Der gefesselte Prometheus

Aischylos – WikiCommons

Prometheus ist der den Menschen zugewandte Gott der griechischen Götterwelt. Er bringt den Menschen Feuer und nennt sich in Aischylos Tragödie vom „Gefesselten Prometheus“ (Προμηθεὺς Δεσμώτης) den „Lehrer aller Kunst“. Für seine Menschenliebe muss er büßen. Prometheus wird auf Zeus Geheiß von Hephaistos an einen einsamen Felsen im Kaukasus geschmiedet und dem Fraß der Vögel ausgesetzt. Tag für Tag frisst ein Adler von seiner Leber, die freilich immer wieder nachwächst. Folter in Perfektion. Während der irdische Folterknecht vor der Gefahr steht, dass sich sein Opfer in Ohnmacht oder gar Tod flüchtet,[1] ist dies bei Prometheus durch göttliche Wesensart unmöglich. Prometheus kann als Gott nicht sterben, er kann nur gequält und erniedrigt werden. [2] Tatsächlich belangen sich die griechischen Götter immerfort, sie finden zusammen, gehen streitend auseinander, bekämpfen, verhöhnen und quälen sich und finden sich wieder ein, um wieder auseinander zu streben. Ihre widerstreitenden Kräfte machen die Welt zu dem, was sie ist.

Titanomachie

Zeus- WikiCommons

Eine dieser großen Götterkämpfe ist die Titanomachie, die den Hintergrund von Aischylos Tragödie bildet. Das Göttergeschlecht der Titanen entspringt den göttlichen Ur-Kräften von Erde und Himmel, Gaia und Uranos. Kronos stürzt seinen Vater Uranos und gelangt damit zur Herrschaft, weiß sie jetzt aber gefährdet: was er tat, kann nun auch ihm geschehen. Also verschlingt er seine Nachkommen, wird freilich überlistet und der Kronide Zeus vermag die verschlungenen Geschwister zu befreien und in die Auseinandersetzung mit den alten Göttern zu führen. Nicht alle Titanen stellen sich hinter Kronos und beteiligen sich am Kampf. Einer wechselt gar die Seite und unterstützt die Kroniden: Prometheus. Davon lässt Aischylos ihn ausführlich berichten. Prometheus ist selbst ein Titan, ein Kind von Iapetos und Klymene, einer Tochter des Okeanos. Prometheus ist προμήθεια, Vor-Sicht, Voraus-Wissen, ein Wissen, das über das Gegebene hinausgeht und hinausführt. Die Titanen setzen auf Gewalt. Prometheus aber weiß vorausschauend: „Nicht durch Gewalt noch auch durch körperliche Kraft / Könnten, durch List vielmehr obsiegend, Herr sie sein.[3] Bei ihnen kommt er nicht zu Geltung. „Doch all dies, legt ich’s gleich mit Gründen ihnen dar / Hielten nicht wert sie auch nur eines einzgen Blicks.[4] Prometheus wendet sich den Kroniden zu und mit dieser „Zuwendung“ gewinnen sie ein Wissen (προμήθεια), das übers Gegenwärtige hinausgreift  und siegen damit im Kampf mit den titanischen Mächte.

Zuwendung an die Menschen

Prometheus wendet sich freilich auch den Menschen zu. Seine „Zuwendung“ gibt den Menschen Verständigkeit und „Kunst“ (τέχνη). Er macht die Menschen, die „kindischblöd zuvor“, „verständig… und zu ihrer Sinne Herrn“:[5]Vordem ja, wenn sie sahen, sahn sie ganz umsonst; / Vernahmen, wenn sie hörten, nichts, nein: nächtgen Traums / Wahnbildern gleich, vermengten all ihr Leben lang / sie blindlings alles …[6] Sie vermögen nun ihre Sinne vorausschauend für ihre Ab-Sichten zu gebrauchen. Was sich uns mit den Sinnen zeigt, das Gegebene, wird nun „verständig“ auf Zukünftiges, auf das wir aus sind, überschritten. „Es kommt / jedwede Kunst dem Erdvolk von Prometheus her[7] – nämlich von der Verständigkeit, die die „sinnlichen Eindrücke“ auf die eigenen Vorhaben übersteigt. Das führt zu einer „Befreiung“ aus dem Eingelassensein in die Kräfte der Umwelt, in die umwaltenden Gewalten.

In der Revolte

Damit ist die Zuwendung, die Prometheus gewährt, zugleich ein Aufstand gegen die herrschenden Mächte. Zunächst im Aufbegehren der Kroniden gegen die widerstreitenden Titanen. Aber auch die neuen Herrscher sehen sich jetzt einem Aufstand gegenüber. Ihre neue Ordnung, die sich selbst der προμήθεια verdankt, kann die prometheische Verständigkeit nicht ersetzen.

