Hektor in Troja – vom Wesen der Besinnung

Trotz der Kürze eines mit Belastungen überladenen Lebens sollte ein kultivierter Europäer alle 10 Jahre die Homerischen Epen wiederlesen nicht unter dem Leistungszwang wie damals in der Schule, auch nicht in drei Tagen und im Heißhunger sie verschlingend, sondern über Wochen hin und ruhigen Kopfes.

Diese einnehmende Empfehlung des französischen Schriftstellers Georges Duhamel (1884 – 1966) mag für die Odyssee angehen. Die Geschichte des von Heimweh zehn Jahre durch die Welt getriebenen Odysseus und dem schlussendlichen grausam herbeigeführten Happy-End, erzählt uns Geschichten, die wir leicht als exemplarisch auf unsere eigene Lebenssituation übertragen können. Wer empfand sich nicht schon mal in einer Situation, in der er sich wie der „Listenreiche“ auf einer gefährlichen Fahrt zwischen Scylla und Charybdis glaubte. Und nicht wenige werden vermutlich auch schon von der Gefahr der Sirenengesänge gehört haben – und ihr mehr oder weniger gut entkommen sein.

Ilias

Gilt auch für die Ilias, dem blutreichen Schlachtgemetzel vor Troja, dass wir uns ihr „trotz der Kürze eines mit Belastungen überladenen Lebens“ immer wieder in Ruhe und „Andacht“ widmen sollen? Sie handelt weniger vom Sieg der Griechen als vielmehr vom Zorn des Achills. Von der listigen Einnahme der Stadt über das „trojanische“ Pferd z.B. berichtet ja nicht die Ilias, sondern in wenigen Andeutungen nur die Odyssee.

Tatsächlich ist die Ilias fremd. Gerade ihre Fremdheit und Sperrigkeit öffnet freilich Blick auf unsere „moderne“ Welt, die sich von der Homerischen so grundlegend abzuheben scheint. Eine berühmte Szene ist Hektor in Troia (oder Hektors Abschied von Andromache) im sechsten Buch der Ilias. Hektor, der große Held der Trojaner nimmt Abschied von seiner Frau Andromache. Das verspricht Anrührendes über die innige Beziehung von Eheleuten, tiefe Gefühle von Liebe und Trennungsschmerz. Das reduziert die Begegnung der beiden schnell auf ein Herz-Schmerz-Stück oder – fürs anspruchsvolle Publikum – auf einen Vorläufer von Szenen einer Ehe. Wirkliche Einsicht gewinnen wir nicht, wenn wir das Fremde ignorieren und es uns einfach angleichen. Wer in fremden Ländern immer nur die eigenen Sitten und Gebräuche finden will, der kann sich die Reise sparen. Und so werden wir Hektors Abschied von Andromache auch dann nur wirklich verstehen, wenn wir in diesem Abschied mehr sehen als wir sehen wollen, wenn wir uns also auf das (befremdliche) Geschehen der Ilias einlassen und diesen Abschied aus dem Kampf der Kräfte, der vor Ilias Toren tobt, aus dem grausamen Hin-und-Her der waltenden Mächte und dem (schicksalhaften) „Wesen“ des Lebens der homerischen Helden begreifen.

Schwebezustand

Wir müssen schon ein bisschen Geduld mitbringen bis wir im sechsten Gesang auf Andromache stoßen. Der sechste Gesang hat knapp 530 Verse und erst ab Vers 365 beginnt sich die Geschichte Andromache zuzuwenden. Hier erfahren wir das erste Mal von der Absicht Hektors seine Frau und sein Kind zu besuchen. Aber – in gewissem Sinne – zielt der ganze sechste Gesang auf diese Begegnung. Er beschreibt einen Zwischenzustand der Entscheidung, des Loslösens und der neu verfügten Bindung, ein Innehalten und Zurückwenden, der zur Ent-scheidung führt.

Die Auseinandersetzung zwischen den Griechen und den Trojanern ist vor allem eine von großen Helden. Hektor ist einer von ihnen auf Seiten der Trojaner. Viele wurden uns bereits in den vorausgehenden Gesängen vorgestellt. Der erste Gesang zeigt uns Agamemnon und Achill mit ihrem Streit, der den Zorn des Achills und seinen Rückzug aus dem Kampf begründet. Achill ist für die Griechen entscheidend: sie können Troja nicht einnehmen, solange Achill nicht wieder in den Kampf eingreift. Vor allem Diomedes ist es, der das Kampfgeschehen in Abwesenheit Achills bestimmt und der uns im fünften Gesang, seiner Aristie, vorgestellt wurde. Diomedes gelang es mit Hilfe von Athene sogar, den Kriegsgott Ares zu verletzen und in die Flucht zu schlagen. Auf beiden Seiten der Kämpfenden sind Götter involviert. Hera und Athene auf Seiten der Griechen, Aphrodite, Apollon und Ares auf Seiten der Trojaner. Die „Verletzung“ des Ares führt schließlich dazu, dass sich die Götter zur Beratung zurückziehen:

Einsam war der Troer und Danaer schreckliche Feldschlacht.
Viel nun hierhin und dort durchtobte der Kampf das Gefilde,
Ungestüm aufeinander gewandt erzblinkende Lanzen,…
[1]

So der Anfang des sechsten Gesangs. Homer setzt alles in die Schwebe. „Einsam“ (οἰώθη), nämlich von den Göttern verlassen, wird der Kampf nicht zu einem Ende kommen. Zeit, den großen Widersacher Achills auf Seiten der Trojaner, Hektor, einzuführen. So sagt Achill z.B. voraus, dass die Griechen sich ohne ihn, Achill, gegen den „männerwürgenden Hektor“ nicht erwehren können.[2] Er hatte bisher noch keine entscheidende Rolle gespielt. Was ihn ausmacht, erfahren wir nun in einem dreischrittigen Crescendo, das im Zurückwenden sein Wesen herausstellt. Es ist ein Innewerden dessen, was ihn wesentlich bestimmt.

