Mit dem anderen Auge

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Ich bin auf Peter Wapnewski erst spät aufmerksam geworden. Eigentlich gerade erst – durch Hinweis vom Freund. Gemeinsam Nietzsches Also sprach Zarathustra lesend, im zweiten und vermutlich noch nicht letzten Anlauf, empfahl er als schöne „Wiedererinnerungshilfe“ die ungekürzte Lesung von Peter Wapnewski. Sie steht in einer etwas spröden Tonqualität bei YouTube zur Verfügung. Schon nach wenigen Sätzen merkt man: hier liest einer, der versteht. Es geht nicht um Effekt und Schauspielton, hier findet sich einer in den Text ein, bringt ihn wirklich zum Sprechen. Ja, Wapnewski sei kein sprechender Schauspieler, sagte der Freund, er kenne ihn als Literaturwissenschaftler, ein Alt-Germanist. Ah ja. Wolframs Parzival und Deutsche Literatur des Mittelalters. Hmm, auch interessant, dachte ich – irgendwie. Und dann las’ ich etwas zu Wagner von ihm. Das war so ein anderer Ton, dass ich jetzt doch mehr von ihm wissen wollte.

Mit dem anderen Auge

Also holte ich mir seine zweibändigen Erinnerungen: Mit dem anderen Auge, Erinnerungen 1922-2000. Und ich war begeistert. Offenbar war nicht nur ich es. Die Erinnerungen haben „vom Fach“ viel Anerkennung erfahren. Und auch die vorsichtig kritischen Stimmen, die zu hören waren, konnten fast alle als Lob durch die Hintertür verstanden werden. Mancher Leser hätte gerne über die Dinge gelesen, die Wapnewski Zeit seines Lebens beschäftigt haben, die „alte Literatur“ und ihr Verhältnis zur neuen, Wagner und die moderne Kunst, seine Überlegungen zur Ästhetik und Kunsttheorie. Von all dem kann man in seinen Erinnerungen fast nichts erfahren. Und das ist volle Absicht. Diese Dinge, so sagt er, seien andern Orts verhandelt worden. Der geneigte Leser möge sich ansehen, was er dazu geschrieben habe. Nicht um seine Sache ginge es in seinen Erinnerungen, nicht an sich möchte er sich erinnern, sondern an die „geschichtliche“ Zeit und an diejenigen, die mit ihm durch sie irrten. Er spricht vor allem über Freunde und Wegbegleiter, solche die ihn in einem Maße unterstützten und beistanden, dass es ihm im Rückblick kaum verständlich sei.

Freunde und Wegbegleiter, das waren viele und vor allem viele, die den Aufbau der bundesrepublikanischen Kultur und Universitätslandschaft gestalteten. Professor in Heidelberg, Berlin und Karlsruhe, war er Gründungsrektor des Wissenschaftskollegs in Berlin. Auch der Gruppe 47 gehörte er kurzzeitig an.[1] Das Personenregister von Mit dem anderen Auge liest sie wie der Who’s Who der literarisch wissenschaftlichen Prominenz im deutschen akademischen Umfeld.

Auch in Harvard war er kurzzeitig (1958/59) und wurde gebeten, dort auch zu bleiben: er bekam zu seiner Überraschung das Angebot einer Professur in einer der namhaftesten Universitäten der Welt. Er lehnt ab. Das tut man nicht. Man folgt einem Ruf aus Harvard und ist dankbar. Dankbar ist er und wieder sind es vor allem die Begleiter und Freunde, die Kollegen und Mitstreiter, denen er im Rückblick mit aufrichtigem Dank gedenkt. Harvard ist ihm kein Beweis seiner wissenschaftlichen Befähigung. Er wundert sich vielmehr, dass ihm seine Förderer so viel zutrauen. Er ringt mit sich und der Ehre, glaubt aber, dass ein Wissenschaftler der deutschen Literatur, deutsche Sprache um sich haben sollte. So kommt er zurück und macht seinen Weg in Deutschland. Natürlich hören wir auch von den vielen Ehrungen nichts, die im Laufe der Zeit zu Teil wurden. Nur dann sind sie ihm erwähnenswert, wenn andere in besonderer Weise beteiligt waren oder die Universität der Bildung betroffen sind.

