Zerstrittenes Land

Nein, es geht nicht um Corona. Und auch nicht um Masken – jedenfalls nicht die „Mund-Nasen-Bedeckungen“, die … na lassen wir das. Es geht allenfalls um die „Streitkultur“, in der wir uns auch hierüber austauschen. Es geht natürlich um Klimaschutz, Antisemitismus und Rassismus, Populismus und gegenderte Sprache. Die offene Diskussion über die großen Fragen der Gesellschaft sieht Gabriele Krone-Schmalz durch das allgewärtige „Entweder … oder …“ (Kapitel 2) gefährdet und durch die Selbstgewissheit aller Beteiligten bestimmt, sich bei „Gut und Böse“ so sicher zu sein (Kapitel 4), dass die „Würde des Andersdenkenden“ außer Blick gerät (Kapitel 5). Ihr gelingen dabei schöne Beobachtungen, die zeigen, wie schnell man sich den Vorwurf zuziehen kann, ein*e Klima-Leugner*in zu sein, ein*e Populist*in oder Volksverräter*in, Antisemit*in oder Rassist*in. Die Diskussion wird von einem „Politischen Moralismus“ bestimmt, der Antworten nicht darauf prüft, ob sie die strittigen Fragen klären helfen, sondern sich auf die „dahinter stehende“ Weltanschauungen und die Gesinnung der Beteiligten konzentriert. Wir leben in einer Gesellschaft der Aufklärer*innen und Leugner*innen. Wer beschwört, kein*e Klima- oder Corona-Leugner*in zu sein, wird eines „Besseren“ überführt und durch Nachweis kleinster Spurenelemente enttarnt.[1] Die Deutungshoheit reklamiert immer der Ankläger für sich. Und so sieht sich manche*r, in die Not gebracht, beweisen zu müssen, kein*e Antisemit*in oder Rassist*in zu sein, was selten gelingt, ist das Urteil erst einmal gefällt. Als XY-Leugner*in – natürlich klingt da immer die strafrechtliche Bedeutung des Holocaust-Leugners an – ist man/frau bereits ins Abseits gestellt. Lügnern*innen glaubt man/frau nicht.

Der Appell von Krone-Schmalz, sich gegenseitig zu achten, verpufft dagegen etwas im Vagen. „Auch wenn Respekt und Toleranz theoretisch weitgeteilte Werte sind, hapert es nicht selten bei der praktischen Umsetzung.“ Und es „hapert“ es auch bei Ratschlägen durch Krone-Schmalz – vielleicht auch, weil sie die schwierige Sache der Toleranz nicht wirklich erörtert.

 

„Die Aufmerksamkeitshändler“

Wie nicht anders zu erwarten war, beschäftigt sich Gabriele Krone-Schmalz in „Respekt geht anders. “ nicht zuletzt mit ihrem eigenen Metier: dem Journalismus. Die Rolle, die die Medien für die Lage der Dinge spielen – nicht nur für „unser zerstrittenes Land“, zieht sich durchs ganze Buch.

Im eigentlich letzten Kapitel (Die Aufmerksamkeitshändler), das nur noch von einem kurzen abschließenden Ausblick (Und jetzt?) gefolgt wird, geht es ausdrücklich um die Medien und den Journalismus. Wie grundlegend die Medien sind erläutert Krone-Schmalz mit einem Verweis auf Luhmann: „Was wir über die Gesellschaft, ja die Welt, in der wir leben, wissen, wissen wir durch Massenmedien.[2] Sie beschwört die Rolle des Journalismus als die „Vierte Gewalt“ und zeigt an einem Beispiel aus der New York Times wie gefährdet unabhängiger Journalismus inzwischen ist. James Bennet, war dort als „Chef der Meinungsseiten“ entlassen worden, weil er den Beitrag eines Republikaners veröffentlicht hatte, der den Einsatz des Militärs bei den Unruhen im Zusammenhang der Black Live Matters Demonstrationen in die Diskussion brachte. In Deutschland kommentierte das der Spiegel damit, dass „der Neutralitätsjournalismus … heute nicht nur uninteressant und unaufrichtig“ sei. „Er versagt vor allem in seinem Auftrag als ‚vierte Gewalt‘.“ Ein „moderner Journalismus“ brauche „in diesen Krisenzeiten klare moralische Ansagen“.[3] Es wird gefordert, der neue Journalismus müsse „Haltung zeigen“. Krone-Schmalz sieht hier die Gefahr, dass der Journalismus sich zu einem politischen Helfershelfer mache, dem es darum ginge, der eigenen Krise durch immer größeres Anbiedern zu entkommen. Sachgerechte Information wird so durch „gut gemeinte“ Berichterstattung ersetzt, die vor allem auf Klick-Aufmerksamkeit zielt.