Aias haut drauf – wie immer

Zunächst geht es weiter wie bisher. Die Vorteile der Griechen werden gefestigt und ausgebaut. Dafür steht der (große) Aias. Er ist wie immer und haut drauf. Mit kaltblütiger Brutalität wütet er gegen die Troer. Wobei die Trojaner durchaus als ehrenwerte, geradezu bewunderungswürdige Männer erscheinen. Z.B. wird Axylos erschlagen und als einer ausgezeichnet, der „von den Menschen geliebt war, weil er alle mit Liebe beherbergt“.[3]

Menelaos hält inne

Menelaos

Menelaos sehen wir im Kampf gegen Adrastos, der vom Streitwagen stürzt. Menelaos stellt sich mit der Lanze über den wehrlosen Adrastos, der etwas winselig um Schonung bittet und Menelaos ein reiches Lösegeld durch seine Verwandten verheißt, wenn er ihn denn verschone. Das entspricht durchaus einem gängigen Verfahren. Es würde die Ehre Menelaos nicht schmälern, wenn er sich für die Freigabe des (fürstlichen) Feinds Reichtümer erwürbe.

Das flehentliche Bitten verfehlt auch nicht seine Wirkung: er „rührte das Herz des Atriden [also Menelaos]. Schon war dieser bereit, ihn dem Waffengenossen zu geben, / Daß er hinab zu den Schiffen ihn führte.[4] Aber …

Ilias ausmerzen – erstmal aufgeschoben

Agamemnon

Aber, da aber eilt sein Bruder Agamemnon herbei und beschimpft ihn seiner Unentschlossenheit wegen als „Weichling“: Kein Trojaner „entfliehe dem jähen Verderben, / Keiner nun unserem Arm, auch nicht im Schoße das Knäblein / Welches die Schwangere trägt, auch das nicht! Alles zugleich nun / Sterbe, was Ilios nährt, hinweggerafft und vernichtet!“[5]

Nach jahrelangem aufreibendem Kampf müssen jetzt Erfolge her. Agamemnon muss sich als Heerführer beweisen. Er übernimmt es deshalb auch den wehrlosen Adrastos gnadenlos abzuschlachten.

Auch Nestor, der gemeinhin als Vorbild adliger Kriegertugenden, altersweiser Besonnenheit und („göttlicher) Redlichkeit gilt, ermahnt alle Kämpfer der Griechen, sich ganz auf den Kampf zu konzentrieren.[6] Nestors Mahnung „weckt den Mut und die Kräfte der Männer“, sie gehen in die Offensive. Die Trojaner geraten darüber in „Verzweiflung“ und beginnen zu fliehen.

Alles kommt zum Halt

In dieser Situation rät auf Seiten der Trojaner Helenos als „der kundigste Vogeldeuter“ den trojanischen Anführern, man müsse die Flucht schnellstens stoppen und sich den Griechen wieder entschlossen entgegenstellen. Sein Bruder Hektor solle den Männern zureden und anschließend nach Troja zurückkehren, um ein würdiges Opfer an Athene zu veranlassen und das griechische Wüten einzudämmen.

Hektor gelingt es tatsächlich, die Flucht zu stoppen und die erschöpften Krieger erneut gegen die Archaier in Stellung zu bringen. Die Griechen sind über diese neuerliche Gegenwehr überrascht und stellen den Vormarsch ein. Es entsteht ein Schwebezustand, aus dem Hektor am Ende als der trojanische Held zurückkehrt. Hektor kann zurück nach Troja, um ein Opfer an Athene zu veranlassen. Die „Unterstützerin“ der Griechen soll gebeten werden, bei ihrer Hilfe für die Griechen nicht maßlos zu sein und den Diomedes zu zügeln.

Hektor macht sich auf den Weg. Und Homer nutzt nun gleichsam die Zeit, die Hektor für die Rückkehr nach Troja braucht für eine Zwischen-Geschichte – so als müssten wir Leser warten bis er angekommen ist. Homer bricht die Erzählung ab und nimmt uns in eine andere Geschichte mit, die in mehrfacher Hinsicht einen Aufschub anzeigt, der eine klärende Rückbesinnung erlaubt, die das Wesen des Geschehens freigibt. Nachdem sich sogar die Götter zur Beratung zurückgezogen hatten, muss alles neu bedacht werden und sich neu finden.

Diomedes – im Zwischenreich der Gastfreundschaft

Diomedes

Diomedes ist derjenige, der den Kampf der Griechen in der Abwesenheit Achills wesentlich prägt und sogar den Kriegsgott selbst zur Flucht „zwingt“. Im Zwischenzustand der sich neuformierenden Lager trifft er nun unerwartet und fast zufällig auf Glaukon, der auf der Seite der Trojaner kämpft. Verwundert, dass sich dieser ihm zum Kampf stellen will, hält er inne und fragt Glaukon, wer er denn sei – wohl um sicher zu sein, dass er in ihm einen rühmlichen Gegner hat und ihm nicht ein Verwirrter oder gar ein Gott entgegentritt.

Wer nur bist du, Edler, vom Stamme der sterblichen Menschen?
Nie gewahrt’ ich dich doch in der männerehrenden Feldschlacht
Vormals: jetzt indessen erhebst du dich weit vor den andern
Allen durch Mut, da du meiner gewaltigen Lanze dich darstellst.
Unglückseliger Eltern Söhne begegnen mir sonst nur!
Bist du aber ein Gott, vom Himmel herniedergekommen,
Nicht fürwahr begehrt’ ich mit himmlischen Göttern zu kämpfen.

