Gute Werke

image_pdf

Lucas Cranach der ÄltereMartin Luther (1529) – (Wikimedia) – Stiftung Deutsches Historisches Museum – Vergrößern

Eine weitere Folge der Serie „Was man nicht selber weiß, das muss man sich erklären“

Folge 1001: Gute Werke

Gute Werke – das klingt doch gut! Nicht für alle. Luther hat in mehreren Schriften mit Bezug auf Paulus die guten Werke – na sagen wir mal – relativiert. Er sah in der schlichten Aufforderung zu guten Werken eine gefährliche Verirrung des Glaubens.

Verstehen wir Luthers Überlegungen zu den guten Werken mal so: Gute Werke macht der Wirkende, der Handelnde gut, genauer: seine Intention. Gute Werke im Sinne der Rechtfertigung, also theologisch betrachtet, sind Werke des Glaubens. Wer glaubt und aus dem Glauben handelt, schafft gute Werke. Es gibt keine Werke, die ohne Rücksicht auf den Wirkenden, gut genannt werden können.

Nun gut. Wo liegt der Streit, wo der Distinktionsbedarf?

In der Abrechnungslogik? Wer gute Werke tut, der wird gerechtfertigt. Wer mehr tut, mehr? Das wäre falsch – aus beiden Perspektiven, der lutherischen wie der von Luther angegriffenen. Gut ist eine Handlung nicht, weil sie einem anderen gefällt, und gut ist sie auch nicht, weil sie belohnt wird. Es sei denn man meinte, wie wir das wohl wieder beiden Seiten nicht unterstellen dürfen, gut hieße so viel wie gut investiert oder gut für Belohnung. Rechtfertigung verhält sich zu den guten Werken wohl so wie die Freude/Lust zum richtigen Handeln: sie ist eine Folge des Handelns nicht aber sein Grund. Das würde nun freilich bedeuten, dass gute Werke rechtfertigen! Nach Luther, weil sie aus Glauben (und nur aus Glauben) erwachsen. Das mag sein, ändert aber nichts an ihrer Wirksamkeit.

»Defekte Gute Werke« im Luthermuseum Wittenberg – Foto Heinrich Leitner 2017

Nicht die Wirksamkeit guter Werke kann also strittig sein, sondern ihre Begründung und damit der Weg, sie als gut zu erkennen. Müssen wir in gewissem Sinne von den Werken ab und auf die Absichten bzw. den Glauben sehen oder gibt es Werke, denen ihr Gutsein per se anzusehen ist? Gibt es Werke, die per se gut sind? Das wären solche, die (unter moralischer Perspektive) gar nicht anders verstanden werden könnten oder – etwas schwächer formuliert, doch von sich her nahelegen würden – dass wir sie gut nennen. (Natürlich können wir von außen etwas ans Werk heranbringen, das es als solches und von sich her gar nicht zeigt. So können wir ein Werk auch physikalisch beschreiben und damit gar nicht als Werk betrachten.) Den unterschiedlichen Moralbegründungen wäre das Werk dann Ausdruck, Verkörperung und Verwirklichung einer guten Absicht oder einer Tugend, einer Seelenharmonie oder eines moralischen Gefühls. Es wäre Resultat einer Handlung, die wir von jemanden in guter Absicht, mit Tugend oder aus moralischer Sensibilität erwarten würden. Sie würde anzeigen, was wir unter guten Absichten, Tugenden oder moralischer Sensibilität verstehen und damit eine Anleitung darstellen, das zu werden, was man sein will: gut. Das Werk wäre ein Zeichen, das die moralische Wirkung anzeigt

In diesem Sinne wären theologisch gute Werke solche, die per se als Werke des Glaubens gelten dürfen, weil sie Ausdruck, Verkörperung und Verwirklichung des Glaubens sind. Das wären Werke, die gar nicht anders verstanden werden könnten als ihren Grund im (rechten) Glauben zu sehen. Man kann Menschen duschen oder nass machen, um sie zu kühlen oder zu reinigen, sie zu ärgern oder zu foltern. Das kommt ganz auf die Situation und wohl auch auf die Absicht des Handelnden an. Taufen kann man aber nur im Glauben. Taufen ist ein Werk des Glaubens, eines das etwas wirkt, nämlich Heil. Es ist ein Rechtfertigungsgeschehen. Taufe setzt Glauben voraus und wirkt aus dem Glauben. Das Sakrament der Taufe ist ein Werk, das als solches zeigt, dass es rechtfertigend wirkt. Wir können zwar bestreiten, ob etwas eine Taufe ist – so wie wir uns z.B. schwer tun, bestimmte evangelikale Taufriten als solche zu erkennen; wir können aber die Taufe nicht als „gutes Werk“ des Glaubens bestreiten – es sei denn, wir wüssten nicht was „taufen“ bedeutet. (Eine Taufe naturalistisch als Dusche zu verstehen heißt eine andere Sprache zu sprechen.)

Werke sind als Werke bestimmter Absichten zu erkennen, anders könnten wir Absichten nicht verstehen und es wäre von Absichten nicht sinnvoll zu sprechen. Weil dem so ist, können wir die Werke als gut verstehen und uns an vorbildlichen guten Werken ausrichten. Dass diese Werke dann rechtfertigen, versteht sich von selbst. Sie sind gerechtfertigt, weil sie gut sind und rechtfertigen den Handelnden, weil er das getan hat, was keiner weiteren Rechtfertigung mehr bedarf.

Ob sich nun der Handelnde mit seinen guten Werken genug ist, ob er damit das werden konnte, was er sein wollte und sollte, das ist eine andere Frage. An Gutem kann man bekanntlich nie genug tun.

Die Links dieser Seite wurden zuletzt am 06.06.2019 überprüft.


© 2019 Heinrich Leitner | Bildnachweise