Inside Kakanien I 23: Unermesslicher Reichtum

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Konkurrenz gibt es natürlich immer. Nach anfänglichem Zögern war man von der Vorstellung eingenommen, diese Frau unaufdringlich und ohne besondere Anstrengungen, die einen falschen, überzogenen Anschein erwecken könnten, in unregelmäßiger Regelmäßigkeit wiederzusehen. Man musste nicht viel tun und freute sich drauf. Es gab dafür einen schützenden Rahmen – eine Parallelaktion.

Wir genießen auch beiläufige Begegnungen, von denen wir gar nicht recht sagen können, warum sie uns erfreuen oder befriedigen: das regelmäßige, aber nie sichere Zusammentreffen mit einer Frau, die man zunächst nicht groß beachtet hatte, nun aber, da man offenbar meist zur selben Zeit die S-Bahn nimmt, zu einem Aufmerksamkeitsmagneten geworden ist. Man ist froh, sie wieder ein paar Bänke entfernt ausgemacht zu haben, stellt mit der Zeit fest, dass man sich gegenseitig wahrnimmt, nickt sie zu, grüßt sich beiläufig und findet vielleicht einmal auf einer gegenüberliegenden Zugbank zusammen – das ist fast schon der Höhepunkt von solchen Geschichten, die in gelegentlichen kurzen belanglosen, aber gemütvollen Gesprächen enden. Man will nicht das Leben miteinander verbringen und meist nicht mal eine Affäre – obwohl die Phantasie gelegentlich mit einem durchgeht, tut man nichts dafür, dass sie wahr werden könnte.

Und dann tritt plötzlich einer in die Parallelaktion ein, der „unermeßlich reich“ ist und dem auch eine große politische Zukunft vorausgesagt wird. Reichtum ist natürlich nicht alles. Er kann Geist und Charme nicht ersetzen und man weiß sich gerade als ehrgeizige bürgerliche Frau, die inzwischen einen großen, um nicht zu sagen bedeutsamen Salon führt, der sich der Begegnung von „Gesellschaft und Geist“ verschrieb und dem geistreichen Austausch und höheren Zielen verpflichtet war. Und doch war der Aufstieg mühsam und von glücklichen Zufällen geprägt. Wohlbehütet in einer Familie ohne Vermögen aufgewachsen, „hatte [sie] in ihrer Mädchenzeit nichts gehabt als ihren Stolz, und da dieser hinwieder nichts hatte, worauf er stolz sein konnte, war er eigentlich nur eine eingerollte Korrektheit mit ausgestreckten Taststacheln der Empfindsamkeit gewesen.“ Mit dem Aufstieg ihres Mannes konnte sie ihre Talente zur Geltung bringen, die „sie sich angeblich im kulturvollen Elternhaus und in den Zentren der Welt, in Wahrheit aber wohl auf der höheren Töchterschule als vorzügliches Lernkind angeeignet hatte“. Und nun begegnete ihr dieser Mann, mit unermesslichem Reichtum. „Es gehörte selbstverständlich zu den Überzeugungen ihres Kreises, ‚Händler‘ nicht allzu hoch zu schätzen, aber wie alle Menschen bürgerlicher Gesinnung, bewunderte sie Reichtum in einer Tiefe des Herzens, die von Überzeugungen ganz unabhängig ist, und die persönliche Begegnung mit einem so über die Maßen reichen Mann wirkte auf sie wie goldene Engelsfittiche, die sich zu ihr niedergelassen hatten.“ Das prickelnd Schwebende der unverbindlichen, leicht erotisierten Nähe sieht sich nun einem anderen, sehr bestimmenden Reichtum gegenüber: es war „ein anderer Mann in ihr Leben eingetreten, der sich unter ihr wie ein riesiger Aussichtsberg emporhob“. Erfolg macht eben sexy. Aber nehmen wir es sportlich – Konkurrenz belebt das Leben und seine Affären. Der Mann ohne Eigenschaften hat etwas, das sich nicht kaufen lässt. 

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