Ovids Metamorphosen VI: Der Suspense und unsere grausame Phantasie

Lesedauer 7 Minuten
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Das Unglück kommt manchmal in prächtigen Kleidern. Erfolg heiratet in gute Familie ein und alle finden alles beneidenswert. So bei der Heirat von Tereus, der siegreiche Feldherr, und Procne, der Tochter des athenischen Königs. Aber irgendetwas stimmt nicht bei der Vermählung von Reichtum und Schönheit. Ovid beschreibt das so: „Doch bei jenem Beilager fehlt die Beschützerin der Ehe, Iuno, es fehlt Hymenaeus, es fehlen die Grazien. Furien hielten die Fackeln, die sie von einem Leichenbegängnis geraubt hatten, Furien bereiteten das Bett …“ Nicht Hymenaeus, der Gott der Heirat, leuchtet mit seiner Hochzeitsfackel in eine glückliche Zukunft, sondern die Furien werfen das Licht auf ein schreckliches Ende. Nicht nur die Ehe steht unter einem schlechten Stern – oh weh, wir beginnen zu ahnen – auch ihre Elternschaft und die Geburt des Sohnes Itys.

WIR LESEN OVID
Ovid – WikiCommons

Ovids Metamorphosen sind ein lesenswerter Klassiker. Wir lesen Stück für Stück die fünfzehn Bücher in kleinen überschaubaren Abschnitten. Können wir Philosophisches zur Zeit daraus lernen? Finden Sie’s raus und lesen Sie mit! Das geschah bisher.

Procne wird in ihrem Leben mit Tereus nicht heimisch und fühlt sich nach einigen Jahren leer und einsam. Sie sehnt sich nach heimatlichen Zuspruch und wünscht sich die Schwester zu Besuch. Tereus wird losgeschickt, um die Schwester zu holen. In Athen bittet er den Vater, er möge der Tochter erlauben, mit ihm zur Schwester zu reisen und verspricht – mit auffälligem Nachdruck – sie unversehrt wieder zurückzubegleiten. Und auch Philomela selbst bittet den Vater inständig, die Schwester besuchen zu dürfen.

Das alles wird von mit vielerlei Anspielungen so erzählt, dass wir ein schreckliches Unheil heraufziehen sehen: Tereus war inzwischen nach der ersten Begegnung mit der schönen Philomela vor Begierde entbrannt. Er hat nur noch einen Gedanken, schnell mit Schwägrin zurück aufs Schiff und ins Bett „und erträgt kaum mehr den Aufschub“ (iamque moras male fert).1

Zurück in Thrakien bringt er Philomela in ein abgelegenes Versteck und fällt über sie her. Sie schwört Rache: „Ich selbst will die Scham ablegen und Deine Taten verkünden. Bekomme ich Gelegenheit, werde ich vors Volk treten; bleibe ich aber in den Wäldern eingesperrt, so werde ich die Wälder mit meiner Klage erfüllen und die Felsen rühren, die unsere Mitwisser sind. Dies wird der Himmel hören und Gott, wenn es dort einen Gott gibt.“ Seine Absichten und Pläne soll man seinem Peiniger wohl besser nicht kundtun. Tereus versucht, die „Gelegenheit“ gründlich zu verhindern und schneidet Philomela die Zunge heraus. Das alles wird von Ovid wieder mit Lust an den abschreckenden Details geschildert: Tereus „zieht aus der Scheide das Schwert, mit dem er umgürtet ist, schleppt sie [Philomela] an den Haaren fort, verdreht ihr die Arme hinter dem Rücken und zwingt sie in Fesseln. Schon bot Philomela ihm die Kehle dar – sie hatte beim Anblick des Schwertes bereits gehofft, er werde sie töten –, er aber packte mit mit einer Zange ihre Zunge, die sich sträubte, immer fort den Name des Vaters rief und darum rang zu sprechen, und schnitt sie mit dem wilden Stahl ab: Der Rest der Zungenwurzel zuckt noch, die Zunge liegt am Boden und zitternd murmelt sie etwas in die blutgeschwärzte Erde. Und wie der Schwanz einer verstümmelten Schlange zu springen pflegt, bäumt sie sich auf und sucht sterbend die Füße ihrer Herrin.2 So glaubt er doppelten Gewinn zu haben: er behält das verstümmelte Opfer zu weiterem lüsternem Mißbrauch und verhindert dennoch die Enthüllung: „Ihrem stummen Mund fehlt die Zunge, um die Tat anzuzeigen.“ (os mutum facti caret indice).3