Stammst du von Menschen jedoch, die Früchte des Feldes verzehren,
Komm heran, dass du rascher dann vom Verderben umstrickt wirst!
[7]

Glaukon gibt nun in einer weit ausgreifenden Antwort Auskunft über seine Herkunft.[8] Wir werden in eine ferne Landschaft und in eine zwei Generationen zurückliegende Zeit geführt. Und die gibt dem Zusammentreffen der beiden eine völlig neue Wendung. Diomedes erkennt in der Geschichte, dass sich ihre Väter bereits einmal als Gastfreunde begegnet waren und sich dabei gegenseitig wertvolle Gastgeschenke überreichten. Diomedes sieht sich deshalb nun seinerseits als „Gastfreund“:

Also bin ich nunmehr dein Gastfreund mitten in Argos,
Aber in Lykien du der meinige, komme ich dorthin.
[9]

Eine merkwürdige Wendung des Geschehens: Hatte Agamemnon gerade noch dazu angetrieben auch schwangere Frauen zu massakrieren, um Troja vollständig auszulöschen, bietet Diomedes nun Gastfreundschaft an. Dem aber nicht genug. Diomedes schlägt – für unsere Ohren etwas bizarr – folgendes vor:

Meiden wir unsere Lanzen auch jetzt im dichten Getümmel
Hab’ ich doch Troer genug und rühmliche Bundesgenossen,
Daß ich erschlage, wen Zeus mir gewährt und die Schenkel erreichen;
Du der Achaier genug, soviele du kannst, zu erlegen.
Aber tauschen wir beide die Rüstung, damit auch die andern
Sehn, wie wir gastliche Freunde uns rühmen aus Zeiten der Väter.
Also ihr Wort. Sie schwangen sich gleich hinab von den Wagen,
Reichten einander die Hände und schwuren sich treue Freundschaft.
[10]

Sie müssen nicht gegeneinander kämpfen, da doch genug andere da sind, die sie erschlagen können!

Alles zielt darauf ab, uns in einen Zwischenzustand zu versetzen, einen Aufschub, der die Spannung steigert – so wie ohne Achill die Griechen nicht gewinnen können, so bedeutet auch die Abwesenheit Hektors für die Schlacht, dass dort nichts Entscheidendes geschieht.

Hektors Weg zur Mutter …

Burgmauern Trojas

Ein merkwürdiges Zwischenspiel, aus dem Homer uns recht plötzlich ans „Skäische Tor“[11] Trojas holt. Dort ist nämlich „inzwischen“ Hektor angekommen. Er sieht sich schnell von Frauen umringt, die aus dem unerwarteten Auftauchen Hektors das Schlimmste für ihre im Feld kämpfenden Männer und Söhne vermuten müssen. Ist der Kampf also verloren? Auch seine Mutter Hekabe, zu der er schließlich eilt, „begrüßt“ ihn mit der besorgten Frage:

Warum kommst du, mein Kind, und verließest das wilde Getümmel?
Hart wohl drängen sie uns, die verwünschten Söhne Achaias,
dort im Kampf um die Stadt, dass nun dein Herz dich hierhertrieb…
[12]

Alles scheint verloren, wenn Hektor sich aus der Schlacht zurückzieht. Sie bietet ihm zu Beruhigung und Trost Wein an, „denn dem ermatteten Mann ist der Wein ja kräftige Stärkung, / so du dich ermattet hast, die Deinigen schirmend“.[13] Der „honigsüße Wein“ soll ihm über seine bittere Lage hinweg zu helfen. Er lehnt ab. Er ist in Eile. Er ist nicht zurückgekommen, um sich aus dem Kampf heraushalten. Im Gegenteil, er ist gekommen, um „als“ Hektor in die Schlacht zugehen. Vorher aber muss er ein Weihegeschenk für Athene veranlassen, um sie zur Milde zu bewegen. Dazu fordert er nun die Mutter auf. Übermaß gilt den Griechen als Zeichen des Schlechten[14] und übermäßig scheint nun das Wüten der Griechen am Beispiel Diomedes. Deshalb die Bitte an Athene, das Maß zu wahren und Diomedes zu zügeln. Athene erhört das Flehen der trojanischen Frauen trotz der reichen Opfer nicht. Das konnte auch niemand ernsthaft erwarten. Die Bitte an Athene erfolgt nicht in der Annahme, sie tatsächlich zu erweichen. Sie ist nur Ausdruck der Selbstreflexion, nämlich des Wissens um die eigenen Grenzen und die zum Ausdruck gebrachte Anerkennung an die prägenden Kräfte des eigenen Lebens, die die Bedingung der eigenen Lebensführung sind. Obgleich aussichtlos, muss das Gebührende getan werden, gleichsam als Anerkennung der Umstände, mit denen wir in diesem Leben (und im Kampf um Troja) zu tun haben. Auch wenn die Götter sich unwillig entgegenstellen, ist ihnen die Ehre zu geben und das bedeutet nichts anderes als das eigene Wesen zu ergreifen.

Das ist auch die Antwort auf die Frage, die auch wir Leser mit der Mutter stellen: „Warum kommst du, mein Kind, und verließest das wilde Getümmel“?: Hektor kommt zurück, um sich aus seiner „Herkunft“, seinem Ge-Wesen-Sein, seine Bestimmung für den Kampf zu versichern. Freilich wendet nicht er sich zurück, er wird zurückgewendet. Es ist nicht die selbstergründende Reflexion eines freien (modernen) Subjekts, eines Selbst, das sich zu seiner eigenen Lebensgeschichte und -bestimmung verhält. Was ihn als Hektor ausmacht, das ist der Gegenstand seiner Rückkehr in die Stadt, eine Einkehr in sein Wesen, das uns von Homer nun mit den prägenden Kräften gezeigt wird. Der Weg zurück führt über die Mutter, den Bruder und die Ehefrau.

