Türsteher für Dürer

Albrecht Dürer: Blaurackenflügel – Aquarell, 1512 (Wikimedia) – Albertina, Wien – Vergrößern

Dürer in der Albertina – Wir brauchen Zugangskontrollen

Marcel Reich-Ranicki, der umstrittene Kritiker Papst, wurde einmal gefragt, wie seine Liebe zur Literatur mit dem Wirtschaftsliberalismus der F.A.Z. zusammengehe, deren langjähriger Leiter der Literaturredaktion er war. Gemeint war wohl, ob nicht die Hochkultur des Feuilletons sich erniedrige, die schamlose Unkultur von Wirtschaft und Politik zu umgarnen und auszuschmücken. Schmuzelnd meinte er, dass er selbst das Feuilletonbuch der Zeitung mit spitzen Fingern herausziehe und den Rest … na ja, Sie wissen schon. Ich selbst hab’ es einige Jahre auch so gemacht. Ich musste mir freilich die Hände ein klein wenig schmutziger machen: ich las nämlich gerne auch den montäglichen Sportteil der Zeitung, der dummerweise meist am Ende des Wirtschaftsteils zu finden war. Also musste ich tatsächlich … na ja Sie wissen schon.

Jetzt auf einer Reise nach Wien wurde mir in der Deutschen Bahn die Sonntagsausgabe „Die Welt“ (22.9.2019) zugereicht. Mit spitzen Fingern den Kulturteil des Springer Kampfblatts herausgefischt, las ich dort eine ausführliche Besprechung über die Dürer-Ausstellung in der Albertina. Ein schöner Beitrag, einer der Lust machte auf die Ausstellung und der die bisher größte Dürer-Ausstellung feierte. Die Albertina besitzt die weltweit größte Sammlung von Werken Dürers, insbesondere seiner Zeichnungen und Grafiken. Und zum eigenen Bestand kommen in der Ausstellung noch Leihgaben aus anderen weltberühmten Museen, u.a. aus Berlin, London, Paris und Florenz. Was kann es Schöneres geben? Ich war jetzt sogar von der … ähm … sagen wir mal freundlich: konservativen „Die Welt“ auf die revolutionäre Welt Dürers vorbereitet.

Aber dann kamen die Massen. Eine schier nicht endend wollende Schlange von Menschen drängte sich ins und durchs Museum. Beim Betreten des ersten Ausstellungsraums waren Dürers Werke durch die bewegliche Wand aus hin und her zappelnden Besucher mehr zu erahnen als zu sehen. Man musste sich schon strecken, um die Ausstellungsstücke in den Blick zu bekommen. Kein reines Vergnügen. Wer einmal einen Blick auf die dichten Darstellungen von Dürers „Vier Apokalyptischen Reiter“ (1497) und seine „Babylonische Welt“ (1496/7), seinen „Tod und Teufel“ (1513) und gar seine „Melancholia“ (1514) geworfen hat, der weiß, dass diese Dinge viel Aufmerksamkeit und Zuwendung brauchen. Es sind vergleichsweise kleine Formate (großformatigen Buchseiten vergleichbar von meist etwa 30×40 cm), die nicht für die Museumswand gedacht sind. Sie sind besser vor einem auf dem Tisch liegend zu studieren als an der Wand hängend abzuschreiten. Die meisten sind so detailreich und vollgepackt mit Motiven, dass sie auch für einen ruhigen Museumsbesuch ohne das Gedränge und Geschubse um die besten Knipsplätze eine kaum zu meisternde Herausforderung darstellen. Dürers Grafiken erfordern die „Die Kunst, sich zu vertiefen“ wie man schön in Rolf Volkmanns „Dürer Verführer“ (2011) nachvollziehen kann.

Hinzu kommt, dass die Aufmerksamkeit auf ein Werk durch das nächste Meisterwerk fortgerissen wird, das gleich daneben hängt; und die Ausstellung zeigt wirklich fast alles, was man von Dürer kennen muss (die genannten Grafiken, das Rasenstück, den Hasen, die betenden Hände und und und). Aber wie gesagt: ungestört und einsam ist man hier wahrlich nicht. Es wird unendlich viel geknipst, aber nicht geschaut.