Natürlich ahnen wir, dass das nicht aufgeht. Tereus gelingt es zwar, der Gattin und dem Vater Philomelas glaubhaft zu machen, sie sei auf der Rückreise verstorben. Es vergeht ein Jahr, in dem sich Tereus sich weiter an Philomela vergeht. Aber Philomela findet schließlich doch einen Weg sich zu äußern: „Doch einfallsreich ist dem Schmerz, und Not macht erfinderisch“ (grande ingenium est miserique venit sollertia rebus – wieder so ein Satz, der alleine schon die Lektüre Ovids zu einem Vergnügen macht). Sie stickt in ein Tuch eine Botschaft an die Schwester, die sie von ihrem Schicksal unterrichtet. Procne bleibt kaltblütig und gibt gegenüber Tereus nicht zu erkennen, dass sie um das Verbrechen weiß. Sie sinnt nur noch auf Rache: Auch sie verstummt über die Greueltaten des Gatten, „der Schmerz hat ihr den Mund verschlossen, die Zunge für die Empörung nicht die passenden Worte gefunden. Zum Weinen fehlt ihr die Zeit; Procne stürzt los, um Recht und Unrecht zu vermengen und lebt ganz in dem Gedanken an Rache.“ (nec flere vacat, sed fasque nefasque confusura ruit poenaque in imagine tota est)4

Tereus beim Mahl, Druck aus dem 16. Jhd.

Das Bacchus-Fest mit seinen Ausschreitungen dient ihr zur Befreiung der Schwester. Aber wie können sie sich rächen? „Tränen sind hier nicht die richtige Waffe“, vielleicht das Schwert oder etwas, das noch schwerer trifft. Procne jedenfalls versichert Philomela, sie sei bereit „jeden Frevel zu begehen“ (in omne nefas ego me, germana, paravi): „Entweder werde ich, wenn ich den Königspalast mit Fackeln verbrenne, den tückischen Tereus mitten in die Flammen werfen oder ihm mit dem Schwert die Zunge oder die Augen und die Glieder rauben, die dir die Ehre nahmen, oder ihn aus tausend Wunden seine sündige Seele verströmen lassen.“ Die Schwestern ergehen sich in Rachephantasien. Da läuft ihnen Itys, das Söhnchen von Procne und Tereus, der zu seinem Unglück dem Vater aus dem Gesicht geschnitten ist. Wir ahnen Schlimmes heraufziehen. „Freilich“, beruhigt uns Ovid, „als der Sohn vor ihr stand, die Mutter begrüßt, ihren Hals mit den kleinen Ärmchen an sich gezogen und ihr unter kindlichen Koseworten Küsse gegeben hatte, wurde die Mutter gerührt. Ihr Zorn war gebrochen.“ Nun sieht sie sich selbst und nicht (nur) den Tereus in ihm. Aber … der hilflos nach Rache Sinnenden zeigt sich in ihm der Schwester Unglück: er, der Tereus-Sohn, lebt und fordert Aufmerksamkeit, während die Schwester ihr Unglück stumm und gebrochen ertragen muss. Itys ist kein Kind einer liebenden Zuwendung, Tereus war schon damals der lüstern begierige Tereus und „Furien bereiteten das Bett“ und „unter diesem Vorzeichen wurden sie Eltern“. Die Schandtat an der Schwester ist „nur“ der Ausdruck einer verkommenen Existenz. Procne vermag nur noch an Rache zu denken. Rachsucht ist freilich haltlos und lässt sich wie jede Sucht nicht befried(ig)en: sie findet keine Ruhe, weil sie immer noch größeres Leid zufügen möchte. Rachsucht aber verkehrt Recht in Unrecht. Sie kann nur im Wahnsinn enden.

