Ovids Metamorphosen VI: Der Stolz der Mütter

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Geht dümmer wirklich immer? Dem Menschen scheint hier keine natürliche Grenze gesetzt. Ovid gibt dafür ein weiteres Beispiel: Niobe. Niobe ist die mächtige Königin von Theben, die mit ihrem Leben rundum zufrieden sein könnte. Vieles erfüllt sie mit Stolz. Besonders stolz ist sie auf ihre Kinder: sieben Töchter und sieben Söhne. Aber etwas nagt an ihr. Sie fühlt sich nicht richtig gewürdigt. Obwohl sie aus hohem Hause stammt, fällt gerade durch ihre Herkunft ein Schatten auf sie, den sie nicht wahrhaben will. Ihre Mutter Dione, ist eine Atlas-Tochter, ihr Gatte, der König Thebens Amphion, ist ein Sohn des Zeus wie ihr Vater und Zeus also ihr Groß- und Schwiegervater zugleich. Ihr Vater aber hat einen Namen, der zum Inbegriff des Schreckens und des qualvollen Lebens wird: Tantalos. Er forderte als Halbgott die Götter heraus und wollte ihre Allwissenheit dadurch auf eine Probe stellen, dass er sie etwas „Undenkbarem“, einer für unmöglich erachteten Absurdität aussetzte: er tötete seinen eigenen Sohn und setzte ihn den Göttern zum Mahl vor. Natürlich ging das schief. Er wurde in den Tartaros verbannt und mit den Tantalosqualen bestraft, die Homer den aus der Unterwelt zurückkehrenden Odysseus so beschreiben lässt:

 

WIR LESEN OVID
Ovid – WikiCommons

Ovids Metamorphosen sind ein lesenswerter Klassiker. Wir lesen Stück für Stück die fünfzehn Bücher in kleinen überschaubaren Abschnitten. Können wir Philosophisches zur Zeit daraus lernen? Finden Sie’s raus und lesen Sie mit! Das geschah bisher.

„Auch noch den Tantalos sah ich dort innen in schwierigen Leiden;
Stand er ja doch im Wasser, das grade ans Kinn ihm noch reichte.
Dürstend stand er darinnen, doch konnte ers trinkend nicht kosten.“
Immer dann, wenn der Alte sich bückte begierig zu trinken,
Zog sich das Wasser zurück und verschwand, und unter den Füßen
Zeigte sich schwarzer Boden; ein Unhold wars, der es schlürfte.
Früchte hochgewipfelter Bäume umhingen den Scheitel,
Birnen, Granaten und Äpfel, besonders herrliche Früchte;
Feigen von hoher Süße, Oliven, die wachsen und blühen:
Aber so oft, mit der Hand sie zu fassen, der Alte sich reckte,
Schnellte ein Wind sie empor in wolkenbeschattete Höhen.“[1]

Vor allem erging ein Fluch über das Geschlecht der Tantaliden: bis in die fünfte Generation werden seine Nachkommen den Tod von Familienangehörigen herbeiführen.

Die Tantalide Niobe

Aber dem wollte Niobe keinen Glauben schenken. Auch das Schicksal Arachnes war ihre keine Mahnung, „sich den Himmlischen zu fügen und sich einer bescheideneren Sprache zu befleißigen“ (cedere caelitibus verbisque minoribus uti).[2] Im Gegenteil. Als eine Tochter des Sehers Tiresias den Frauen als Stimme Latonas gebietet, der Göttin zu huldigen, ereifert sich Niobe: „Welch ein Wahnsinn ist es, Götter, von denen man nur gehört hat, solchen vorzuziehen, die man sieht“ (quis furor, auditos … praeponere visis calestes). Sie, die sich selbst den Göttern zugehörig glaubt, fühlt sich zurückgesetzt. Den Vergleich mit Latona könne sie allemal aufnehmen. Sieben Söhne und sieben Töchter habe sie das Leben geschenkt. Latona mit Apollon und Artemis/Diana nur zwei und das unter erbärmlichen, ehebrecherischen Umständen. „Ich bin glücklich – wer möchte dies bestreiten? –, und ich werde glücklich bleiben – wer möchte auch dies bezweifeln? –: Die Fülle hat mir Sicherheit verliehen. Ich bin zu groß, als daß mir Fortuna noch schaden könnte. Mag sie mir auch vieles rauben, viel mehr wird sie mir übriglassen. Mein Besitz ist schon über alle Furcht erhaben.[i] Natürlich ist das selbstentlarvend: wer zweimal versichert, dass niemand ihr Glück in Zweifel ziehen kann (quis enim neget hoc? hoc quoque quis debet?) der zeigt sich selbst als höchst verunsichert. Was für Reichtum und Besitz vielleicht noch denkbar scheint, dass nach menschlichem Ermessen keine Verarmung mehr droht, das gilt zum einen nicht für Götter und vor allem nicht für die Güter, bona, die sich in diesem Sinne gar nicht aufrechnen lassen.

