Philosophie in dunklen Zeiten

Er war vermutlich immer einer der Jüngsten und bestimmt auch der Schnellsten. Wie’s mit seiner Bescheidenheit steht, weiß ich nicht – sympathisch kommt er mir vor. Sogar sehr. In jedem Falle weiß er fast alles besser. Und er würde vermutlich zurückfragen, „fast“, wieso fast? Gut, in manchem kennt er sich nicht so gut aus. Das wiederum weiß kein anderer besser als er. Bei anderem ist er sich ganz sicher: Zum Beispiel wusste er schon vor Jahren, dass es die Welt nicht gibt. Und niemand hat es so schmissig erklärt, wie Markus Gabriel, 1980 im Rheinland geboren, wurde er 2009 in Bonn der jüngste Philosophieprofessor Deutschlands. Seine Initialen MG sind bezeichnend, er ist ein wahres Schnellfeuerwerk der Argumente. Bei Vorträgen spricht er fast immer frei und vor allem schnell, obgleich sich dennoch das Gefühl einschleicht, er sei argumentativ schon zwei Schritte voraus und käme einfach mit der sprachlichen Artikulation nicht recht nach.

Vor allem zeichnet ihn aus, dass er sich einmischt. Er möchte die Stimme der Philosophie wieder (?) stärker in der öffentlichen Diskussion einbringen. Nach dem Ausrufen der Corona-Pandemie z.B. hat er sich relativ früh kritisch, aber sehr abgewogen zu Wort gemeldet: er hielt die Maßnahmen zunächst für berechtigt, warnte aber – frei zusammengefasst vor einer virologischen Überbewertung und einer Fokussierung auf eine Überlebensmedizin. Vor allem aber habe die Corona-Krise etwas Entscheidendes gezeigt: moralische Argumente zählen. Während bei anderen Krisen (Klimakatastrophe, Hunger- und Flüchtlingskrise z.B.) immer wirtschaftliche Gründe vorgebracht wurden, die einer Beherrschung entgegenstünden, habe der Lockdown gezeigt, dass wir in der Lage sind, auf moralische Herausforderungen zu reagieren und wirtschaftliche Interessen hintan zu stellen.

Lesenswert

Diesen Gedanken nimmt er in seinem neuesten, gerade erschienenen Buch „Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten. Universale Werte für das 21. Jahrhundert“ (2020) wieder auf. Es sei eine „beispiellose moralische Entscheidung“ getroffen worden, nämlich wurde „um Menschenleben zu retten … die neoliberale Annahme außer Kraft gesetzt, Marktlogik sei das das oberste gesellschaftliche Gebot. Während die viel verhängnisvollere Klimakrise bisher nicht dazu geführt hat, dass wir tiefgreifende wirtschaftliche Einbußen in Kauf nehmen, um das moralisch Richtige zu tun, hat das neuartige Corona-Virus kurzerhand Sand ins Getriebe der globalen Produktionsketten geworfen.“[1] Darin sieht er wohl auch einen Ausdruck des „moralischen Fortschritts“, den er in der Menschheitsgeschichte und vor allem in der Geschichte seit der Aufklärung zu erkennen glaubt. Die klassischen Beispiele, die dafür gemeinhin herangezogen werden, sind die Einführung der Menschenrechte, die Abschaffung der Sklaverei und der Folter und nicht zuletzt der Durchsetzung der Gleichberechtigung der Geschlechter z.B. mit einer Einführung des „Frauenwahlrechts“. Diese Dinge werden im Buch alle auch ausführlich diskutiert. Vor allem die moralischen (und wissenschaftlichen) Gründe gegen den Rassismus werden detailliert und (beinahe) erschöpfend dargestellt – für meinen Geschmack mit redundanten Längen. Gleiches gilt für die Widerlegung eines moralischen Relativismus – nämlich der Behauptung moralische Werte seien von den historischen und kulturellen Lebensformen abhängig und in einem strengen Sinne unbedingt und für alle (Personen und Zeiten) gültig. Das ist eine Diskussion, die die Ethik von Anfang an mehr oder weniger begleitet und insbesondere mit der Aufklärung und dem Historismus umfangreich geführt wurde. Gabriel vertritt hier einen Werte-Realismus und spricht, vermutlich durchaus mit der Absicht die philosophischen Kollegen etwas zu provozieren, von „moralischen Tatsachen“ oder von einer „Werteontologie“.[2] Das alles ist wie immer flott und gut lesbar geschrieben und vor allem im erkennbaren Bemühen, für eine breiteres Publikum verständlich zu sein. Ich bin immer wieder beeindruckt, wie klar und „schmissig“ seine Erläuterungen zu viel diskutierten Begriffen sind, für die unsereins vermutlich viele viele Anläufe bräuchte. Also ein wirklich lesenswertes Buch, das durch das Feuer seines Engagements schnell seine Leser erwärmt und argumentativ gestärkt auch zur (politischen) Einmischung ermutigt.

