Ich trage keine Hüte – und gucke doch in dieses Schaufenster

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August Macke, Selbstportrait/a>

Was ist so interessant an einem Hutladen oder besser seiner „Auslage“. Ich selbst trage keine Hüte – auch keine Alu-Hüte obwohl mir’s vielleicht manche nachsagen… Aber hier geht’s ja um eine Frau. Nun gut, Frauen finden das eventuell toll? Oder besser: fanden es vielleicht toll? Aber wahrscheinlich ist auch das nichts als ein Klischee, ein blödes Abziehbild der Geschlechterrollen: Männer lieben Fußball und Alu-Felgen, Frauen Schuhe und Wellness-Wochenenden. Einfach doof. Und tatsächlich hat die weibliche Liebe zu Hüten in den letzten hundert Jahren spürbar nachgelassen – sieht man mal von Pferderennen à la Ascot ab.

Was ist also so toll an August Mackes (1887-1914) Hutladen von 1913? Für mich natürlich schon der Umstand, dass es im „Schicksalsjahr“ 1913 entstanden ist. Aber davon gleich.

Das Schaufenster…

August Macke, Der Hutladen (19013)

Wir sehen eine elegante Frau in tiefblauen Mantel in das „Schaufenster“ eines Hutladens gucken. Sie scheint von dem, was sie sieht, gebannt. Was immer sie vorhatte, es kommt zum Stillstand. Die Zeit scheint zu stehen. Die Ausstellungsstücke haben etwas magisches. Die ausgestellten Dinge sind ein Blickfang. Sie geben sich von ihrer besten Seite und sind doch an einem „fremden“ Ort. Hüte gehören auf den Kopf, nicht in eine Vitrine. Dort scheinen sie über einem schicksalsschwerem, tief rotem Grund künstlich auf Ständern oder Wandhaken drapiert und neigen sich uns schwebend zu. Ihre Ausstellung bringt sie aus ihrem Gebrauchszusammenhang (als Alltagsgegenstand und „Zeug“). Sie werden Gegenstände des sehnsüchtigen Begehrens. Es hat mit ihnen eine andere Bewandtnis und sie sollen ein (neues) Verlangen erzeugen und zum Erwerb animieren.

… im Bild

Als Betrachter des Bilds schlüpfen wir ungeahnt in die Rolle der Frau. Wie dem Hutmacher bei der Dame gelingt es August Macke uns in den Bann zu schlagen. Durchs Museum streifend, sind wir schon an einigen „Aushängen“ vorbei gegangen. Nun betrachten wir die betrachtende Frau und die sich ihr und uns zuneigenden Ausstellungsstücke. Wir betrachten gebannt eine Gebannte und dürfen in ihr uns erkennen.

Durch die Scheibe hindurch sieht sie nur die Gegenstände ihres Begehrens. Die Scheibe des Fensters ist nur angedeutet und mehr zu ahnen als zu sehen. Es ist eine „wirklich unwirkliche“ Grenze zwischen „hier und da“, zwischen der Welt der Straße und der Aussicht auf die schönen Dinge des Verlangens. Nicht in der Scheibe selbst spiegelt sich die Alltagswelt des Draußen, sie bricht vielmehr das Licht und gibt als Lichtspiel farbiger Flecken ein Schau-„Fensterbild“ auf den Hintergrund der Auslage. In der Auslage des Schaufensters sehen wir das farbige Licht-Bild der Welt aus der wir kommen.

Rober Delaunay, Fensterbild (19012)/a>

August Macke hatte Robert Delaunays (1885-1941) Fensterbilder bewundert und hier selbst eins gemalt. Es zeigt nicht nur den Blick aus dem Fenster, sondern die Welt, die diesen Blick schafft.

1913

Es ist die Welt von 1913 – dem Jahr vor der europäischen Katastrophe des Ersten Weltkriegs, in der die alte Welt unterging und die neue mit ihrer ganzen Zerstörungskraft sich zur Wirkung brachte.

Es gibt zwei herausragende literarische Stücke, die die Stimmung der Erwartung eines Höllen-Gewitters wie sie das Jahr 1913 prägt, erzählen. Robert Musils (1880-1942) Mann ohne Eigenschaften beginnt mit der Beschreibung der gewittrigen Schwüle der in den letzten Zügen liegenden KuK-Monarchie. Und Franz Kafka (1883-1924) endet seine kurze Erzählung Das Stadtwappen mit folgender „1913“-Beschreibung: „Alles was in dieser Stadt an Sagen und Liedern entstanden ist, ist erfüllt von der Sehnsucht nach einem prophezeiten Tag, an welchem die Stadt von einer Riesenfaust in fünf kurz aufeinanderfolgenden Schlägen zerschmettert werden wird. Deshalb hat auch die Stadt die Faust im Wappen.“ Die Schläge dauerten 4 Jahre und August Macke kam bereits am 26. September 1914 darin um.

1913 ist auch das Jahr der „Neurasthenie“, einer „neuen Nervenkrankheit“, einer Depression „mit hochgradiger körperlicher und psychischer Ermüdbarkeit“, dem burn-out-Syndrom des Vorkriegsjahrs. Auch Musil hatte sich damit krankgemeldet und Kafka litt – ohne es zu wissen – wohl unter Hyper-Neuroasthenie: er hielt beim Vater seiner Geliebten Felice Bauer in einem Brief um die Hand seiner Tochter an, indem er ihn zugleich die hoffnungslose Zukunft beschrieb, die auf seine Tochter damit wartete. Alles war im gebannten Stillstand und in der fassungslosen Erwartung, dass die große Faust des Unheils endlich herniederschlug.

August Macke und Max Ernst kamen sich 1913 freundschaftlich näher und reflektieren gemeinsam über die Kunst der Abstraktion, die „allein durch die Form“ „Ausdruck für ein Seelisches geben“ muss.[1] August Macke zieht schließlich aufs Land. Er ist dort vom Licht überwältigt und ist sich nicht sicher, ob „das nun was ist“, was er malt oder nur Kitsch? Alles ist anders und unsicher geworden. „Als es noch eine Metaphysik gab…“ schreibt Bruno Frank (1887-1945) wusste man, was man tut. „Aber nun, da fühlloser Felsboden unter uns ist und über uns ein leere Himmel, da wir vom Glauben nichts mehr haben als einen Hunger nach ihm, da wir so beziehungslos sind und völlig auf uns selber zurückgeworfen, wie vermutlich niemals menschliche Generationen vor uns waren, in diesem Moment“ bannt hier einer das Licht und stellt uns gebannt vor unser „künstliches“ Verlangen.

[1] F. Illies, 1913. Der Sommer des Jahrhunderts, 2013, S. 175.

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