Prometheus, selbst titanischer Herkunft, erkennt die Herrschaft der neuen Götter nicht an. „Neu erst, ihr Neuen, herrscht ihr und vermeint, ihr könnt / Leidlos die Burg bewohnen?… Dünkt Dir etwa gar,“ hält er dem Götterboten Hermes entgegen, „Angst hätt ich, duckte vor den neuen Göttern mich?[8] Er ist von gleicher Art wie Zeus. Als Gott „in der Revolte“ gibt er seine rebellische Kraft den Menschen weiter.

Mit der Zuwendung des Prometheus an die Menschen sind sie der göttlichen Ordnung nicht mehr „kindischblöd“ und „blindlings“ ausgesetzt, sondern sehen sich darin zur Selbstbestimmung bestimmt. Von der neuen Ordnung ausgehend gestalten sie durch ihre Vor-haben eine eigene Ordnung.

Davon weiß prometheisch auch Zeus. Zwei Herrscher sind vor Zeus in den „Untergrund“ gefallen (Uranos und Kronos) – das gleiche Schicksal sieht nun Prometheus für Zeus voraus, wenn sich dieser nicht in eine neue Ordnung zu fügen vermag. Zeus Sieg steht unter dem Geschick des Untergangs. Natürlich kann er Revolte nicht zulassen. Was den olympischen Göttern zum Sieg verhalf, das darf nicht an andere weitergegeben werden. Das neue Andere muss sich in die göttliche Ordnung fügen. Die Auseinandersetzung um diese Fügung nennt sich Menschheitsgeschichte. Ihr mythologisches Bild ist der gefesselte Prometheus.

„Erkenn dich selbst“!

Die Trennung von der direkten fügenden Führung durch natürliche Kräfte („Gesetze“) trägt in sich die Gefahr der Hybris. Als Strafe für die Revolte lässt Zeus Prometheus an den einsamen, weltfernen Felsen schmieden und ihn durch den Adler foltern. Und die Strafe ist nicht unverdient, sie ist tragisch unvermeidlich. Sein „menschenfreundlich Wesen“ brachte ihm sein Elend als „wohlverdienten Lohn“ ein.[9] Die Strafe ergeht, wie Prometheus selbst sagt, „weil zu sehr ich geliebt das Menschenvolk“.[10] Und der Strafe ist nicht zu entgehen: „Was verhängt mir ward, das muss, / Mein Los, ich tragen … weiß ich doch, / Dass der Notwendigkeit Gewalt unzwingbar ist.[11]

Das tragisch Unabwendbare gründet in seiner göttlichen Natur. Götter sind was sie sind, ihr Sein ist ihr Wesen. Das Wesen des Prometheus ist sein Schicksal. Seine Geschichte drückt ihn aus. Prometheus wird nicht bös mitgespielt. Prometheus bekommt mit seiner Strafe „den wohlverdienten Lohn“, etwas das ihm zukommt, ihn ausmacht. Es ist eine unabwendbare Not. Kein Zufall, kein Fehler, kein Versäumnis, nichts das abzuwenden wäre, so lange er seinem Wesen folgt.

Zeus vergeht sich nicht in seiner Strafe. „Mag er’s nur tun“, entgegnet Prometheus dem besorgten Chor, ,,kommt alles doch erwartet mir.[12] Auch Zeus Macht ist freilich begrenzt und er weiß davon. Prometheus hat auch Voraus-Sicht von Zeus Herrschaft. Die ist auch für Zeus bindend. Prometheus ist Prometheus. Man kann ihn fesseln, aber nicht beseitigen.

Prometheus verweist auf die Moiren und die Erinyen („in erinnerndem Eingedenken an das Geschehene“) [13] , die „des Notzwangs Steuer“ führen. „Also steht Zeus, an Macht der schwächere, ihnen nach?“ fragt der Chor (mit uns) erstaunt. „Nicht kann er ja entfliehn dem ihm verhängten Los.“ – wir können sagen, seinem Wesen.[14]

Okeanos, der Vater der Mutter des Prometheus, besucht, beunruhigt durch das laute Schmieden von Hephaistos, Prometheus im fernen Kaukasus und beklagt dessen „leidvoll Geschick[15] Okeanos war einer der Titanen, die sich aus der Titanomachie herausgehalten hatten. Er fügte sich in die neue Ordnung ein und warnt nun Prometheus vor gefährlicher Hybris. „Erkenn‘ Dich selbst“,[16] rät er ihm und füge Dich in die neue Ordnung. In seinem Leiden geschieht genau das. Prometheus erkennt sich darin selbst und seine Bestimmung.

