Visionen – wirklich nichts Neues

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Anthonis van Dyck: Vision des sel. Hermann Joseph auch Mystische Verlobung des Seligen Hermann Joseph mit Maria, etwa 1630 (Wikimedia) – Kunsthistorisches Museum, Wien – Vergrößern

Erfahrungen muss man machen. Man kann sie anstreben, kann aber vorher nicht wissen, worin sie bestehen. Erfahrungen sind deshalb meist schmerzlich. Sie zeigen uns Unerwartetes, gar Anstößiges. Die Sache ist anders als gedacht. Sie entgegnet uns überraschend – sie enttäuscht indem sie widererwartet und unvermutet auftritt.

Mariens Verkündigung war so. Sie ist ein klassisches Beispiel einer unerwarteten Eröffnung. Ins Lesen und lesendes Gebet vertieft, schreckt sie plötzlich eine Einsicht auf: eine himmlische Botschaft wird ihr zuteil und ein englischer Botschafter tritt vor ihr (geistiges) Auge. Gabriel erscheint ihr mit einer anstößigen Frohbotschaft: was der Welt zum Besten gerät ihr zur schweren Lebensprüfung. So ist das ja häufig. Hütet Euch vor „englischen Grüßen“!

Was aber wenn wir Dingen begegnen, die zu schön sind, um wahr zu sein? Van Dycks Maria in seiner „Vision des Heiligen Hermann-Josef“ aus dem Jahr 1630 ist so. Sie gehört zu den schönsten Madonnen, die sich in der Kunstgeschichte finden. Nicht nur wir sind begeistert. Der Heilige Hermann-Josef ist „hin und weg“.

Wer ist dieser Hermann, der sich mit einem Bindestrich noch zu einem Josef macht? Der Heilige Hermann-Josef war ein Uhrmacher aus Köln. Dort um 1150 geboren, trat er schließlich ins Kloster der Prämonstratenser ein und erhielt dort die Priesterweihe. Er zeichnete sich – wie das „Große Buch der Heiligen“ hervorhebt – „durch eine hingebende innige Frömmigkeit aus“ und hatte von klein auf Visionen, in denen sich die von ihm verehrte Gottesmutter richteten. „Es kam vor, dass er während des Messopfers“, so wird berichtet, „mehrere Stunden lang unbeweglich in Ekstase mit ausgebreiteten Händen verharrte, so dass sich schließlich niemand mehr fand, der ihm dabei dienen wollte.“ Er glaubte sich ihr „während seines ganzen Lebens liebend anverlobt“. Und so wurde aus dem deutschen Hermann der Hermann-Josef!

Hermanns „Ich bin Josef“-Vision

Das Bild van Dycks zeigt eine jener ekstatischen Visionen. Hermann-Josef kniet in verzückter Ergriffenheit vor Maria. Er gibt sich ganz seiner Vision hin und hält der sich vor ihm zeigenden Maria sehnsuchtsvoll seine rechte offene Hand entgegen. Maria scheint davon wenig berührt. Die visionäre Maria wirkt zurückhaltend, reserviert und etwas spröde und fast ein wenig unwillig. Sie scheint von der Hermannschen Verzückung wenig beeindruckt. Mit vorsichtig tastenden Fingern nähert sich ihre Hand behutsam der Hand Hermanns so als wolle sie sehen, was sich bei einer Berührung ereignet.

Die in sich versunkene, leicht abweisende Haltung Marias findet sich in vielen Madonna-Darstellungen. Sie ist Vorzeichen für das Geschick Jesu mit seinem Tod am Kreuz für die Erlösung der Sünder und birgt einen stillen Vorwurf an den Betrachter, dass er zu unverdienter Gnade kommt.

Die visionäre „Vermählung“ des Hermann-Josef mit Maria, seine mystische Verbindung und Eins-Werdung mit ihr ist eine seltsame Geschichte, der wir etwas ratlos gegenüberstehen.

Was hat seine Vision mit uns zu tun? Warum wird sie uns gezeigt und warum gucken wir sie „begeistert“ an? Dass sie von einem Orden in Auftrag gegeben wurde, der „große Momente“ seiner Geschichte verewigen wollte, schiebt eine Erklärung nur auf: wir wissen damit nicht, worin seine „Größe“ besteht und was sie mit uns zu tun hat. Sollen wir uns an Hermann-Josef ein Beispiel nehmen, werden wie er und seine Visionen teilen?

Mystik liebt – alte Wahrheiten

Mystische Visionen kann man nicht teilen. Sie sind persönliche Erlebnisse, keine (mit-) teilbaren Erfahrungen. Sie sind wie der Name schon sagt „geheimnisvoll“ (μυστικός) und bezeichnen ein Ergriffensein, das „das gewöhnliche Bewusstsein und die verstandesmäßige Erkenntnis übersteigt“. Von der göttlichen Offenbarung z.B. in den Heiligen Schriften der abrahamitischen Religionen unterscheidet sich das mystische Erlebnis vor allem durch ihren „subjektiven“ Charakter. Es geht weniger um die Sache als ums Ergriffensein durch sie und den ekstatischen Zustand, den sie auslöst.