Ungeliebte Studentenrevolte

Getroffen hat ihn die Studentenrevolte der 68iger. In ihr sieht er nicht nur den Kampf um mehr Demokration und Liberalität – er erkennt darin einen Angriff auf die Bildungsidee Humboldtscher Prägung. Ich, der ich mich als Spätachtundsechziger verstehe, hab dennoch mit großem Gewinn den Blick Mit dem andern Auge gelesen, den Peter Wapnewski auf die Ereignisse an den Universitäten richtet. Aber auch hier gilt: auch diejenigen, die ihn kritisch angehen und deren Positionen er erkennbar für falsch hält, begegnet Peter Wapnewski offen und ohne böse Nachrede. „Mehr Demokratie wagen“ heißt für ihn immer dem Gadamerschen Diktum zu folgen, immer zu unterstellen, dass der Andere Recht haben könnte.

Peter Wapnewski gehört nicht zu den Radikalen. Ich würde in ihm eher einen konservativen Liberalen sehen, konservativ im Sinne der Bewahrung des Kulturerbes und der akademischen Bildungsidee. Bewahrung verlangt lebendige Aneignung, echte Auseinandersetzung und Vergegenwärtigung. So wird die Literatur zum Spiegel des Lebens, die erst in der Fülle der Lebenserfahrungen ihren Schatz zeigt und ihren Wert bekommt. Lebenserfahrungen, das sind für Peter Wapnewski Erfahrungen der Freundschaft, der kollegialen Verbundenheit, die auf menschlicher Zuwendung beruht.

33 bis 45

Herausgefordert wird unser Leben durch die unhintergehbare Kontingenz, die lebensgestaltende Kraft des Zufalls. Weil das Leben nicht zuletzt vom Zufall bestimmt wird, dem glücklichen wie dem grausamen, ist Freundschaft und menschliche Anteilnahme so entscheidend fürs eigene Gelingen. Je feindlicher die Umwelt sich gibt, desto wichtiger ist dieses Gestärktwerden durch menschliche Anteilnahme. Wie verloren wären wir, wenn wir uns nicht an uns halten könnten und immer wieder eine helfende Hand gereicht bekämen. Und auch noch in den dunklen und wahrlich schmerzhaften Abschnitten seines Lebens spricht er nur so weit von sich als es dazu dient, das Verhalten anderer zu verstehen. Besonders beeindruckend ist das bei seinen Erinnerungen an die Zeit von 33 bis 45. Er wird 1942 nach kurzer militärischer Ausbildung und entgegen seiner Eignung als Panzerfahrer (Brillenträger und eigentlich zu groß) an der Ostfront eingesetzt. Noch im ersten Sommer wird er durch eine panzerbrechende Waffe schwer verletzt. Die linke Gesichtshälfte und das linke Auge werden durch dutzende von Splittern verletzt. Hätte er den Kopf nur ein wenig mehr nach links gedreht, hätte das die völlige Blindheit oder vermutlich sogar den Tod bedeutet. Das linke Auge ist nicht zu retten. Er berichtet seinen Gang durch die Lazaretteinheiten, Sanitätsstationen, Kliniken und Reha-Maßnahmen ohne Larmoyanz und ohne jede Klage. Die eigenen quälenden Schmerzen lassen sich nur dann erahnen, wenn er die Hilfe und Unterstützung derer rühmt, die ihm der Zufall zugewiesen hat. Dort ergeben sich maßgebliche Begegnungen, z.B. mit dem Schriftsteller Horst Lange: Da „war der Gefreite Horst Lange, und ich wusste, er war ein Dichter.“ Auf einer der Pflegeaufenthalte, beide mit Kopf- und Augenverbänden, rutscht beim gemeinsamen Essen Wapnewski die Bemerkung „Die Kunst geht nach Brot“ heraus: „Das hatte ich zu bereuen, denn aus dem verbliebenen Auge traf mich ein aussagenmächtiger Blick, mir die alberne Zitat-Bemerkung entschieden verweisend, wenngleich nicht ohne Milde. So begann unsere Freundschaft. Eine Freundschaft, die ungleich austeilte und lohnte, Zwischen einem Manne, der jetzt seine ‚besten Jahre‘ hätte leben sollen, ein Akademiker, der die Welt kannte,… Ich hingegen war nichts – was einem beim Militär besonders deutlich gemacht wurde angesichts der sich ständig wiederholenden Notwendigkeit, den Beruf zu nennen. ‚Abiturient‘, das war eine Angabe von der gefährlichsten Brisanz, leerer konnte keine Existenz gefüllt sein als diese. Horst Lange also nahm sich meiner an, der Unergiebigkeit des Partners zum Trotz.[2]