Der Rückgang ist keine Flucht. Hektor ist nicht Paris, ist nicht wie der Bruder, zu dem er jetzt eilt.[15]

Der schöne Bruder: Paris

Bevor er wieder in die Schlacht geht, sucht er den Bruder Paris auf. Paris hatte den Kampf mit der Entführung Helenas ausgelöst. Er hatte Menelaos die Frau geraubt, die von den Griechen zurückgewonnen werden soll und sie so vor die Küste Trojas geführt, an der sie nun schon Jahre im Krieg festhängen. Paris ist nicht gerade der ruhmreichste Held. Zwar ein exzellenter Bogenschütze, führt er den Kampf – wenn er denn muss – lieber aus der Distanz (um nicht zu sagen aus dem Hinterhalt).

I.          Rückblick – die Rückkehr des Paris

Paris

Paris hatte sich aus der Schlacht entfernt und war – wie Hektor jetzt – nach Troja zurückgekehrt. Allerdings ging dem im dritten Gesang einen unrühmlichen Auftritt voraus. Beim ersten Zusammentreffen der Heere in der Ilias[16] lässt Homer Paris und Menelaos demonstrativ zusammenstoßen. Paris posiert fesch herausgeputzt vor den Reihen der Trojaner. Menelaos stürzt Paris entgegen „gleich einem Löwen, dem große Beute begegnet“. Der erschrickt „im innersten Herzen“, flieht aus der ersten Reihe und taucht „im Schwarm der Genossen“ unter.[17] Hektor, sein Bruder (!), ist voller Verachtung und Scham:

Unglücksparis, du Held von Gestalt und Mädchenverführer
Wärest du nie geboren und unvermählt doch gestorben!
Das ist wahrlich mein Wunsch! Viel heilsamer wäre dir solches
Als zum Gespött zu stehn und von allen verachtet!
Ja ein Gelächter erheben die hauptumlockten Achaier,
Die für den besten Führer dich achteten, weil du so schönen
Wuchses erscheinst; doch wohnt nicht Kraft dir im Herzen noch Stärke.
[18]

Paris besinnt sich und bietet – wieder im Schutz der eigenen Leute – dem Menelaos den alles entscheidenden Zweikampf an. Er ist ein Schau-Spieler, der den großen, theatralischen Auftritt liebt: ein Zweikampf vor den Augen beider Heere soll die Entscheidung bringen. Wer gewinnt soll Helena mitsamt einer „fürstlichen“ Mitgift bekommen und der Streit zwischen Griechen und Trojanern in „einem heiligen Bündnis und Freundschaft“ auf immer beigelegt werden. Menelaos (und die Griechen) nehmen die Herausforderung an. Wir wissen sofort, die Sache kann nicht gut ausgehen. Natürlich ist Menelaos Paris deutlich überlegen. Nach kurzem Kampf packt Menelaos den wehrlosen Paris am Helmgurt und schleift ihn hinter sich her zu den eigenen Leuten. Nun greift Aphrodite ein, die Göttin, der Paris den Apfel zugedacht hatte und die deshalb Partei für die Trojaner ergreift: „sie hüllte ihn dicht in wallende Nebel / Und versetzte ihn gleich in den duftenden Raum des Gemaches“.[19] Helena soll zu ihm kommen, Paris warte sehnsüchtig auf sie: „Kaum würdest Du glauben / Dass er vom Kampfe gekommen, vielmehr, er gehe zum Reigen, / oder habe sich eben gesetzt, vom Reigen zu ruhen“. [20]

II.                  Helenas Verachtung

Helena zwischen Aphrodite und Menelaos

Helena ist freilich gar nicht begeistert: ihr scheint es „schimpflich“ das Lager mit solch einem ärmlichen Verlierer zu teilen. Ihre Begrüßung klingt wenig einladend:

Kommst Du vom Kampfe zurück? O wärest du lieber gefallen,
Niedergestreckt von dem Helden, der früher mein Gatte gewesen!
Immer hast du geprahlt, der streitbare Held Menelaos
Sei dir mitnichten gewachsen an Kraft und Fäusten und Lanze!
[21]

Am Ende fügt sich sie sich unwillig Aphrodite und „legt“ sich zu Paris. Bei Helena (- im „Liebesnest“) hält sich er sich immer noch auf und dorthin führt uns Homer mit Hektor, um seinen Bruder in die Schlacht zurückzuholen.

In voller Kriegsmontur trifft er auf Paris und beschimpft ihn unvermittelt von der Schwelle des Hauses, in das er gar nicht eintreten will: „O Du Verblendeter, wenig ziemt es dir, also zu grollen!“[22] Draußen vor der Stadt tobe der Kampf, für den er die Schuld trage, er aber habe sich von ihm gedemütigt zurückgezogen. Das sei eine Schande und er müsse umgehend in die Schlacht zurückkehren „ehe die Stadt vom lodernden Feuer verzehrt wird.“

Paris gesteht seine Schuld ein. Er hat sich zum Schmollen zurückgezogen („zum Grame nur wollt’ ich mich wenden.“) und hat die Troer kämpfen lassen. Auch Helena habe ihn bereits ermahnt und „zum Kampfe gespornt“. Dafür bereite er sich nun vor.