Ich bin nun in der glücklichen Lage, dass ich viele der ausgestellten Stücke bereits aus Büchern „kannte“. Ich konnte deshalb ahnen, dass die ausgestellten Stücke, sich in einer Ausstellung nicht wirklich nahebringen lassen. Um etwas davon „einzusehen“, muss man lange und intensiv hinschauen. Was ist dann die Attraktion, die Ausstellungen wie die in der Albertina zweifelsohne hervorrufen und der sich so viele nicht entziehen können? Es ist der Reiz des Originalen, die Hoffnung, die „second hand“ Begegnung durch das ausgestellte Echte wenigstens zu ergänzen und etwas Wirkliches und „Großes“ gezeigt zu bekommen. Die „Ausstellung“ ist kein Ort der „Einsicht“, sie ist „Schaustellung“, in der die „Schau“ zur Show wird.

Nehmen wir den Gödelschen Unvollständigkeitssatz, eine der großen Leistungen der Logik: wollen wir ihn ausstellen? Nein. Wenn wir ihn ernst nehmen, ihn ehren wollen, dann müssen wir ihn nachvollziehen. Wenn wir die ersten handschriftlichen Notizen oder die Erstausgabe seines Abdrucks ausgestellt finden, dann ist dies (vielleicht) für Gödelforscher und/oder Logikhistoriker erbaulich – Gödels Atem weht sie irgendwie an – ; für alle anderen ist das Tralafitti, Kultur-Fake-Showtime à la Aspekte. Das Ausgestellte muss sich zur Ausstellung eignen, und das heißt zur Aneignung in der Ausstellung geeignet sein. Der Gödelsche Unvollständigkeitssatz tut es nicht und die Grafiken und Zeichnungen Dürers nur sehr bedingt.

Heiliger Hieronymus (1521) – Wikimedia

Nun gibt es in der Ausstellung auch typische Museumstücke. Dazu würde ich neben den „großen“ Bildern (wie z.B. „Die Anbetung der Könige“ von 1504 oder „Das Rosenkranzfest“ von 1506) durchaus auch (die „kleineren“ wie) die Rasenstücke oder den Hasen oder auch die betenden Hände zählen. Bilder, die in Ruhe und mit sich vertiefender Aufmerksamkeit gelesen werden wollen, die sollten nicht im Stehen betrachtet werden. Bei großen Bildern ist es hilfreich, sich auf eine Bank setzen, um es aus der richtigen Distanz ausführlich betrachten zu können. Um Kunst zu verstehen, sagt Simone Weil, muss man „sie so lange anschauen, bis das Licht hervorbricht“. Daran ist in der Albertina nicht zu denken. Nicht nur weil Sitzgelegenheiten vergleichsweise spärlich angeboten und meist von erschöpften und gequält wirkenden Besuchern dicht besetzt sind. Der Blick wird meist durch im Vorbeieilen knipsende Besucher verstellt, die wie Schnäppchenjäger auf der Suche nach den „Angeboten“ sind, die den Eintrittspreis wieder einspielen. Es hat eine Weile gedauert, bis ich einen Platz auf der Sitzbank vor dem wunderbaren „Der heilige Hieronymus“ von 1521 ergattern konnte. Während ich da sitze eilen Dutzende Fotografierende vorbei, verstellen den Blick, geben ihn wieder frei, um ihn kurz darauf wieder zu verhindern. Es ist als müsste man ein Bild betrachten, das hinter einem Vorhang verborgen ist, der sich durch einen Zufallsgenerator gesteuert, immer wieder für kurze Zeit öffnet und schließt.

