Ovids Metamorphosen I: Steinerne Herzen

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Sintflut

Die Dinge entwickelten sich nicht gut und wurden immer schlimmer. Als „ein reineres Wesen, Gefäß eines höheren Geistes / über die anderen zu herrschen befähigt“ war der Mensch entstanden. Als Ebenbild der herrschenden Götter war er aus „göttlichen Samen“. Doch auch ihre Herrschaft ist Herrschaft, die sich beweisen muss, sie ist Herrschaft im Kampf. Die olympischen Götter setzen sich gegen ihre titanischen Väter in der Titanomachie gewaltsam durch und der Mensch fiel zeitgleich aus dem goldenen Zeitalter und geriet schließlich in den Krieg aller gegen alle. Das gipfelte im Aufstand gegen die Götter und in der zweiten Menschwerdung aus dem Blut der Giganten.[1] Die Götter sahen sich genötigt zu handeln und vernichteten mit einer Sintflut das Menschengeschlecht.

Der dritte, steinige Anfang

Als von den Sterblichen nur noch Deucalion und Pyrrha leben, befiehlt Jupiter, die Sintflut zu beenden. Das Paar ist gottesfürchtig und wird verschont. Sterblich sind sie, stammen aber von titanischen Vätern ab. Deucalion hat Prometheus zum Vater und Pyrrha ist Tochter des Epimetheus, Prometheus Bruder. Sie sind nun höchst unglücklich über „all die Leere, die Öde, das Schweigen, das überall lastet“ und wenden sich flehentlich an Themis, der Schutzgottheit des Orakels von Delphi:

‚Sag uns, Themis, du milde, das Mittel, des Menschengeschlechtes
Schaden zu heilen, und hilf der Erde, wo alles ertrunken!‘
Gnädig erteilte die Göttin den Spruch: ‚Entfernt euch vom Tempel
Und verhüllet das Haupt und löset der Kleider Umgürtung,
Hinter euch werfet sodann der Mutter, der großen, Gebeine.’
[2]

Deucalion und Pyrrha

Wie immer ist es nicht leicht den Orakelspruch zu deuten. Nach langem Schweigen weigert sich Pyrrha, der Aufforderung zu folgen, die sie auf ihre Mutter Pandora bezieht. Aber Deucalion beruhigt sie. Er glaubt das Orakel nach langem hin und her Überlegen („auf und nieder gehn die Gedanken“) richtig zu verstehen:

Entweder betrügt mich mein Scharfsinn,
Oder der Spruch ist fromm und verlangt keinen Frevel: die große
Mutter, das ist die Erde; die Steine im Leibe der Erde,
Glaube ich, sind die Gebeine: die sollen wir hinter uns werfen!
[3]

Pyrrha hört diese für sie hoffnungsvolle Deutung gerne, allein es fehlt ihr der rechte Glaube: „doch versuchen, was könnte es schaden“?[4] Aus den Steinen, die sie schließlich wie geraten hinter sich werfen, entstehen neue Menschen. Ovid genießt es, die Verwandlung des harten Steins in weiche, gestaltbare Formen anschaulich zu beschreiben, wie sie ihre Härte und Starrheit verlieren, weich werden und menschliche Formen aus ihnen erwachsen. Dem Leser werden sie durch Ovids Worte lebendig.

Und so wurden in kürzester Frist nach dem Willen der Götter
Die von den Händen des Mannes geworfenen Stein zu Männern,
Und aus den Würfen des Weibes erwuchsen wiederum Weiber.
Darum sind wir ein hartes Geschlecht, das der Mühen gewohnt ist,
Und wir bekunden noch deutlich den Stoff, aus dem wir entstanden.
[5]

Was haben wir damit zu tun?

Nun kommen unvermittelt wir ins Spiel: Ovid lässt uns nachgeborene Leser die dritte Menschwerdung kommentieren. Was da nach der Sintflut und vor ewiger Zeit durch Deucalion und Pyrrha geschah, hat mit uns zu tun, wir erkennen darin unser Wesen und bekunden es durch die Erzählung Ovids. Sie zeigt, was wir sind. In der Übersetzung von Michael von Albrecht heißt es: „Wir legen Zeugnis ab, woraus wir entstanden sind.“ Wir, die Leser, in der Lektüre der Metamorphosen!

Es zeigt sich, dass wir das Ergebnis unseres eigenen Tuns sind. Bei dieser dritten Menschwerdung nämlich sind Menschen direkt beteiligt. Deucalion und Pyrrha initiieren durch ihren Wurf, die Herausbildung des Menschen. Sie sind Mann und Frau, die so untrennbar zusammengehören[6] wie die Zwillingsbrüder Prometheus und Epimetheus, deren Nachkommen sie sind. Pro-metheus ist der Voraus-Denkende, sein Bruder Epi-metheus, der Nachher-Denkende, der sich umwendet. Die Brüder gehören zusammen, obgleich sie in gegensätzliche Richtungen blicken. Voraus-Denken kann nur, wer das Voraus-Liegende reflexiv mit dem Zurückbleibenden verbindet.  Deucalion und Pyrrha sollen die Steine hinter sich werfen, „hinter ihre Fußspuren“, die Zeichen ihrer Herkunft. Sie sind der Sintflut entkommen und stehen nun vor einer Entscheidung, die sich auf die Zukunft ihrer Herkunft bezieht. Die Sintflut hat ja ihre Ursachen, denen man nun im Neuanfang zu entkommen hofft. Das Neue ist das vor-sichtige Alte. Es nimmt die (alte) menschliche Gestalt an und ist doch etwas Neues. Vorsichtiges Umgehen mit dem Alten ist Um-gehen des Alten im Voraus-Blick auf das eigene Vor-haben. Das Alte zu leugnen und das neue aus dem Nichts schaffen zu wollen, würde das eigene Gewesen-Sein, das eigene Wesen verleugnen.