Helena ergreift ihrerseits das Wort und beklagt, dass sie Paris und nicht einen Mann wie den Bruder zum Gatten bestimmt bekam, denn ihrer ist „zaghaft jetzt und wird es in Zukunft / immer sein“.[23] Starke Worte von der Frau um derentwillen sich seit Jahren das kriegerische Abschlachten hinzieht. Sie wünscht sich (einen) Hektor an ihrer Seite und lädt ihn ein, ins Haus zu kommen und zu bleiben. Hektor lehnt natürlich ab – er muss in den Kampf zurück.[24] Paris möge nicht zögern und mit in den Kampf ziehen. Er selbst wolle aber „auch heimwärts gehen“, zu seinem „zarten Sohn“ und Andromache, der „teuren Gemahlin“, „denn wer weiß, ob ich wieder zurück zu den Meinigen kehre / Oder ob gleich durch Danaer Hand mich die Götter bezwingen“.[25] [26] Alles wird überstrahlt von dem Unheil, das bald über Troja hereinbrechen wird und das auch Hektor den Tod verheißt.

Hektor und Andromache

Hektor eilt nach Hause. Nun geschieht etwas Besonderes, etwas Retardierendes, das den Schwebezustand besonders hervorhebt. Wir müssen jetzt auf alles achten, jede Bewegung, jede Geste und jedes Wort. Nicht zuletzt auf das, was wider Erwarten nicht geschieht. Hektor sucht Andromache, aber sie ist nicht da. Anders als Hekabe und dann Paris und Helena ist Andromache nicht dort, wo er sie vermutet? Warum lässt Homer sie nicht „zu Hause sein“? Wo ist sie?

Aber er fand die holde Andromache nicht im Gemache
Sondern mitsamt dem Kind und der wohlgeschmückten Gefährtin
Stand sie hoch auf dem Turme und jammerte, seufzend und weinend.
[27]

Sie ist nicht – wie er zuerst vermutet – mit der Mutter zum Tempel der Athene unterwegs, um dort zu opfern. Sie ist in Sorge um Hektor ans Skäische Tor geeilt, um die Lage zu erkunden und ihm nahe zu sein. Bewegung und Gesinnung der Eheleute sind gegenläufig: Sie treibt es („einer Rasenden gleich“) zum Mann, den sie in der Schlacht vermutet, während Hektor sich zu dem zurückwendet, was seinen Kampf begründet. Sie suchen sich jeweils dort, wo sie den anderen „heimisch“ glauben, sie ihn draußen im Krieg, er sie drinnen im Haus.

Aber Hektor kann zu Hause nicht finden, was er sucht, Andromache und das kleine Söhnchen, und sie findet dort nicht die Ruhe, nach der ihr verlangt. Die Ruhe des Hauses gibt es nur ohne den Krieg, den Hektor für den Frieden des Hauses zu führen hat.

Er ist auf dem Weg zurück in den Kampf als er am Tor, am Ausgang zur Schlacht, die seine Bestimmung und sein Ende verheißt, auf Andromache trifft. Sie ist mit einer Dienerin unterwegs, die das kleine Söhnchen auf dem Arm trägt, „das muntere, noch unbehilfliche Knäblein, / Hektors einzigen Liebling, dem schimmernden Sterne vergleichbar. /… / Siehe, mit Lächeln blickte der Vater still auf das Knäblein“.[28] Hektor sieht vor allem den Sohn. Dem stillen Lächeln mit dem sich Hektor dem Sohn zuwendet, kontrastieren Andromaches Tränen. Sie tritt aufgewühlt zu Hektor heran und sucht die körperliche Berührung: „Tränen vergießend“ nimmt sie „ihn gleich bei der Hand“ – ἔν τ’ ἄρα οἱ φῦ χειρὶ ist eine seltsame Formulierung, die Wolfgang Schadewaldt in seiner viel gelobten Prosaübersetzung (1975) als sie „wuchs ihm ein in die Hand“ wiedergibt. Die Berührung zeigt beide als einen lebendigen Körper, zu dem ihre Leben zusammengewachsen sind, und denen deshalb ein gemeinsamer Untergang bestimmt ist.

Unglücksel’ger (δαιμόνιε), dich tötet dein Mut noch, und du erbarmst dich
Nicht des stammelnden Kindes noch meiner, des elenden Weibes,
Bald nun Witwe von dir, denn dich morden gar bald die Achaier,
Gegen dich alle vereint!
[29]

Hektor wird sterben. Andromache und der Sohn werden daran zugrunde gehen. Hektor solle sich „besinnen“, er könne auch aus der Stadt heraus die Verteidigung organisieren. Natürlich wissen wir, dass das für Hektor nicht möglich ist. Und auch Andromache weiß es. Es ist keine Sache, über die Hektor entscheiden könnte. Auch Hektor „weiß gewiß in [seinem] Geist und Gemüte“ ums eigene Verhängnis. Mehr noch als den Untergang der Stadt beklagt er die heraufziehenden Schrecken für Frau und Kind – „allein ich verginge / wohl in Scham… / Wenn ich hier wie ein Feiger entfernt vom Kampfe mich hielte. / Das verbietet mein Herz“.[30]

Und so sehr er sich um Andromaches Unglück sorgt, so wendet er sich vor allem dem Sohn zu. Aber als er ihn aus den Armen der Dienerin zu sich nehmen will, schreckt der Kleine freilich vor Hektor zurück, der da in glänzender Kriegsrüstung nach ihm ausgreift und beginnt zu weinen. „Helmgerüstet“ wird Hektor immer wieder genannt oder „helmumflattert“, weil er durch seinen Helm mit dem buschigen Roßschweif aus den Reihen der Kämpfer heraussticht. Dass der Sohn sich vor dem kriegsbereiten Vater fürchtet, lässt Hektor und Andromache „herzlich lachen“. Homer beobachtet genau. Vor allem dient ihm diese schöne Wahrnehmung kindlicher Angst wieder retardierenden, aufschiebenden Besinnung. Hektor nimmt den Helm ab und stellt ihn auf den Boden. Er nimmt schließlich den Jungen zu sich, „küsste sein liebes Kind und wiegte es sanft in den Armen“. Nach einem kurzen Bittgebet an Zeus, er möge den Kleinen „noch trefflicher“ machen als den Vater, legt er den Sohn „in die Arme der liebenden Gemahlin“, die ihn an sich drückt, „unter Tränen noch lächelnd“. Es ist eine Symphonie aus Lachen und Weinen, Zueinanderstehen und Abschiednehmen, ein Innewerden im Anderen.

