Das Gespenst des Separatismus

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Letztens schaffte es das kleine Südtirol auf die Titelseite der (online)-Ausgabe der italienischen Zeitung „La Repubblica“. Allein das besitzt Seltenheitswert, denn die reichste Provinz des Landes gilt sonst in Italien eher als schnöder Klassenstreber, den man lieber ignoriert (und dem das ganz recht ist). Jetzt ging es aber zur Sache: Als „Land der Impfgegner“ wurde die Alpenregion von der Mitte-links-Zeitung geschmäht. 

Was war passiert? Ganz wie in Bayern, beginnt in Italien dieser Tage das neue Schuljahr. In den Sommerferien war von der Regierung in Rom eine Impfpflicht für Lehrer eingeführt worden,  die zu Schulbeginn nun kontrolliert wurde. Als nun dieser Tage nun die Ergebnisse der Kontrollen öffentlich wurden, war die Überraschung groß. Während in den italienischsprachigen Schulen fast alle „professori“ (97%) mit Impfzertifikat vorstellig wurden, waren in deutschsprachigen Schulen ein Viertel der Lehrer ohne. Pflichtbewusste Italiener und rebellische Deutsche?Anstatt sich einer Antwort auf die durchaus interessanten Frage auf die Versen zu haften, ging die Repubblica allerdings andere Wege. Mangelnde Impfbereitschaft brachte man mit dem einzigen Thema zusammen, mit dem deutschsprachige Südtiroler die volle nationale Aufmerksamkeit kriegen: Abspaltung von Italien, los von Rom. Sich nicht Impfen zu lassen sei eine Fortführung des alten Südtiroler Freiheitskampfes gegen Rom mit andern Mitteln. Impfseparatismus sozusagen. Ein eilig herbeizitierter Historiker konnte dies bestätigen. Schon Andreas Hofer habe im Freiheitskampf gegen die Bayern vor 200 Jahren Spritzen gegen Pocken mit der Begründung abgelehnt, die bayerischen Invasoren hätten diese vergiftet. Impfskepsis ante litteram als Kontinuität des Südtioler Sezessionismus. Das Gespenst des Separatismus, der eigentlich seit Jahrzehnten mit weitgehender Autonomie pazifiziert und von der Agenda verschwunden ist, wirkt wohl in der italienischen Öffentlichkeit noch. „No vax“ gefährdet die Unteilbarkeit der Republik.

Dabei zeigt die Divergenz der Impfquoten unter deutsch- und italienischensprachigen Lehrern vielmehr die so simple wie einhellige Wahrheit, dass wes Zeitung ich les, des Lied ich sing. Südtiroler informieren sich in deutschsprachigen Medien. Eine zitierte deutschsprachige Aktivistin lehnte den Zwang zum „green pass“ aus Rom mit dem Hinweis ab, in deutschsprachigen Ländern gebe es sowas schließlich nicht. In der Tat hat die öffentliche Debatte sich in Italien weniger mit den von Impskeptikern so oft aufgeführten Freiheitsargumenten aufgehalten. Während Deutschland zwischen 2G und 3G hinundher schwankt, geht man in Italien methodisch vor, um den Grünen Pass faktisch verpflichtend zu machen. Zur Einführung am Arbeitsplatz ließ sich der zuständige Minsiter damit zitieren, Italien gehöre damit zur „avanguardia nel mondo“. Trotz Demos scheint der Widerstand nie deutsche Dimensionen à la Querdenker erreicht zu haben, so zumindest der Eindruck. Das mag mit der Intensität des Ausbruchs und der medialen Reaktion auf „Bergamo“ zu tun haben. Vielleicht reiht sich das jetzige Vorgehen in eine Reihe von Maßnahmen, die sich durch Härte auszeichnen, so wie der erste Lockdown, in dem einen das Verlassen der eigenen Straße verboten wurde. Hilfreich ist sicher auch nicht, dass es zur Zeit keine parlamentarische Opposition gibt, und das Land von einer Art quasi-technokratischen Regierung unter Unterstützung aller wichtigen Parteien geführt wird. Ein persönliche Beobachtung: Im Sportverein, in dem man ohne Probleme unbemerkt drei Monate die Mitgliedsbeiträge säumig bleiben kann, ist neuerdings ein gültiger Green Pass, dessen QR-Code aus technischen Gründen nicht gelesen werden kann, eine Katastrophe.

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