Danke, verehrter Herr Hamann …

… das hat mir geholfen

Es gibt einen Platz im Britischen Museum, von dem aus man die alte Geschichte vor sich stehen sieht. Mit dem schweifenden Blick über die Ausstellungsstücke sieht man wie im Zeitraffer gut 2000 Jahre vorbeiziehen. Steht man im Saal 8 im Erdgeschoss, dann ist man rechts vom Haupteingang kommend gerade an den großen, monumentalen Steingestalten der Ägypter vorbei gegangen. Weltlich überweltlich sind sie steingewordenes Sein. Guckt man links in die Räume mit griechischen Statuen, dann zeigt sich einem ein völlig anderes Lebensgefühl: das Wesen der Bewegtheit aller Dinge und insbesondere der lebendigen wurde dort in marmorne Form gebracht: die steinerne Form ist Sein in seinem Bewegt-Sein. Und dazwischen, direkt vor einem, die Zeichen der weltlichen Herrschaft, die in Stein gebannte herrschaftliche Macht des Staates der Assyrer, ganz weltlich und diesseitig, beharrend und sich machtvoll ausgreifend und den Betrachter in den Bann ziehend.

Münchner Kouros – Wikimedia

Dieser synoptische Standpunkt fesselt und lässt einen staunen. Über die griechische Kunst wurde zwischen Winckelmann und Nietzsche viel geschrieben und vieles erschließt sich daraus. Die Griechen wurden immer wieder neu entdeckt und interpretiert und so wurden sie ein belebender Impuls für das neue Verständnis der neuen Zeiten. Bei den Griechen war ich mir einigermaßen sicher, was ich da zu sehen bekam. Aber was sollten mir die Ägypter sagen und was die bärtigen Männer und geflügelten Löwen mit Menschengesicht und fünf Beinen?

Auf der Suche nach dem verlorenen Wesen der Ägypter stand ich staunend auch im Ägyptischen Museum in Berlin und München und in der ägyptischen Sammlung des Wiener KHM. Man sieht etwas, das einen ergreift, ohne zu wissen was. Ein Bild mag mehr als tausend Worte sagen, es braucht aber das Wort, um verstanden zu werden. Wir stehen vor einem Kunstwerk und können nicht recht begreifen, was wir sehen. Wir suchen es zu verstehen, aber es fehlen uns die Worte. Wenn wir uns Rat und Aufschluss bei Museumsführern und Kunstsachverständigen zu holen versuchen, dann werden wir meist enttäuscht. Es wird uns etwas über die Geschichte und die Umstände gesagt, in der die Dinge entstanden sind. Wir erfahren aber nur selten etwas über die Sache, die sich da vor uns zeigt und noch weniger darüber, welche Bedeutung sie für uns haben kann und haben sollte. Die Kunst und ihre Werke scheinen die Realität der Gegenwart verlassen zu haben und nur noch in der historischen Rückschau zu leben.

Glücklich wenn wir jemanden finden, der uns wortstark und einfühlsam die Werke aufschließen und ins Leben zurückholen kann. Richard Hamann war so einer und seine Werke sind es noch heute. In seiner „Geschichte der Kunst. Von der Vorgeschichte bis zur Spätantike“ von 1952 scheint er meine staunende Sprachlosigkeit im Saal 8 des Britischen Museums vorausgeahnt zu haben. Hamann führt uns von der Ägyptischen über die Vorderasiatische Kunst (also die der Assyrer und Perser) zur Kunst der Griechen und Römer. Es ist kein Nachschlagewerk. Es ist eben tatsächlich eine Geschichte, die einen Anfang und ein Ende hat und die uns etwas erzählt – über die Ägypter und Assyrer und Griechen, vor allem aber über uns. Wer die auf knapp tausend Seiten erzählte Geschichte zur Hand nimmt, wird sie nicht mehr aus Hand legen bevor er nicht weiß wie wenigstens eine der Teilgeschichten zu Ägpyten, Vorasien und Griechenland ausgeht.

Ich hatte mir manches über die ägyptische Kunst zusammengereimt und auch die assyrische nicht verschont. Freunde wurden mit abenteuerlichen Interpretationen genervt und bei aufkommenden Zweifeln bin ich sofort in den fordernden Gegenangriff gegangen: „dann sagt ihr halt, was das alles soll!