Nun erst kommt es zu einer zärtlichen Geste Hektors: „ihr Gatte, von Mitleid ergriffen / Streichelte sie mit der Hand“.[31] Jeder müsse das Seine tun,[32] und die „Sorge“ der Männer sei der Krieg und vorrangig seine.

Armes Weib (δαιμονίη), nicht mußt du zu sehr mir im Herzen dich grämen!
Gegen das Schicksal wird keiner hinab zum Hades mich senden.
Doch dem Verhängnis entrann wohl nie der Sterblichen einer,
Edel oder gering, nachdem er einmal gezeugt ward
.“[33]

Damit hebt Hektor den Helm wieder auf und macht sich auf, in die Schlacht zurückzukehren. Er trifft am Tor auf Paris, der „herausgeputzt“, „leuchtend im Schmucke der Waffen, der Sonne vergleichbar / freudigen Muts“ nun in sein nächstes Schaustück tänzelt. Paris und Hektor zeigen sich in ihrem Wesen.

Andromache aber kehrt „häufig zurück sich wendend und quellende Tränen vergießend“ nach Hause zurück und „lebend noch ward Hektor beweint in seinem Palaste, / Denn sie glaubten, er würde schon nimmer zurück aus dem Kampfe / Kehren und nimmer den Händen der starken Achaier entrinnen“.

Sich Finden

Der Abschied der beiden „Verwachsenen“ ist ihr vorweggenommener Tod. „Verwachsen“ sind sie nicht zuletzt über den Sohn. Dem lächelnden Vater wird er von der Amme – nach ängstlichem Sperren – der Sohn gereicht, der ihn schließlich in die Arme der weinenden Mutter gibt, die ihn „unter Tränen lachend“ ihn an ihre Brust drückt. Wir dürfen – und sollen vermutlich – Hektor (und Andromache) zu Paris (und Helena) in Beziehung setzen. Das Zusammen-Sein von Paris und Helena wird durch Aphrodite bestimmt; die Bindungskräfte bei Hektor und Andromache rühren eher von Hera her. Hektor und Andromache sind wie ein zusammengewachsenes Leben – sie haben ein Kind und in ihrer Begegnung spielt er eine entscheidende Vermittlerrolle. Hektor führt sein Weg in den Kampf von der Mutter über Helena/Paris zu der Mutter des eigenen Sohnes.

Dabei ist alles ist gegenläufig: Helena möchte einen starken Helden, der für sie ehrenvoll kämpft – und ihr gerecht wird. „Für sie“ bedeutet freilich zugleich – weg von ihr. Sie möchte einen Hektor im Kampf, den sie andererseits um ihn zu „bekommen“ zum Bleiben einladen muss und zum „Niederlassen“. Eine Verbindung mit Helena kann nur in direkter Präsens eine „bleibende“ sein, eine die sich in der Gegenwart des Genusses (der erotischen Liebe) ergibt. Sie kann ihn nur „haben“, wenn sie ihn „wegschickt“ und ihn gerade dadurch verliert. Helena hat ihr Gegenstück in Paris – et vice versa – so sehr sie sich einen Hektor zu träumen scheint.

Andromache und Hektor dagegen verbindet etwas anderes als die unmittelbare Präsens. Sie sind „zusammengewachsen“. Aber auch ihr Schicksal ist „tragisch“. Sie sprechen sich beide mit dem gleichen Wort an: δαιμόνιος nennen sie sich wechselseitig, unglückselig, durch einen Dämon besessen. Sie sind durch Götter bestimmt und können ihrem Schicksal nicht entrinnen. Aber das hat etwas weniger Gewaltsames als wir zunächst denken: gewaltsam wäre es, wenn der Dämon sie gegen ihre Natur zu etwas „Widernatürlichem“ zwänge. Aber sie sind wie sie sind, ihrem Wesen entsprechend. Das, was sie ausmacht ist ihr Wesen und das ist δαιμόνιος, gottgefügt – oder eben einfach, so wie es „wirklich“ ist. Elefanten sind Elefanten, Gorillas Gorillas und Hektor – im Unterschied zu seinen Bruder Paris – eben Hektor. Und Hektor – sein Wesen – können wir nicht verstehen ohne Andromache – und vice versa. Sie hängen „wesentlich“ zusammen. Was sie sind, sind mit- und auseinander. Ihr besonderer zeigt sich z.B. am Sohn.

Auch Paris ist in seinem Wesen „gefangen“. Paris „Schuld“ der Flucht aus der Schlacht (im dritten Gesang) ist freilich nicht die Schuld einer Handlung. Es ist die „Schuld“ seines Wesens. Nicht er selbst floh zurück zur Schönheit Helenas, dazu war er – in die Hände Menelaos gefallen – gar nicht fähig. Aphrodite entzog ihn der „wesensfremden“ Umgebung und brachte ihn „zu sich“, zurück in die Arme Helenas.