Tolerante Zeiten?

Die „Betrachtungen über unser zerstrittenes Land“ von Krone-Schmalz lassen sich an meine Überlegungen zur Toleranz anschließen. Wir leben, so glauben wir, in Zeiten gelebter Toleranz. Ich befürchte allerdings, dass wir uns darin täuschen. Natürlich sind wir frei, vieles zu tun, was lange Zeit verboten und geächtet war, und haben diese Freiheit rechtlich gesichert. Wer Recht hat, braucht aber keine Toleranz. Hinzu kommt, dass vieles von dem, was „früher“ ethisch moralisch verurteilt wurde, heute als moralisch neutral betrachtet wird. Sexualmoral z.B. hat sich weitgehend aufgelöst und gilt als etwas, das sich lächerlich altmodischen Gesinnungen verdankt, die sich längst überlebt haben. Es ist kein Zeichen von Toleranz, wenn einem vieles ethisch moralisch einfach „Wurscht“ ist. Toleranz zeigt sich eben dort, wo es einem ethisch moralisch um etwas geht. Genau da scheinen mir die Zeiten nicht gerade durch toleranten, respektvollen Umgang geprägt. Wo es um ethisch moralische Fragen geht, zeigt sich oft rücksichtslose Entschlossenheit. Meinungsunterschiede werden moralisch aufgeladen und die äußersten, denkbar schlimmsten Konsequenzen gezogen. Wer sogenannte Obergrenzen bei der Migration von Flüchtlingen favorisiert, [4] sieht sich dann schon mal als fremdenfeindlicher Neo-Nazi tituliert. Spurenelemente kritischer Nachfrage bei der Klimakatastrophe, den Pandemie-Risiken oder der Transgender-Realität veranlassen „social distancing“ und können einem Titel wie Klima- oder Corona-Leugner, Verschwörungstheoretiker oder Chauvinist verleihen. Umgekehrt führt Kritik an Maßnahmen zur Epidemie-Eindämmung, die man für überzogen halten mag, zu Diktatur-Vorwürfen, Phantasien von unterstellten Weltherrschaftskomplotten oder der Titulierung als „Volksverräter“. Demonstranten, die nach eigenem Verständnis fürs Grundgesetz auf die Straße gehen, wird von Mitgliedern der AntiFa vorgeworfen, Neo-Faschisten zu sein, die wiederum der AntiFa vorwerfen, die wirklich neuen Faschisten zu sein. Seltsame Welt, in der sich viele und gefühlt immer mehr vor allem dadurch auszeichnen wollen, keine Toleranz gegen Intoleranz zu zeigen.

 

[1] Ganz ähnlich zum PCR-Test taugen kleinste Spurenelemente durch Wiederholung und in der Kettenreaktion konsequenten Schlussfolgerns zum Nachweis der Infektion.

[2] S. 167.

[3] Cf. S. 156.

[4] Ich sag mal vorsichtshalber, dass ich das NICHT tue – ich kenne mich da auch gar nicht aus. Vermutlich schließt eine Willkommenskultur a la „Refugees Welcome“ gesetzliche Regelungen und sogar Obergrenzen nicht mal aus – aber wie gesagt, ich weiß es nicht.

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