Drei Augenärzte geben ihm nicht nur medizinische Hilfe, sondern fördern seine Hinwendung zur Literatur und unterstützen sie auch kraft Amtes soweit es ihnen in den gefährlichen Tagen möglich ist. Sie ermöglichen ihm noch in den Kriegstagen den Beginn des Studiums. Die „Ausgangsfreiheit“ nutzt der junge Wapnewski nicht nur zum Studium. Er ist auch gelegentlich im Berliner Nachtleben unterwegs. In einer Bar kommt es dann zu einer lebensgefährlichen Begebenheit. Wapnewski ist sturzbetrunken, kann sich an wenig erinnern. Er wird wird am nächsten Tag kafkaesk von der Nachtschwester geweckt, die ihn warnt, er werde im Laufe des Tages verhaftet. Der Vorwurf lautet auf Wehrzersetzung. Wapnewski war mit seinen Begleitern auf Soldaten auf Freigang gestoßen und hatten denen wohl Unfreundliches über den Staat und seinen Krieg „erzählt“. Einer der Ärzte reagiert sofort und erklärt Wapnewski für „nicht-haftfähig“. Das war üblicher Weise nicht viel wert. Man gab da nicht nichts drauf. Tatsächlich wurde er ins Wehrgefängnis Moabit überführt und dort vor den Kriegsgerichtsrat geführt. Aber hier zeigt sich das Schicksal gnädig. Der Kriegsgerichtsrat, etwas unwillig, sich mit so was herumschlagen zu müssen, verfügt mit Rücksicht auf das Attest erstmal: „Dann kann ich Sie nicht hierbehalten und muss Sie wieder gehen lassen.“ Damit ist die Sache nicht durch, sondern nur aufgeschoben.

Glück im Unglück

Die Jahre, die er dank der glücklichen Umstände im Unglück für seine Ausbildung zu nutzen sucht, bleiben unter der ständigen Gefahr der Verurteilung zum Tod durch das verwirrte Rechtssystem. Aber wieder zeigt sich der Zufall lebens- und überlebensbestimmend. „Superlative haben, das ist ihre Absicht, eine exkludierende Funktion. So zögere ich denn, von dem ‚glücklichsten Tag meines Lebens‘ zu reden (denn es gab deren noch einige mehr, gottlob), wenn ich auf den Tag meiner Entlassung aus dem Wehrdienst zu sprechen komme. Wieder ist eine Absurdität zu vermelden, die an das Wunderbare grenzt. Als wäre ich aus der Zeit gefallen.[3]  Vom  Stabsarzt, der ihn wiederum untersuchen sollte, wusste er, dass er in einer der medizinischen Fakultäten gelehrt hatte. Peter Wapnewski spricht ihn mit „Herr Dozent“ an. „Ohne ein weiteres Wort bestätigte er den alten entlastenden Befund“. Freilich musste er sich die Bestätigung bestätigen lassen. Sie war nur durch das zuständige Lazarett gültig. Aber da saß ein Stempel schief auf der Urkunde und die Names- und Ortsangaben waren nicht lesbar. Also war er plötzlich „frei“, frei für den „zivilen“ Lebenskampf des untergehenden „Reichs“.