Hektors und Andromaches Wesen findet sich im Verfehlen. Sie „verfehlen“ sich und dieses „Sich-Verfehlen“ bindet sie in ihrem Wesen zusammen. Homer schafft einen „Zwischenraum“ der Erkenntnis, der im Sich-Verfehlen das Sich-Finden ausdrücklich macht und als Geschehen zeigt. Sie finden sich schließlich und dieses Sich-finden ist die Geschichte, um die es Homer zu tun ist. Hektor findet sich, wird „besonnen“, nämlich auf den Sinn seines Daseins, seines Wesens, ausgerichtet. Sich-Finden ist keine subjektive Besinnung, sondern ein Geschehen, das sich mit ihm ereignet. Es ist die Entwicklung der Kräfte und ihre Darstellung, ihre Ausprägung, ihr Wirklich- und Wirksamwerden. Es fügt sich, wird ge- und verfügt.

Zusammengewachsen sind sie dem gemeinsamen Untergang bestimmt. Und darin unterscheiden sie sich nicht von allen anderen. Am Ende der Ilias, im 24. Gesang, kommt Achills Zorn zur Ruhe. Es bedeutet zugleich sein, Achills Ende.

Gar nichts richten wir aus mit unserem schaurigen Jammer.
So bestimmten die Götter das Los für die kläglichen Menschen,
Immer in Sorgen zu leben; allein sie selber sind sorglos.
Zwei Gefäße sind aufgestellt im Saale Kronions,
Voll mit Gaben: mit bösen das eine, das andre mit guten.
Wem sie zusammengemischt nun Zeus, der blitzende, sendet,
dem wir einmal das Böse zuteil und ein andermal das Gute.
Wem er aber nur Schlimmes beschert, den stürzt er in Schande,
Und es treibt ihn die bittere Not auf der heiligen Erde
Hin und Her; so irrt er, mißachtet bei Göttern und Menschen.
[34]

Wer „trotz der Kürze eines mit Belastungen überladenen Lebens“ sich die Zeit nimmt, „ruhigen Kopfes“ die Homerische Ilias zu lesen, der vermag daraus auch einiges über sich zu lernen – seiner Bestimmung als menschlichem Wesen gemäß.

 

 

[1] VI 1ff: Ich zitiere nach einer „klassischen“ Übersetzung, nämlich aus der zweisprachigen Artemis Ausgabe von Hans Rupé und gebe in den Anmerkungen jeweils noch die moderne, etwas eigenwillige Übersetzung durch Raoul Schrott wieder, bei dem z.B. auch die Groß-/Kleinschreibung aufgegeben wird: griechen und troianer blieben im bittren kampf nun überlassen kein gott stand ihnen mehr bei; die schlacht wogte auf der ebene hin und her … wo von beiden seiten salven von bronzesperren niederprasselten.

[2] I, 242.

[3] VI 10ff.:

[4] VI, 51ff. „als sein flehen bei menelaos erfolg zu haben schien / und der sich schon überlegte, ihn zum schiff schaffen zu lassen

[5] VI, 55ff. – „he bruder! Du weichei – was gibst dich mit dem kerl da ab? … /… drum bringen wir sie alle um! / wer machen keine gefangenen! wir schlitzen auch noch / ihre schwangeren frauen auf und löschen ganz ilios aus! / keiner soll sie begraben: vertilgen wir sie vom erdboden.

[6] VI, 67ff.: „dass niemand jetzt, auf die Beute stürzend, zurückbleibt, / Um das meiste für sich hinab zu den Schiffen zu tragen! / Lasst uns töten die Männer! Danach ja könnt ihr in Ruhe / Weit im Gefilde umher die Leichen der Waffen berauben.“ – „jetzt gehts drum, trojaner zu töten, danach könnt ihr meinetwegen / in aller ruhe dann die überall im feld liegenden leichen plündern

[7] VI, 123ff.: „wer magst du sein, mein guter? Noch jemand der sterben will? / ich seh dich das erste mal auf dem feld der ehre, wo unsereins / ruhm erringt – doch du beweist als vorkämpfer weit mehr mut/ als alle anderen, die sich bisher meinem langen speer stellten / und nun von ihren vätern betrauert werden: es ist schade um sie! / falls u aber ein vom himmel herabgestiegener gott sein solltest / bin ich nicht der mann, ums gegen unsterbliche aufzunehmen. … bist du aber von den sterblichen, ißt du was die erde hergibt / dann komm: ein schritt und du stehst am rand ihres totenackers!

[8] Sie umfasst immerhin etwa 70 der insgesamt knapp 530 Verse des sechsten Gesangs. Wie hat man sich das vorzustellen? Die Krieger ziehen sich langsam zurück, immer noch in Rückzugsgefechten ineinander vergehakt, bis sie sich schließlich in geschlossenen Reihen gegenüberstehen. Immer noch kommen vereinzelte Krieger zurück. Manche treffen aufeinander und schlagen noch auf sich ein. So trifft Diomedes auf Glaukos und stoppt. Sie stehen sich mit gezogenen Waffen gegenüber und Glaukos beginnt nun seine Familiengeschichte zu erzählen.

[9]bei mir in argos steht dir als freund mein haus stets offen – / und wenn ich bei dir in lykien bin, komm ich als dein gast!

[10]wir müssen verhindern, daß wir dann im schlachtgetümmel/ speere aufeinadner werfen – ich hab genug von euch zu töten / so sie mir die götter servieren und ich sie zu fassen kriege; / und du hast genug von uns umzubringen – falls du kannst. / darum laß uns unsere rüstungen tauschen – dann weiß jeder / daß wir zwei schon seit großvaters zeiten gastfreunde sind!

[11] Es ist das dem Schlachtfeld am nächsten gelegene von dessen Turm das Schlachtfeld überblickt werden kann (siehe die berühmte Teichoskopie).

