Inside Kakanien I 48: „Deshalb wird in Deutschland so oft Goethe zitiert“

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Etwas zum Besten zu geben, was das Publikum beeindruckt, die „Wissenschaft“ wohlmeinend nicken und die Wirtschaft sich jenseits ihrer Profitkalküle gefallen lässt, das ist eine Kunst, die mehr und mehr gebraucht wird.

Das Publikum muss durch Weltläufigkeit beeindruckt werden, die ihm selbst abgeht. Deren Zur-Schau-Stellung wird bewundert und mit seinem Beifall glaubt der Mann auf der Straße, selbst ein wenig weltgewandter geworden zu sein. Dafür braucht es Leute, Inside Kakanien meist Männer, die „die Philosophie, die Kunst, die Wirtschaft, die Musik, die Welt, den Sport“ und vor allem die Mächtigen, Reichen und Berühmten kennen und bekannt machen.

In Musils Kakanien ist es einer der Wirtschaftsführer, wir würden sie heute fälschlicher Weise Manager nennen, die ihre Position als Weltmarktakteure nicht der eigenen Gewinnsucht verdanken, deren „Führungsrolle“ vielmehr von den Vätern herrührt, die mit ihrem Profitinstinkt und einer kaufmännischen Kaltblütigkeit in kürzester Zeit, eben der Gründerväterzeit, zu riesigen Vermögen und der ihnen entsprechenden Macht kamen. Sie sind Erben. Das Erbe bestimmt ihr Sein und sie möchten sich in ihm doch ein eigenes Sein geben. Sie möchten vieles anders machen, wissen aber nicht recht wie. Also wenden sie sich anderen, ganz anderen Dingen zu. Sie können es sich leisten, nichts leisten zu müssen. Den wirtschaftlichen Erfolg, den sie nicht mehr brauchen, ersetzen sie durch Vielseitigkeit. Sie reden bei vielem mit, ohne sich auf etwas verstehen zu müssen. Sie sind die gelebte Parallelaktion. Musil denkt dabei an Walter Rathenau, den schwerreichen Erben von Emil Rathenau, dem Gründer der AEG. Bei Musil bekommt er den Namen Arnheim, Dr. Paul Arnheim. Sie verbinden das, was wirklich geschieht, mit großen Gesten, Ideen, kurz: Kunst und Kultur, Philosophie und Wissenschaft.

Nehmen wir die Wissenschaft. So wichtig, geschäftsträchtig und profitabel sie im Einzelnen ist, braucht sie doch den Zusammenhang mit dem großen Ganzen, der sich nicht mehr von selbst versteht und den sie selbst nicht mehr herzustellen vermag. Je besser, je genauer die wissenschaftliche Erkenntnis, desto beschränkter weiß sie sich doch. Je mehr wir wissen, desto weniger können wir damit anfangen. Fast alles über fast nichts zu wissen, hilft nicht wirklich weiter. Fast alles über fast nichts zu wissen, ist doch ein wenig zu wenig. Das Selbstverständnis der Wissenschaft zielt doch auf das große Ganze. Sie braucht wichtige Wichtignehmer, Männer mit Macht und Einfluss. Männer, denen es um die Zukunft der Menschheit zu tun ist und die mit ihrem Geld NGOs sponsieren und zu Innovationsmotoren der GOs machen. Open up the pearly Gates” ist für die Gates Opener durchaus profitabel – „there’s plenty good money to be made”. Die wissenschaftlichen Modelle über alles Mögliche – das Klima oder die Pandemie, die künstliche Intelligenz oder die Gegenwart von Außerirdischen – sind schwer erarbeitet. Ihnen muss nun mit einigem Vermittlungsaufwand der Pauls, Walthers und Billies die gesellschaftliche Anerkennung und politische Wirksamkeit verschafft werden, die ihnen sonst abginge. Die bahnbrechenden Entdeckungen fänden meinst keinen Weg – gäbe es diese(n) pearly Gates nicht – zum „Volksganzen“ oder zum Weltfrieden, für den sie doch gedacht sind. „Deshalb wird in Deutschland so viel Goethe zitiert.“ Inside Kakanien brauchte und braucht es den Parallelaktionsaktivisten. „Die Grundgestalt seines Erfolgs war [und ist] überall die gleiche; umgeben von dem Zauberschein seines Reichtums und dem Gerücht seiner Bedeutung, mußte er immer mit Menschen verkehren, die ihn auf ihrem Gebiet überragten, aber er gefiel ihnen als Fachfremder mit überraschenden Kenntnissen von ihrem Fach und schüchterte sie ein, indem er in seiner Person Beziehungen ihrer Welt zu anderen Welt darstellte, von denen sie keine Ahnung hatten. So war es ihm zu Natur geworden, einer Gesellschaft von Spezialisten gegenüber als Ganzes … zu wirken.

Seine „Ausflüge in die Gebiete der Wissenschaft […] genügten freilich nicht immer den strengsten Anforderungen. […] Der Fachmann fand unweigerlich … jene kleinen Unrichtigkeiten und Mißverständnisse, an denen man eine Dilettantenarbeit so genau erkennen kann …“ Weil der Parallelaktionsaktivist nie in ihnen verwurzelt sind, kann er sie an das anbinden, was über sie hinausging. Die Herren der Wissenschaft „lächelten selbstgefällig über ihn“, aber sie bewunderten in ihm denjenigen, der sie zu den wahren Herren der Welt anschlussfähig machten und machen.

Das waren z.B. die Herren der Wirtschaft, die sich sicher waren und sind, mit ihren Geschäften das Rad der Welt zu bewegen. Auch sie lächeln über ihn, wenn er bei Geschäften Dichter zitiert und die wirtschaftliche Vernunft des Geldes in den „großen Zusammenhang aller Fragen des nationalen, des geistigen, ja selbst des innerlichsten Lebens“ zu stellen versucht. Auch wenn es gelegentlich vom eigentlichen Kern des Geschäftes ablenkt, das sie ihm nicht recht zutrauen, so finden sie es durchaus hilfreich, dass „bewaffnete Zollverhandlungen oder gegen Streikende eingesetztes Militär“ als Vorteile des „öffentlichen Wohls“ erklärbar waren und sind. „Auf diesem Wege führt […] das Geschäft zur Philosophie, denn ohne Philosophie wagen heute nur noch Verbrecher anderen Menschen zu schaden…

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