Ja, nee, das wissen wir nicht

image_pdf

Jetzt wird’s amtlich und philosophisch: die Regierung folgt Sokrates und gibt zum Besten: Wir wissen, dass wir nicht wissen. Nun ist die Sache in der platonischen Apologie nicht ganz so einfach. 

Von Vielem weiß ich gar nicht, dass ich nichts davon weiß. Nur ich kann’s halt nicht sagen, was das alles ist. Ich weiß es ja nicht. Bis gestern wusste ich noch nichts vom Grundofen-Bau, weil ich gar nicht wusste, dass es so etwas wie Grundofen gibt. Jetzt weiß ich’s und weiß auch, dass ich darüber bei Leibe noch lange nicht alles weiß – natürlich wieder nicht, was alles nicht. 

Ich weiß aber – fast sicher – dass ich das arabische Wort für Hühnerei nicht weiß – und zwar in keinem der gängigen arabischen Dialekte. Ich finde, das ist auch nicht so schlimm, obwohl’s natürlich nicht schlecht wäre, Arabisch zu sprechen. 

Wenn ich Ihnen aber sage, dass ich für Sie das Backup Ihres Rechners oder den Katalysatoren-Wechsel ihres Wagen machen könnte, weil ich weiß wie das geht, dann hoffen Sie doch, dass ich davon mehr weiß als nicht und jedenfalls genug, um die Aufgabe zur Zufriedenheit zu lösen. Na ja, das Ding läuft danach wieder und am besten lange und reibungslos. 

Wenn nun die Regierung, beraten durch sogenannte Experten, Maßnahmen zu unserem Wohle trifft, dann sollten wir doch erwarten, dass sie wissen, was sie tun. Sie sagen selbst immer wieder, dass sie wissen, welche Härte davon ausgeht und es jetzt nur noch einer letzten Anstrengung bedarf, denn … denn dann greifen die Maßnahmen ja und alles wird gut. 

Also hat nun die FDP-Bundestagsfraktion bei der Bundesregierung angefragt, welche Maßnahmen welche Wirkung hatten und haben. Man muss der FDP in ihrem Steuerprogramm nicht folgen, um diese Anfrage doch irgendwie plausibel zu finden. Und die Antwort? Gut, nach der sokratischen Reflexion ahnen wir schon: Sie wissen es nicht. 

Sie wissen nicht, was sie tun? Nee, irgendwie schon, aber nicht, was es hilft. Hören wir uns mal an, was geantwortet wird: BILD und Die Welt zitieren aus der noch nicht veröffentlichten Antwort: 

Aufgrund des „kontextspezifischen“ Zusammenspiels einer „sehr großen Anzahl an Variablen“ sei es NICHT möglich, „die Auswirkung einzelner Maßnahmen auf einen Indikator (z.B. Inzidenz) belastbar und generalisierbar zu quantifizieren und zwischen Ländern zu vergleichen“. Und: „Die multifaktoriellen Zusammenhänge“ seien auch „eine mögliche Erklärung für die Variationen in der Effektivität einzelner Maßnahmen zwischen unterschiedlichen Regionen oder Ländern.“ 

Ja, ja, einige werden jetzt sagen: aha, PzZ steht auf Springers BILD und Welt. Ich würde es natürlich auch gerne in anderen Qualitätsmedien lesen – oder gar bei den Öffentlich-Rechtlichen etwas davon hören. Aber die wollen uns eben nicht verwirren mit langen Sätzen, die nach Verwirrung und Ausrede klingen. 

Der FDP „Gesundheitsexperte“ – stellen Sie sich vor, so was soll’s geben!? – kommentiert die Antwort der Bundesregierung so: 

„Die Bundesregierung veranstaltet betreffend Corona einen teuren Blindflug. Sie kann für keine der ergriffenen Maßnahmen angeben, ob diese wirksam sind. Sie hat sich (verfassungs-)rechtlich nicht beraten lassen. Sie hat nicht geprüft, ob Maßnahmen aus anderen Ländern hätten übernommen werden können…. Mit anderen Worten: Es wurden teure Maßnahmen, die die Freiheit der Bürger stark einschränken und viele wirtschaftliche Existenzen gefährden, ergriffen, ohne dass diese auf ihre Wirksamkeit und Verfassungsmäßigkeit geprüft wurden.“

Der FDP Gesundheitsexperte liegt da wie die meisten Gesundheitsexperten natürlich falsch. Ein Blick nach Schweden zeigt: die Maßnahmen haben (seit Juni 2020) praktisch nichts zum „Infektionsschutz“ geholfen und tun es immer noch nicht. Sie dienen offenbar einem anderen Zweck. Aber das weiß ich nicht. Womit wir wieder bei Sokrates wären. Der mit seinem Wissen des Nicht-Wissens jedenfalls mehr weiß als die Lauterbachs dieser Welt.

Schreibe einen Kommentar