Tatsächlich rechnet Niobe ihr Mutterglück nach der Zahl der Kinder, denen sie das Leben schenkte. Kinderreichtum ist ein glücklicher Umstand. Aber jedes Kind ist ein unvergleichliches Glück. Es lässt sich nicht aufrechnen.

Das wird ihr von Latona vor Augen geführt. Sie zeigt sich herabgewürdigt und fordert Strafe: „indignata dea est[3]. Das betrifft auch ihre Kinder – immerhin keine geringeren als Apollon und Artemis/Diana, die deshalb sofort zur Tat schreiten.

Niobes Strafe (1591, von Abraham Bloemaert (1564-1661)

Sie wenden sich zunächst den Söhnen zu. Sie werden alle getötet. Ovid zieht uns mit detaillierten Beschreibungen ins Geschehen hinein: Alphenor z.B. sieht wie zwei seiner Brüder, die sich im Ringkampf üben, gemeinsam von nur einem Pfeil getroffen werden – „eng umschlungen wie sie waren“ durchbohrt er sie beide und heftet sie tödlich zusammen. Alphenor eilt herbei und wird ebenfalls getroffen: „der Gott von Delos durchschoss ihm mit dem todbringenden Eisen tief innen das Zwerchfell. Beim Herausziehen des Eisens wurde ein Teil der Lunge am Haken herausgerissen, und mit der Seele verströmte das Blut in die Lüfte[4] Die subtile Darstellung schafft uns eine lebendige Vorstellung. Sie ist nicht mehr eine Veranschaulichung eines Gedankens, sie wird für den Leser (und noch mehr den Hörer) zur erlebten Wirklichkeit. Wir sollen mitleiden. Der Dichter schafft eine wirkliche Erfahrung. Was wir von Anfang ahnen konnten – ihren Kindern wird der Spott Niobes nicht gut bekommen, das erleben wir nun mit.

Auch ihren Schmerz erleben wir kopfschüttelnd mit. Was treibt sie an, es immer weiter zu treiben. „Sie wirft sich über die eiskalten Leichen, und wahllos verteilt sie an all ihre Söhne letzte Küsse …[5] Inzwischen ist auch der Vater der Söhne tot. Er hat sich aus Schmerz selbst umgebracht.

Niobe ist bemitleidenswert – sogar für einen Feind (nunc miseranda vel hosti) oder uns Lesern, die wir der selbstgefälligen Niobe nicht gerade viel Sympathie entgegenbrachten und die wir alles haben kommen sehen.

Ach, wie verschieden war diese Niobe von jener anderen“ (heu quantum haec Niobe Niobe distabat ab illa), die vormals so eigensinnig gegen die Götter auftrat. Aber der Zorn macht ihren Eigensinn noch trotziger, „ihr Unglück macht sie tollkühn“ (illa malo est audax: wieder so ein Satz, der einfach sitzt!). Sie lässt sich durch den ihr zugefügten Schmerz nicht zur anerkennenden Unterwerfung herab. „In all meinem Unglück bleibt mir noch mehr als dir in deinem Glück“ (miserae mihi plura supersunt, quam tibi felici), schmäht sie Latona. Aber was als Gestus der Selbstbehauptung eines selbstbestimmten Daseins verstanden werden könnte, das ist bei der Tochter des Tantalos, nur eine Frage des Güterstands. Sie sieht sich noch im Besitzvorteil. Noch. Denn wir wissen, was folgt. Das Ende der Töchter wird freilich weniger dramatisch geschildert. Alles geht jetzt erzählerisch schnell und anders als die Söhne lässt Ovid sie namenlos sterben. Niobe versucht noch die letzte, die jüngste Tochter zu retten, indem sie sich schützend auf sie wirft und zur Göttin fleht. Vergebens: „Und während sie bittet, fällt diejenige, für die sie bittet“ (dumque rogat, pro qua rogat, occidit). Das Flehen kommt – wie beim jüngsten Sohn, Ilioneus, zu spät: er hatte alle Götter um Schonung gebeten, „ohne zu wissen“ – wie Ovid spöttisch vermerkt – „daß er nicht alle zu bitten brauchte“, einer hätte genügt.