Pflichtbewusste Denunzianten

Andere hatten weniger Glück. Erschütternd berichtet Peter Wapnewski vom Schicksal des „genialen jungen Pinanisten Karlrobert Kreiten“, der sich in privater Runde kritisch über den Staat und seinen Krieg äußert. Er wird von einer besonders „pflichtbewussten“ Staatsbürgerin denunziert – Gesetz ist halt Gesetz!?!.[4] Schließlich wurde er hingerichtet und den Eltern „eine Rechnung über Reichsmark 639,20, zahlbar binnen acht Tagen als materieller Beitrag zur Tötungsverrichtung ihres Sohnes“ zugestellt.[5] Was kann man dazu noch sagen? Wapnewski zitiert in anderem Zusammenhang Golo Mann: „Wer die dreißiger und vierziger Jahre als Deutscher durchlebt hat, (…) der kann seiner Nation nie mehr völlig trauen, der kann der Demokratie so wenig völlig trauen wie einer anderen Staatsform, der kann dem Menschen überhaupt nicht mehr völlig trauen und am wenigsten dem, was Optimisten früher den ‚Sinn der Geschichte‘ nannten.[6] Honi soit qui mal y pense.[7]

Adaequatio verbi ad rem

Allein seine Sprache wurde gelegentlich als etwas „altmodisch“ kritisiert, der „eine gewisse Maniertheit“ eignet. Mir ist das auch aufgefallen, aber nicht aufgestoßen. Sein gehobener, sprachsicherer Stil sprach mich eher an. Das ist vielleicht eine Geschmacksfrage. Peter Wapnewski erwidert dagegen seinen Kritikern auf seine Weise: dem Sprach- und Literaturwissenschaftler gehe es um „adaequatio verbi ad rem“.[8] Das gefällt natürlich dem „philosophischen“ Leser.

Nicht nur deshalb bin ich inzwischen Peter Wapnewski weiter gefolgt. Ich hab „mit ihm“ das Nibelungenlied gelesen. Mit Wagner beiläufig vertraut, glaubt man zu wissen, was das ist, die Nibelungen-Saga. Mir hat die Lektüre eine neue Welt erschlossen. Und es ist schon merkwürdig, dass „man“ Homers Odyssee und vielleicht seine Ilias, Vergils Aeneis oder Dantes Commedia gelesen hat, das Nibelungenlied aber irgendwie „verdächtig“ und germanig dumpf keiner Aufmerksamkeit würdig scheint. Ich werde kein Neu-Nibelung, aber Hagen Tronje und Rüdeger von Bachelen, und auch ein klein wenig Siegfried wird mir schon erhalten bleiben.

Peter Wapnewski würde wohl sagen, dann haben sich seine Erinnerungen ja schon gelohnt. Und er würde auch Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, wohl eher zur Nibelungensage als zur Lektüre Mit dem anderen Auge raten. Aber man kann ja – wie ich – das eine tun ohne das andere zu lassen und wird am Ende doppelt belohnt.

[1] Sie war bereits in Auflösung als er dazu kam.

[2] A.a.O., S. 95f.

[3] A.a.O., S. 149.

[4] Nachdem die erste „Anzeige“ ihre Wirkung verfehlt, wurde von der Denunziantin die nächste Hierarchieebene angerufen.

[5] A.a.O., S. 109f.

[6] A.a.O., S. 396.

[7] Der Schutz des Volkswohls und der Volksgesundheit kann immer wieder grausame Ergebnisse zeitigen.

[8] A.a.O., S. 397.

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