Der Berater rät zum Portfoliomanagement

Und doch grummelte es in mir bei der Lektüre immer wieder und immer mehr. So argumentativ präzise das Buch sein will, so sehr huscht es immer wieder über wirklich schwierige Dinge hinweg oder dran vorbei. Das alles mit dem Gestus der Sicherheit einer logischen Begründung: alles ist ganz einfach, wenn man sich den Sachen nur mit Vernunft und Markus Gabriel nähert.

Gabriel beweist, es gebe unbedingte Werte, die für alle bindend sind – und ich stimme ihm zu. Allerdings gilt auch: „Nichts und niemand garantiert, dass wir uns nicht auch in sehr wichtigen, moralisch relevanten Fragen täuschen.[3] Auch hier stimme ich zu. Es kommt also – so könnte man mit Blick auf die aristotelische Ethiktradition anfügen – alles auf Urteilskraft an. Die braucht Erfahrung über das, was so oder anders sein kann, und lebt von der Einsicht, dass es beim Handeln nicht die Sicherheit letzter Gründe, sondern dass mehr oder weniger plausible gibt. Gabriels Feuerwerk spielt hier mit logisch apodiktischen Schlussketten, die mir gelegentlich den Eindruck einer sophistischen Simplifizierung machen.

Manchmal zeigt Gabriels Argumentation das bemühte Bestreben des Klassenbesten, zu bereits weitgehend geteilten Positionen, noch bessere, noch geschmeidigere Argumente zu liefern: das Problem des Rassismus z.B. besteht wohl kaum darin, dass bislang nicht die gescheitesten Gründe zu seiner Widerlegung gefunden wurden. Strittig dürfte eher sein, unter welchen Bedingungen er Raum greift (eine vermutlich sozialwissenschaftliche Frage) und wie die Zuweisung, etwas sei rassistisch, begründet werden kann (Urteilskraft) und welche Konsequenzen sich daraus (politisch) ergeben.

Manchmal, so scheint mir, gilt ihm die philosophische Parole mehr als die „Arbeit des Begriffs“: „Moral geht vor Mehrheit[4] oder „keine Toleranz gegen Intoleranz“[5] ohne das wirklich abzuwägen und in seinen Konsequenzen zu explizieren. Weil Gabriel alles einbinden will, was diese „dunklen Zeiten“ verdunkelt, wird die Strahlkraft der Argumente immer diffuser und die Bindung der Argumente geht im Allgemeinen (etwas) verloren.