Niobe versteinert in ihrem Schmerz. „Auch im Innern des Leibes ist alles Stein. Dennoch weint sie.“ Und die Tränenströme sieht man noch in dem für Marmor typischen Dekor.

Wieder wird sie, was sie schon immer war. Ein glatter Stein, der glänzen will und an sich selbst verzagt, weil sie seine Natur nicht annehmen kann. „Niobe hätte die glücklichste aller Mütter geheißen, wenn sie sich nicht selbst dafür gehalten hätte.[6] Als Glück galt ihr, für glücklich gehalten zu werden. Sie obliegt dem Fluch, statt nach wahrem Glück, nach sichtbarer Anerkennung und um messbaren Vorzug streben zu müssen. Sie ist eine Mutter, die bis zuletzt ihr Glück an der Zahl ihrer Kinder aufrechnet. Der Verlust eines Kindes aber lässt sich nicht aufwiegen. Niobe zeigt eine für Mütter befremdliche Haltung. Welche Mutter würde sich nicht im Unglück sehen, wenn es ein Kind verlöre – und hätte sie deren 14?

Niobes Dasein, ihr innerstes Wesen, ist vermessen und ver-rückt. Aber verdient es solche erbarmungslose Strafe durch die Götter? „Sie wunderte sich, daß Götter dazu imstande waren (mirantem potuisse), und war zornig darüber, daß sie sich so viel erlaubt hatten und daß sie so viele Rechte besaßen (quod ausi hoc essent superi, quod tantum iuris haberent)“ Was Ovid da Niobe in den Mund legt, ist wieder schwer zu übersetzen: Sie wundert sich, dass Götter zu etwas Ungeheuerlichem in der Lage sind, dass sie die Macht dazu haben und dazu gleichsam „berechtigt“ sind. Sind die Götter nicht gut? Können Sie rachsüchtig und erbarmungslos handeln? Ist nicht schon der Tantaliden-Fluch eine bodenlose Ungerechtigkeit, weil er Subjekte betrifft, die gar nicht schuldhaft gehandelt haben. Das findet sich nicht nur im antiken Götterhimmel, sondern auch im jüdisch-christlichen Glaubensraum. 2. Mose 20, 5 werden wir z.B. gemahnt, nicht fremde Götter anzubeten, „denn ich, der HERR, dein Gott, bin ein eifersüchtiger/eifernder Gott, der die Schuld der Väter heimsucht an den Kindern, an der dritten und vierten Generation von denen, die mich hassen …

Das ist wahrlich „ein weites Feld“. Niobes Natur, ihr Charakter, erzwingt die „Strafe“, führt in ihr Unglück. Es ist nicht etwas, was die Götter dazu tun. Vor allem aber – sonst wäre es für uns nicht „interessant“ – zeigt Niobe etwas, das uns irgendwie eigen ist: der Stolz auf das Eigene, der das verkennt, was es ausmacht. Das Glück des Kinderreichtums macht uns noch nicht zu Göttern und es macht uns zugleich „anfällig“ fürs äußerste Unglück. Wer viele Kinder hat, muss viel um sie beten.

 

Demnächst

Nicht nur Königinnen werden belehrt und verwandelt. Es trifft auch den gemeinen Mann. Auch Bauern sind nicht immer gottgefällig unterwegs. Am Ende werden sie quaken.

 

[1] Odyssee XI 582ff.

[2] VI 151.

[3] VI 204

[4] VI 250ff.:

[5] VI 278f.: corporibus gelidis incumbit et ordine nullo / oscula dispensat natos suprema per omnes.

[6] VI 155f.: et felicissima matrum / dicta foret Niobe, si non sibi visa fuisset.

[i] VI 193ff.: sum felix: quis enim neget hoc? felixque manebo: / hoc quoque quis dubitet? tutam me copia fecit, / Maior sum, quam cui possit Fortuna nocere, / multaque ut eripiat, multo mihi plura relinquet. excessere metum mea iam bona.

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