Menschliche Kunst

Ovid beschreibt diesen „numinosen“ Vorgang als künstlerischen: wie der Künstler die Form der Statue, ihre menschliche Figur, langsam „aus dem Marmor“ schlägt und sie dabei mehr und mehr Form gewinnt, so erfolgt auch die „Renaissance“ des Menschen aus den geworfenen Steinen. Der Bildhauer schlägt die Form aus dem Stein. Er tut das so kunstvoll, dass wir glauben, die Figur könne sich uns zuwenden oder sich wegbewegen. Alles wirkt ganz und gar natürlich und lebendig.

Wir dürfen es als die große Herausforderung der Griechen und ihrer Kunst betrachten, die Dinge der Welt, in der sich alles bewegt und verändert, auf die sie bestimmende Idee zu bringen und das heißt ihnen eine Ansicht, eine Form zu geben, die ihre je eigene Bewegung bestimmt. Die griechische Statue zeigt in ihrer steinernen Form, das Bewegungsgesetz des Dargestellten: Pferde im Sprung, kämpfende Helden, wehende, sich bauschende und faltende Gewänder in der Bewegung ihrer Träger. Das Wesen, das ist die Form, die der Bewegung des Erscheinenden, einen bleibenden Ausdruck gibt und die Dinge in ihren unaufhaltsam wechselnden Erscheinungen als dieselben zeigt, nämlich als Erscheinungen ihres Wesens.

Etwas gewinnt Form

Etwas gewinnt seine Form: der Mensch, der von Prometheus, Deucalions Vater, zunächst aus feuchter Erde zum Ebenbild Gottes erschaffen wurde, wird sich dann selbst (und den Göttern) zum Wolf. Lycaon wird von den Göttern in einen verwandelt. Sie sehen ihn so und schaffen ihn nach ihrer Einsicht (Wesensschau).

Schaffen sie den Wolf als Abbild einer menschlichen Haltung? Oder gibt es Wölfe schon vor der Verwandlung und Lycaon wird – weil ihnen wesensgleich – in einen verwandelt. Wir werden demnächst sehen, das Daphne in einen Lorbeerbaum verwandelt wird – und Ovid uns mitteilt, dass es vor dieser Verwandlung den Lorbeer noch nicht gab.[7]

Diese Frage ist vermutlich für uns Nachgeborene bedeutungslos. Im Menschen steckt ein Wolf. Und das, was wir im Wolf ansichtig werden, gehört auch zu unserer Natur. Beim Menschen aus Stein kehrt sich nun die Interpretationsrichtung um. Unsere Herkunft sagt etwas über unser Wesen, wir, unsere Existenz, legt Zeugnis ab, „woraus wir entstanden“, wir verstehen uns aus unserer Herkunft. Steckt nun im Stein ein Mensch? Ja, für den Künstler. Der Bildhauer schlägt seine Form daraus. Und er wählt den Stein – als angemessenes Medium. In ihm kann er zeigen, was wir sind: wir sind Wesen, die hart sind (durus), hartherzig und grausam; notgeplagt und gedrückt durch vielerlei Mühen (experiens laborum). Unser Dasein bezeugt unsere Herkunft.

Deucalion wollte „aufs neue die Völker der Menschen erschaffen / Und mit der Kunst des Vaters gestaltete Erde beseelen![8] Er durch seine prometheische Schlauheit die göttliche Fügung veranlasst. Aber die große Mutter bleibt doch – in allen drei Menschwerdungen – die Erde (magna parens Terra est!), auf der wir stehen.

Demnächst

Auch die übrigen Lebewesen erwachen wieder nach der Sintflut und auch hier spielen besondere Gestaltungskräfte eine Rolle. Und wir müssen uns auch mal der Frage widmen, ob die Alten das, was wir uns grade so verständig erschließen, alles wirklich geglaubt haben: Ovid stößt uns selbst auf die Frage „wer möchte das alles glauben…?“[9]

[1] I 76ff.

[2] I 379ff.: „Dic, Themi, qua generis damnum reparabile nostri / Arte sit, et mersis fer opem, mitissima, rebus!” / Mota dea est sortemque dedit: „discedite templo / Et velate caput cinctasque resolvite vestes / Ossaque post tergum magnae iactate parentis”

[3] I 391: aut fallax, ait, est sollertia nobis / Aut pia sunt nullumque nefas oracula suadent: / Magna parens Terra est: lapides in corpore Terrae / Ossa reor dici; iacere hos post terga iubemur.

[4] I 397: sed quid temptare nocebit

[5] I 411ff: inque brevi spatio superorum numine saxa / missa viri manibus faciem traxere virorum, / et de femineo reparata est femina iactu. / inde genus durum sumus experiensque laborum / et documenta damus, qua simus origine nati.

[6] Deucalion bekennt, dass er sich ins Meer gestürzt hätte, wäre alleine, ohne Pyrrha, gerettet worden. Und von Pyrrha glaubt er, dass auch sie alleine auf sich gestellt ihr Leben nicht mehr hätte führen können.

[7] I 450: nondum laurus erat …

[8] I 363f.: o utinam possim populos reparare paternis / Artibus atque animas formatae infundere terrae

[9] I 400: Quis hoc credat, nisisit pro teste vetustas?

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