[12] VI, 254ff.: „hektor, mein kind! Was tust du hier? Warum bis du nicht / in der schlacht? Es ist also wahr – die verfluchten griechen / haben die oberhand im kampf um die stadt und dich hat es zurückgetrieben…

[13] VI, 261f.: „wein schenkt einem abgeschlagenen mann wieder alle kraft – / bei deinem kampf für uns mußt du zu tode erschöpft sein!

[14] Das Delphische „Nichts im Übermaß“ (μηδὲν ἄγαν) ist eine beschwörende Warnung, sich nicht zu vergehen.

[15] Und Homer zeigt uns, was die Brüder unterscheidet und Hektor ausmacht.

[16] Die Illias spielt im 10. Jahr des Kriegs gegen Troja. Dem Zusammentreffen im dritten Gesang gingen deshalb schon zahlreiche voraus. Die Griechen sind ermüdet und mutlos geworden und streiten sich, ob sie weiterkämpfen oder die Heimreise antreten sollen.

[17] III, 25ff: Eilend mied er den Tod und barg sich im Schwarm der Genossen

[18] III, 39ff.: „paris – du parodie! nichts als ein blender bist du, ein weiberheld / der jetzt dazu noch seinen schwanz einzieht! wie ich wünschte / du wärest nie geboren – und auf diese frau losgelassen worden: das wär besser, als sie so zur schande zu machen und vor allen / alles vertrauen zu verspielen. Ha, die achaier drüben werden sich / krummlachen vor spott, daß bei uns einer zum vorkämpfer wird / weil er ein schönling ist – und nicht durch mut und willenskraft.“

[19] Aphrodite ist die Göttin, die „über“ Paris bestimmt – sie bestimmt sein Wesen. Der Schöne, möchte schön scheinen. Er besticht durch den schönen Schein, der freilich der Wirklichkeit nicht standhält und so sehnt er sich nun zurück zur Schönen. Der Aphrodite nicht dem Ares ist er geweiht. Und so legt sich ein traumhafter Nebel um ihn und er entschwebt …

[20] III 392ff.: „in seinen kleidern sieht er heut sehr verführerisch aus: / als käm er nicht von einem duell, sondern vom tanzen / oder als ruht er sich noch aus, bevor er aufs fest zieht!

[21] III 428ff.:

[22] VI, 326:

[23] VI, 352: – mancher übersetzt hier: diesem „ist jetzo kein Herz voll Männlichkeit, noch wird hinfort ihm / Solches verliehn“!

[24] VI, 360ff.: „ich darf nicht / Denn es treibt mich der stürmische Mut, den Troern zu helfen / Welche so sehnsuchtsvoll nach mir, dem Entfernten verlangen.“ (R. Schrott übersetzt: „auch wenn dus wohl gut meinst, helena – mich hinzusetzen / kommt nicht in frage; mich ziehts zurück zu den troianern: / die brauchen mich nötig, ich bin schon viel zu lange weg“.) Hektor wird wirklich gebraucht. Paris Fernbleiben wird nur als Schande, nicht aber als Kampfschwächung verstanden.

[25] VI, 365ff.: „ich will jetzt nur noch kurz bei mir zu hause vorbeigehen / um die geliebte Frau, den jungen und die diener zu sehen – / wer weiß ob ich noch einmal zu ihnen zurückkehren kann / oder ob mich die griechen mit hilfe der götter töten werden.

[26] „Auch”? So wie Paris? Nur entschiedener?

[27] VI, 371ff.: „“

[28] VI, 400ff.: „andromache also rannte ihm entgegen / hinter ihr her die eine dienerin, die sie zum turm geleitet hatte / und ihren herzigen kleinen fest an die brust preßte – hektors / liebling, einen munteren jungen, der übers ganze gesicht strahlte wie ein stern: hektor hatte in skamandrios getauft – alle jedoch / nannten ihn astyanax – kleiner stadherr – zu ehren seines vaters / auf dem ilios’ rettung lastete.

[29] VI, 406ff: „was treibt dich? du draufgänger – wo hetzt du hin? deinem / untergang in die arme und ohne an unsren sohn zu denken oder an mich arme witwe: die ich sein werd wenn du stirbst; / die griechen sammeln sich, sie werden sich auf die stürzen / und dich töten

[30] VI, 441ff.: „ich würde mich in grund und boden schämen… / tät ich mich jetzt drücken. / dagegen wehrt sich in mir alles… ich kann einfach nicht / anders – so ist das nun mal

[31] VI, 484f.: „er teilte ihren schmerz;/ liebevoll sagte er ihren namen, streichelte sie über das haar…

[32] Das wird später bei Platon die Formel für die Gerechtigkeit: τὰ αὑτοῦ πράττειν. Es ist das Ergreifen des Zukommenden.

[33] VI 486ff.: „meine arme, ich bitte dich, mach dir das herz nicht so schwer. / keiner schickt mich zu hades bevor meine zeit abgelaufen ist: / keiner kommt aber auch – gleich ob ein feigling oder ein held – / jenem schicksal aus, das ihm von geburt an bestimmt wurde.

[34] XXIV, 525 ff.: „das jammern hilft doch nichts, es ist ein kalter trost. / was sind wir elende kreaturen – die götter spinnen / das garn unseres schicksals nur aus fäden des grams: / selbst jedoch leben sie sorglos. der donnernde zeus / hat zwei tonkrüge in der halle seines palastes stehen: im einen verwahrt er alles glück, im anderen das leid. / den meisten mißt er eine portion von allem beiden zu: / drum geht es ihnen einmal besser, einmal schlechter. / wem er jedoch bloß aus dem krug des bösen schöpft / läßt er an ausgestreckter Hand verhungern: verstoßen / muss er über diese heilige erde irren, von den göttern / und menschen verachtet.

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