Zwillingsbruder Epimetheus

Sein Wesen zeigt sich auch an seinem Zwillingsbruder Epimetheus. Pro-metheus ist der Voraus-Denkende, sein Bruder Epi-metheus, der Nachher-Denkende, der sich umwendet. Etwas zugespitzt formuliert, kommt Epimetheus erst ins Denken, wenn das, worum es geht, bereits geschehen ist. Wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, erkennt er, woran es lag.

Tatsächlich gehören die Zwillingsbrüder zusammen und weisen doch in gegensätzliche Richtungen. Voraus-Denken kann nur, wer das Voraus-Liegende reflexiv mit dem Zurückbleibenden verbindet.[17] Die neue Kunst (τέχνη) ist voraussichtiges Ergreifen der (bestehenden) Kräfte, die sich zeigen. Das Neue ist das vor-sichtige Alte. Vorsichtiges Umgehen mit dem Alten ist Um-gehen des Alten im Voraus-Blick auf das eigene Vor-haben. Das Alte zu leugnen und das neue aus dem Nichts schaffen zu wollen, wäre gefährliche Hybris. Prometheus wird durch die alten, wirksam bleibenden Kräfte (Kratos und Bia, Macht und Gewalt) an den Felsen gezwungen. Und die Zuwendung seiner προμήθεια an die Menschen ging einher mit dem Raub des Feuers, der Bereitstellung einer „alten“ Kraft, ohne die die neue Verständigkeit wirk- und hilflos geblieben wäre. Die Gabe ist zugleich ein Raub, der bestraft zu werden verdient.

Das ist die Rückseite der prometheischen Zuwendung. Und dieser „Rückseite“ „verdanken“ wir viel Unheil: Epimetheus öffnete die mit göttlichen Plagen gefüllte Büchse der Pandora und entließ sie auf die Menschheit. Der Bruder hatte ihn fürsorglich vorausschauend gewarnt, aber erst als sich die Plagen auf die Menschheit legten, verstand er, was er tat. Der menschlichen Kultur ist eine verletzliche Natur auferlegt, die sie ebenso prägt wie „technische“ Verständigkeit.

Prometheische Kultur

Menschliche Kultur ist „gefesselte“ Kultur, eine Kultur, die an die Natur und ihre widerständigen Kräfte gefesselt bleibt. Gefesselt ist sie über ihren „Ursprung“ aus der Natur. Als Kultur muss sie um diese Fesselung wissen. „Schmäht nicht das Geschick, noch behauptet Zeus / Dass hinein in vorher nicht gesehenes Leid / Er euch gestürzt! Nicht also: ihr selbst / Ihr tatet’s euch selbst.[18] Hermes warnt wie Okeanos vor der Hybris, zu glauben, man könne sich aus der natürlichen Ordnung lösen und sich gänzlich auf sich selbst stellen: „Betracht, erwäg es, nicht stell Selbstgefälligkeit über Besonnenheit (εὐβουλία) und acht sie höher je.[19] Schmerzliche Erfahrungen sind selbst ein Teil der besonnenen Selbsterkenntnis.

 

[1] Das war tatsächlich eine Schmach, die durch Folterkunst unbedingt verhindert werden musste und die Delinquenten, die sich so „davonstahlen“ wurden dafür noch am toten Leib gestraft! Cf. Foucault, Überwachen und Strafen (1977).

[2] Wir werden sehen, dass auch das nicht wirklich gelingt.

[3] Aischylos, Der gefesselte Prometheus, Vers 212f. – Ich zitiere (meist) nach der Übersetzung von Oskar Werner aus der von ihm herausgegebenen Ausgabe, Aischylos, Tragödien und Fragmente, 1959/1980.

[4] 214f.

[5] 443f.

[6] 447ff.

[7] 505f.

[8] 955ff.

[9] 28 und 70.

[10] 123.

[11] 104ff.

[12] 935.

[13] μνήμονες – Oskar Werner übersetzt: „schuldbedacht“!

[14] 515ff.

[15] 297.

[16] 309: γίγνωσκε σαυτὸν

[17] Der gemarterte Prometheus – das gilt auch für die Menschen. Ihre voraussichtiges, prometheisches Dasein ist mit den Plagen verknüpft. Ein Schwein weiß nichts von der Krankheit und Tod, die ihm drohen. Es hat keinen zukünftigen Hunger und keine Furcht vor der Furcht.

[18] 1073ff.

[19] 1034f.

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