Bereits der Titel zeigt einen provokativ theatralischen Kontrast: er reklamiert den „moralischen Fortschritt“, um ihn doch in „dunklen Zeiten“ anzusiedeln. „Gegen dunkle Zeiten hilft Aufklärung.[6] Und je dunkler die Zeiten desto leuchtender wird der strahlende Held, der das Licht der Aufklärung bringt: „Gegen diese schleichende Erosion … entwickle ich in diesem Buch die Grundzüge einer neuen Aufklärung, die ich Neuen Moralischen Realismus nennen möchte.[7] Ich frage mich da schon: geht’s ein bisschen kleiner? Und waren da nicht schon andere vor ihm dran – nicht die Schlechtesten, vielleicht nur nicht so smart?

Ich glaube schon verstanden zu haben, was Gabriel mit dem „moralischen Fortschritt“ meint. Seine Belege dafür scheinen mir irgendwie im Überflug gesammelt – anders als z.B. bei dem „alten“ (?) Aufklärer Habermas. Bei der Widerlegung des Rassismus argumentiert Gabriel gegen falsche Typisierungen und vorschnelle Generalisierungen: es gäbe nicht so etwas wie „die deutsche (Leit-)Kultur“, „den Brasilianer“ oder „den Katholiken“ – das seine alles „unbegründete, wissenschaftlich unzulässige Vereinfachungen.“[8] Dass „wir heute moralisch besser als früher“ handeln, scheint ihm freilich sicher.[9] Der smarte Ethik-Berater Gabriel würde uns hier natürlich sofort fragen, was wir mit „wir“ denn meinten und von welchem „früher“ wir denn sprächen – denn es gäbe ja doch die „moralischen Monster“, den um sich greifenden Rechtsradikalismus und die Autokraten, den mehr oder weniger verdeckten Menschenhandel und so weiter und so fort. Es sind ja eben „dunkle Zeiten“ und wir sind, so Gabriel, „in einen Abgrund unverstellbaren Ausmaßes geraten[10]

Zur „neuen Aufklärung“ gehören nun „Tools“, die uns den „moralischen Fortschritt“ erleichtern. Wir brauchen das dringend, denn „es ist ein Skandal, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland ethische Analphabeten sind, die keinerlei systematisch Einübung in logisch diszipliniertes philosophisches Nachdenken über moralische Fragen erhalten.[11] Gabriel „möchte daher einen philosophischen Werkzeugkasten zur Lösung moralischer Probleme entwickeln.[12] Zum „Portfolio (!) des moralischen Fortschritts“ rechnet er aber auch „Praktiken des Verzeihens, Vergebens, der Versöhnung, Nachsicht und des vorsichtigen tastenden Gesprächs“ und „rationale Gesprächsführung ist ein Labor ethischer Überzeugungsbildung[13] Der effiziente Aufbau eines Portfoliomanagements, das sagen uns Unternehmensberatungen à la McKinsey gerne, ist für den Markterfolg oft entscheidend. Ein solches es braucht offenbar auch für den „moralischen Fortschritt“, dann ist der Erfolg sicher: „Das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter der Pandemie der neuen Aufklärung als Folge der Globalisierung.[14]

 

[1] M. Gabriel, Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten, Universalte Werte für das 21. Jahrhundert, 2020, S. 9f.

[2] Z.B. neben vielen anderen stellen a.a.O., S. 166.

[3] A.a.O., S. 116. Und als „Lehrsentenz“ hervorgehoben:“ Die Ausrede, demokratische Politik könne unmöglich moralisch anspruchsvolle, aber ökonomisch schwierige Entscheidungen fällen und umsetzen, kann durch die historische Wirklichkeit schon seit Ende März 2020 als widerlegt gelten.“ (a.a.O., S. 307).

[4] A.a.O., S. 54ff.

[5] A.a.O., S. 74.

[6] A.a.O., S. 19.

[7] A.a.O., S. 25.

[8] A.a.O., S. 190.

[9] A.a.O., S. 98 Hervorhebung durch HL.

[10] A.a.O., S. 16.

[11] A.a.O., S. 339.

[12] A.a.O., S. 16.

[13] A.a.O., S. 228.

[14] A.a.O., S. 309.

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