Was wollen all diese vorbei flüchtenden Besucher von diesem Bild, diesem Mann? Den Tod bedenken? Das wäre ja noch der platteste Zugang. Und das memento mori drängt sie zur Eile, um im Leben und in dieser Ausstellung nichts zu verpassen? Ihr Leben ist kurz, aber auch die Kunst währt für sie nicht lang. Das Foto, das da schnell geknipst wird, wird ja wohl in den seltensten Fällen zum heimischen, nachbetrachtenden Studium genutzt; dazu würde sich der insgesamt gute Ausstellungskatalog viel besser eignen – er bringt die Ausstellungsstücke in viel besserer Qualität zur Geltung und hilft noch durch manche kunsthistorische Einordnung. Das Foto dient tatsächlich nicht zur Begegnung mit dem Kunstwerk, sondern zum Beleg des eigenen Daseins: der Time Stamp des Fotos beweist, ich war wirklich da, stand vor dem Original, das es wirklich gibt. I’m real und really open minded – und kulturell vielseitig interessiert. (Das vielgestaltige Inter-esse ist vermutlich Grund der Ausstellung und zugleich dasjenige, was sich zwischen den Betrachter und das Aus-Gestellte stellt und es knipsend verstellt.)

Melancholia – Kupferstich (1514) – Wikimedia

Es ist wahrlich deprimierend. Das kann so nicht bleiben. Wenn wir etwas aus dieser gigantischen Ausstellung lernen, dann das, dass epochal-monumentale Ausstellungen kontra-produktiv sind. Sie bringen nichts hervor, sie vernebeln und schieben das Ausgestellte zurück in die Gleichgültigkeit des irgendwie Originalen. Was die Ausstellung ausstellt ist die Unzugänglichkeit der (Dürerschen) Kunst. Was wäre, wenn der Besucher wählen könnte, zwischen einem Ausstellungsbesuch, bei dem er alles flüchtig sieht, und der ruhigen Begegnung mit nur einem der Meisterstücke, der „Melancholia“ etwa oder dem „Der Tod und der Teufel“: ein bequemer Stuhl, das Werk zur ausführlichen Betrachtung direkt vor sich liegend und das alles unter freundlicher Anleitung eines „Kunst-Theoretikers“ – das heißt eines in der „Schau“ von Kunst Bewanderten? Nur wenige würden das wohl als echte Option sehen. Wegen einiger weniger Werke nach Wien und ins Museum kommen? Gott behüte!

Und doch liegt in der Beschränkung die Kraft. Was sollen wir machen? Sollen wir den Zugang zu Dürer nur den wenigen Privilegierten erlauben, deren Privileg ja letztlich genau das wäre, ihn sehen zu können? Die Antwort ist: Ja und Nein.

Ja, weil der Zugang beschränkt werden sollte/muss auf diejenigen, die eine Antwort auf die Frage geben können, was sie hier wollen. Wir brauchen echte „Zugangskontrollen“, um den Zugang zu ermöglichen. Wer durch eine Wand abweisender Rücken nichts mehr zu sehen vermag, dem muss ein Blick ermöglicht werden. Die Freiheit der einen – und träten sie noch so massenhaft auf – muss an der Freiheit der anderen ihre Grenze finden. Das Ticket als Zugangsbedingung ist einfach zu wenig. Der Besucher sollte mehr mitbringen, es muss ja nicht gleich das Große Latinum sein. Warum sollten wir z.B. nicht den Ausstellungskatalog (und seine auch nur flüchtige Lektüre) zur Bedingung für den Zugang zur Ausstellung machen?! Wer nicht zu sagen weiß, was er hier sucht, der kann hier auch nichts finden. Er sucht hier nichts und hat hier – mangels geeigneter Voraussetzung – nichts zu suchen. Man muss den Leuten nicht nur sagen, was sie erwartet, sondern auch was man von ihnen erwartet. Ein Dom ist kein Ort für ein Picnic, ein Museum kein Ort für eine ausgelassene Hen-Party oder einen feuchtfröhlichen Betriebsausflug (wobei natürlich nichts gegen Hen-Parties und Betriebsausflüge gesagt sei!). Wer ein Auto oder ein Boot mietet muss den notwendigen Führerschein vorweisen. Zugang also ja, natürlich, aber kontrolliert.