Und so wendet sich das ängstliche Flehen Itys um mütterlichen Schutz am Ende gegen ihn: als er sich mit „Mutter, Mutter“ sich ihr schutzsuchend in die Arme wirft, ersticht Procne ihn. „Schon diese eine Wunde hätte genügt, um ihn zu töten“, schreibt Ovid , aber ihm geht es nicht ums das „sachliche“ Ende der Geschichte; ihm geht es in der Geschichte um den Wahnsinn, der „sichtbar“ gemacht und von uns Lesern gefühlt werden muss: „doch Philomela [die Schwester] schnitt ihm mit dem Eisen die Kehle auf; die noch lebenden Glieder, in denen ein Rest der Seele zurückgeblieben ist, zerfleischen sie.“ Schließlich kochen sie einen Teil des Kindskörpers, einen anderen braten sie und setzen beides Tereus „zum Fraß“ vor. Er erfreut sich daran so sehr, dass er nach seinem Sohn ruft, um das Festmahl mit ihm zu teilen. Jetzt erst kommt die große Stunde der Schwester: was wäre ihre Rache, wenn Tereus von seinem Elend nichts wüsste!? Und Philomela kann zwar nicht sprechen – „nie hatte sie sich sehnlicher gewünscht, sprechen zu können und ihre Freude [an seinem Leid] in Worte zu fassen“ – aber sie wirft ihm „das blutige Haupt des Itys ins Gesicht“.

Auch Tereus wird nun wahnsinnig. Er wird, was er vorher noch verborgen schon war, ein vom Wahn der eigenen Begierden Getriebener. Noch bevor er sich wiederum an den Schwestern rächen kann, wird er in einen Wiedehopf verwandelt und auch die Schwestern verwandeln sich in Vögel: Philomela in eine Nachtigall und Procne in eine Schwalbe, die an der Kehle einen blutroten Fleck hat und – so geht die Sage – nun ihr Schicksal mit ihrem Ruf Ityn, Ityn beklagt.

Haltlose Begierden… und der Schrecken

Ja, wir können die von Ovid erzählte Geschichte als eine von verhängnisvoller Unbändigkeit von Begierden lesen – was mag nicht alles in uns schlummern, das uns zum Wahnsinn treibt. Vor allem aber ist es eine Geschichte, die mit unserer Faszination am Schrecken spielt. Ovid verbreitet von Anfang an eine unheimliche Stimmung des Furchtbaren, dass sich in bald ereignen wird und unter der Oberfläche einer „glücklichen“ Normalität Raum greift. Wir werden vom Meister an unseren Ahnungen gepackt, die er steigert und verschärft, indem er sie suspendiert. Uns „bangt“ – wie dem Vater der Schwestern – „was er im Geiste vorausahnte“ (timuitque suae praesagia mentis).

Alles steht von Anfang an unter dem noch verborgenen Unheil: Das Volk beneidet das königliche Paar – „so wenig wissen sie, was gut für sie ist“ (usque adeo latet utilitas).5 Procne bittet ausdrücklich und dringlich um das, was schreckliche Folgen für sie haben wird . Und auch Philomela setzt sich wortstark für ihr eigenes Unglück ein: sie halten „für einen Erfolg, was in Wahrheit beiden zum Verhängnis wird6 Jede Versicherung, es werde schon alles gut ausgehen, versichert uns vielmehr vom Gegenteil.

Seit die Meister des Suspense uns mit solchen Geschichten des in der Normalität versteckten Horrors versahen, können wir sich in Bäumen sammelnde Vögel oder Vorkommnisse, die wir hinter den Fenstern des Nachbarhaus wahrnehmen, nicht mehr einfach so sehen. Unsere Phantasie setzt ein. Kann man an kleinen, dunklen, abgenutzten Einfamilienhäusern in österreichischen Vor- oder Kleinstädten noch vorbeigehen ohne durch böse Vermutungen gefröstelt und gefritzels zu werden, nämlich in ihnen einen weiteren Josef Fritzl zu befürchten. Wir dürfen wohl auch daran denken, dass wir unsere Nachbarn – und gerade die besonders „Glücklichen“ – manchmal argwöhnisch daraufhin beäugen, wann das Unglück oder gar der Wahnsinn hervorbricht. Der Suspense lebt – wie jeder Witz – von der Ergänzung, die von den Betrachtern oder Hörern von ihnen selbst hinzugegeben wird. Und so gilt – in anderer Weise – nicht nur für Politiker und Tereus, sondern wohl auch für uns: et agit sua vota sub illa („und betreibt unter ihrem Namen die Erfüllung der eigenen Wünsche“)7

1 VI 467.

2 VI 551ff.:

3 VI 574.

4 VI 583ff. Auch das hat von Albrecht wieder „lebendig“ übersetzt.

5 VI 438.

6 VI 484f.

7 VI 368.

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