Und dann kam Richard Hamann und hat’s mir gesagt. Nicht dass er bei allem Recht haben müsste. Sein bleibendes Recht ist aber, dass er die Sache verstehen möchte, die er für wertvoll hält und uns dazu anleitet, ein solches Verständnis zu bekommen. Hamann erschließt die Vielfalt der Phänomene in sprachlicher Meisterschaft, die die stummen Werke zur Sprache und ins Leben bringt. In leicht gehetzt wirkender Diktion eilt er in fast atemberaubender Geschwindigkeit durch die erstaunliche Vielfalt, die er an den Dingen erkennt. Die ägyptische Geschichte erzählt er so einnehmend und ergreifend, als er hätte meine Staunen vor dem ägyptischen Stein sym-pathetisch mitempfunden und könnte nun meine Ratlosigkeit in Verstehen wandeln.

Nun kann man sagen, ich fand, was ich suchte und fand’s also gut. Aber ich fand so viel mehr. Bei der Entwicklung der griechischen Kunst der frühen geometrischen Vasen über die Kouroi hin zur klassischen Statue gibt Hamann erstaunliche Einblicke: warum eigentlich sind die „geometrischen“ Vasen so bauchig und was unterscheidet die Kouros-Haltung des in sich Gesammelt-Seins von der Gefasstheit der ägyptischen Statue? Und bevor Hamann seine Geschichte „von der Vorgeschichte bis zur Spätantike“ schrieb, hatte er 1932 seine „Geschichte der Kunst. Von der Altchristlichen Zeit bis zur Gegenwart“ vorgelegt. Der Band zwei der Geschichte war der erste und der, bei dem die eigentliche Expertise Hamanns lag. Auch darin findet sich ein Reichtum von Einsichten zur Entwicklung der christlichen Kunst und dessen was sie eigentlich ausmacht. (Für meinen Geschmack ist die Fülle der Dinge, die dort „versinnlicht“ wird, und die Geschwindigkeit in der durch die Bedeutsamkeiten geführt wird, so hoch, dass sie ohne Pause, reflektierendes Zurücklesen und gelegentlichem Neuanfang, kaum bewältigt werden kann.) Die zwanzig Jahre, die zwischen den beiden Geschichten liegen, begründet Hamann mit ausführlichen Studien. Tatsächlich hat sich der renommierte Professor für Kunstgeschichte in Marburg und Mitglied der Königlichen Akademie eines regelrechten Studiums der klassischen und orientalischen Archäologie unterzogen. 1879 geboren, promovierte Hamann 1902 bei Wilhelm Dilthey, dem Philosophen des Erlebens und der Begründung der Geisteswissenschaften, und hat sich 1911 bei Heinrich Wölfflin habilitiert. Damit war er für die „Leben verstehende“ Rolle des Geschichteschreibens bestens vorbereitet. Neben den im engeren Sinne kunstgeschichtlichen Arbeit hat er auch eine lesenswerte „Theorie der Bildenden Künste“ entwickelt (1980 nach seinem Tod vom Sohn veröffentlicht), in der er die Grundbegriffe des Könnens und der Bildlichkeit auslegt; alles immer in der Absicht, das Erlebnis von Kunst anzuleiten und die in der Moderne entrückte Kunst für die Lebensgestaltung der Modernen wertvoll zu machen. Er hat noch viel mehr geleistet, z.B. hat er versucht, eine sachgemäße Fotographie der Kunst zu entwickeln. Das kann ich alles gar nicht beurteilen.

Heute ist Richard Hamann wohl nur noch akademischen Kunstgeschichtlern bekannt. Leider. Und leider scheint er bei der kunstgeschichtlichen Disziplin keine nachhaltige Wirkung hinterlassen zu haben. Anders ist nicht zu verstehen, dass es der gegenwärtigen Kunstgeschichte so wenig gelingt, Geschichten zu erzählen, die uns im Leben ergreifen und die Kunst zu nahezubringen.

1961 verstorben können wir am 29. Mai seinen 140. Geburtstag feiern. Ich tu’s und sag’ danke, verehrter Herr Hamann. Mit ihnen durch das Britische Museum zu laufen, das würde ich mir zu Weihnachten wünschen. Leider gibt’s dafür keinen Gutschein mehr. Aber es gibt noch Ihre Bücher. Zum Glück!

Die Links dieser Seite wurden zuletzt am 27.05.2019 überprüft.


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