Und Nein, weil wir sicherstellen müssen, dass der Zugang zur (Dürerschen) Kunst für alle möglich ist und die dafür notwendigen Voraussetzungen, allen zugänglich sind. Das freilich heißt, dass alle, die die Begegnung mit der (Dürerschen) Kunst suchen, in die Lage versetzt werden, zu sagen, was sie sich von dieser Begegnung versprechen. Man kann das „Volksbildung“ nennen. Ihr Ziel ist, die (Dürersche) Kunst aus der Vereinnahmung derjenigen zu nehmen, die durch den Wohlstand ihrer Eltern in der Lage sind, eine geschulte Antwort zu geben. Das ist der Sinn von Bildung, von der alle reden und die eben nicht auf die Verbesserung der Weltmarkposition abzielt. Bildung gibt Zugang zu wertvollen Dingen und das heißt, lässt sie als solche suchen und erkennen. Das Bildungsrecht mit „offenen“ Ausstellungstüren gleichzusetzen, bei denen die Eintretenden dann nichts sehen können als ihre eigene Masse, ist Hohn.

Nicht dass jeder zu (Dürerscher) Kunst finden sollte. Man kann auch ohne (Dürersche) Kunst gut leben. Wer aber zu (Dürerscher) Kunst finden möchte, dem muss man helfen und ihn nicht einfach in eine überfüllte Ausstellungshalle schicken, wo er nicht weiß, was er machen soll und dann vorsichtshalber mal fotografiert. Man muss ihm sagen, dass der Zugang Aufmerksamkeit und Mühe erfordert und in der Regel Anleitung bedarf. Wer das bereits weiß und die Begegnung sucht, dem wird sie am Ende durch die schiere Masse derer verstellt, die blind zwischen den Kunstwerken herumirren und nicht wissen, wie ihnen geschieht.

Der bildungsfreie Zugang zur (Dürerschen) Kunst verstellt sie für die, die sie suchen, und macht sie zu Touri-Attraktionen einer großen Unterhaltungsindustrie.

Können wir die (Dürersche) Kunst wirklich mit spitzen Fingern aus der Vermarktungsshow und ihrer Verwertungsverpackung herausholen? Wer die große Kunst feiert und ihre Vermarktung ignoriert, der gibt sie am Ende selbst auf und der Vermarktung preis. Hans-Joachim Müller feiert Dürer in seiner „Die Welt am Sonntag“-„Einladung“ zur Ausstellung in der Albertina als einen, der sich aus den Konventionen des Berufsstands befreit habe. Dürer sei „für alle da“. Nur müsste man ihn zwischen „allen“ wahrnehmen können und „alle“ müssten sehen wollen und können, was er zeigen will. Also sperren wir die Museen erstmal ab. Geben wir Zugang nur auf Nachfrage, dann aber bereitwillig und mit der nötigen Unterstützung. Also keinen Champions League Wahnsinn mehr vor der Glotze und nur zum Glotzen, sondern Förderung des Breitensports zur Körperertüchtigung. Keine Ausstellungsmagier mehr, sondern Wahrnehmungshelfer. Kunstlehrer statt Kulturmanager. Die Beschwörung der großen (Dürerschen) Kunst ist in Wahrheit eine Selbstvermarktung der Ausstellungsmacher und der über sie schreibenden Kritiker dieser „Welt“.
Womit könnten wir noch Aufsehen erregen?“ –
Hmm. Vielleicht Dürer? Die letzte Dürer-Ausstellung liegt lange zurück.“ –
Super Idee. Laß’ uns ne Dürer-Ausstellung machen, größer und fetziger als jemals zuvor!

Kunst und Sport sind eben Wirtschaftsgüter wie andere auch und ihre Experten, Experten ihrer Vermarktung. Der Sportteil und das Feuilleton also doch nur schmucke Erweiterungen des Wirtschaftsteils?! Die Finger können gar nicht spitz genug sein: es bleibt immer was Schwarzes von diesen Blättern dran kleben. Da kann man schon melancholisch werden.

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