdwahrnehmung richtigstellen. Am Ende hat er – toi, toi, toi – eine Empfehlung für uns, die wir nach diesem Gespräch wirklich ernst nehmen. Denn wir wissen, dass wir nicht von der Stange bedient wurden, sondern alles passgenau sitzt.

Also ein Gespräch (olala, wieder mal!) bei dem wir Heutige uns einbringen. Und wir (Heutige) sind anders als die (Gestrigen), von denen wir etwas hören wollen. Wären wir zufrieden, wenn er unsere Fragen antworten würde: „Stop, stop, brauchst gar nicht weiter reden … Muss ich gar nicht nachdenken, Klosterfrau Melissengeist hilft immer“? Natürlich nicht. Er müsste uns schon verstehen wollen.

Nun gibt es die Park-Bank, auf die wir uns neben ihn setzen könnten, bis auf weiteres nicht. Beim Lesen seines Textes müssen wir also sein Bemühen um Verständnis mitvollziehen. Wir müssen seine Fragen stellen und sie uns richtig beantworten (möglichst in gemeinsamer Lektüre mit anderen Zeitgenossen), so dass er sagen würde: „Ach so ist das, jetzt versteh’ ich Dich“ (er duzt mich übrigens wie Ludwig ;-)) … Wir müssen ihm erklären, was Smartphones sind und Google ist und was sie für uns ausmachen (- und warum wir Serien gucken 😉 ) Seine Antwort, wir sollen sie wegwerfen, die graue Kluft anziehen und erstmal ordentlich Latein lernen, können und dürfen wir erst dann annehmen, wenn wir wirklich glauben, dass er uns verstanden hat und sich darauf versteht, uns eine Empfehlung zu geben. Dem Hammer ist alles ein Nagel – und Bonaventura sollte das wissen und ihn uns nur dann reichen, wenn wir einen Nagel einschlagen wollen oder müssen.

Das gilt wohl so oder so ähnlich für die Begegnung für alle Texte. Der Wille zur echten Begegnung geht jedem Verständnis voraus. Und in der Begegnung mit einem Mystiker wie Bonaventura muss man sich selber wirklich einbringen – nur das heißt ihn ernst und wahrnehmen. Und mit unserer Vergangenheit als tocotronische Mystiker sind wir hier ja bestens gerüstet. „Ich habe Stimmen gehört“ …

Ich könnt’ jetzt ewig so weiter machen, wenn ich das auf die Offenbarung und die Heilige Schrift – oder wie der hermeneutische Trickser sagt: die Überlieferung – bezöge. Ein weites Feld – auf dem Weihrauch und Pfeffer wuchern.

Die Links dieser Seite wurden zuletzt am 11.09.2019 überprüft.


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