Offenbarungen dagegen sind per definitionem wahr, jedenfalls sind sie „wahrheitsfähig“. Offenbarungen sind nicht „privat“, sie machen Sinn und ihre Bedeutung wird diskursiv ausgelegt und verständlich gemacht. Sie werden rational rekonstruiert und ihr Vorrang besteht darin, dass wir das können – das ist die uns so modern erscheinende Sicht Augustinus aus dem 4. Jahrhundert, die die doctrina christiana seither maßgeblich bestimmt.

Mystische Visionen sind dagegen „übersinnlich“, sie übersteigen unsere Sinne – allemal den common sense. Sie sind ein Geheimnis, dem außer seinem Erlebnis kein (weiterer) Sinn gegeben werden kann. Mystische Visionen entdecken nichts Neues. Sie sehen nur ein. Mystik ist keine Prophetie. Es gibt für sie nichts Neues unter der Sonne. Das Alte und lange schon Gültige wird eigens „ergriffen“ – es ergreift den Mystiker, ohne dass er es schrecklich fände. Wer sagt, was alle sagen und tut, was alle erwarten, der dafür keine Gründe geben.

Marienerscheinungen z.B. müssen nicht beglaubigt werden. Ich kann sie einfach haben. Persönliche Begegnungen mit Gott sollten dem Betenden ja durchaus vertraut sein. Allein die Intensität, das vollkommene Ergriffensein und der empfundene Verlust aller Kontrolle macht das mystische Erlebnis so geheimnisvoll.

Mystische Visionen sind wie Träume schwer zu fassen und nur für den Träumenden da. Sie sind so eigensinnig wie Träume. Wer mit seinem Traum keinen anderen Anspruch verbindet als dass er geträumt hat, von dem fordert man keine Gründe.

Natürlich gibt es Ähnlichkeiten und Übergänge. Prophetische Offenbarungen können durchaus mit ekstatischen Erlebnissen verbunden sein. Das macht sie aber nicht besser oder „wahrer“. Entscheidend ist die Perspektive und die Selbstwahrnehmung der erlebenden Subjekte: wer aus einer Marienerscheinung ein neues Theologumenon ableiten möchte, der muss „seine“ Erscheinung zu einer gemeinsamen machen, ihr Sinn und ihre Anschlussfähigkeit zu anderen Sätzen plausibel machen, deren Wahrheit bereits unbestritten unterstellt wird. Die Wahrheit der „Erscheinung“ kann nicht durch das ekstatische Erlebnis versichert werden.

Erfüllung ist keine Erfahrung

Mystische Visionen sind keine Offenbarungen (für andere), es sind Erfüllungen. Insofern sie sich überhaupt mitteilen lassen, sind es nur Umschreibungen wie es sich anfühlt, zum eigenen Ziel zu kommen.

Sie gleichen Glücksmomenten, in denen sich das erfüllt, wonach wir streben, wir in ihm aufgehen und mit ihm „eins werden“. Das Erlebnis der Erfüllung ist keine Erfahrung, in der wir ent-täuscht werden.

Für die antike Ethik gilt, dass der Mensch von Natur nach Glück strebt und auf ein gelungenes Leben aus ist. Es ist das „höchste Gut“, das letzte Worum-Willen unseres Handelns. Bei den „Mitteln“ können wir uns täuschen, beim Worum-Willen nicht. Wer auf die falschen „vermittelnden Güter“ setzt, macht früher oder später die Erfahrung der Ent-täuschung. Was gut für uns schien, erweist sich als schlecht. Die Erfahrung, was Glück ausmacht, müssen wir erst machen. Das Glück selbst kann uns aber nicht enttäuschen, wir können mit ihm keine andere Erfahrung machen als die der Erfüllung. Was der antiken Ethik das Glück, das ist dem christlichen Glauben die verhießene Begegnung mit Gott.

Wenn alle nötigen Erfahrungen gemacht wurden, ist das gefunden, von dem man nicht mehr enttäuscht werden kann und das man immer schon gesucht hatte. Glück ist per definitionem keine (anstößige) Erfahrung. Es ist Erfüllung und Erfüllung kennt keine Enttäuschung. Die Erfüllung kann nur insofern Erfahrung genannt werden als sie sich in die Enttäuschung enttäuscht, das Glück der Erfüllung sei (in diesem Leben) einfach nicht zu erwarten. Man kann die Erfüllung erfahren, sie ist selbst aber keine.

Es lebe der Hellenismus

Obgleich mystische Erlebnisse in der europäischen Kunst- und Kulturgeschichte mit dem Christentum verbunden sind, gibt „die geschichtsgebundene Offenbarungsreligion der Bibel der Mystik (im Sinne von geschichtsloser, autonomer Versenkungstechnik) keinen Raum“ (Lexikon für Kirche und Religion).

Ekstase schafft keine Wahrheit. Die „Gegenstände“ der christlichen Offenbarung rühren nicht her von ekstatischer Mystik. Das Christentum ist kein Mysterienkult. Im Gegenteil: mystische Erlebnisse sind solche, die sich auf „offenbarte“ Gegenstände beziehen. In ihnen wird das Subjekt von der Wahrheit der Gegenstände ergriffen und in einen „anderen Zustand“ gebracht. Mystische Erlebnisse unterscheiden sich darin von seelischen Verwirrtheiten und Geisteskrankheiten, Halluzinationen, Suchtphantasien oder Entzugserscheinungen.

Dieser „andere Zustand“ ist deshalb durchaus verdächtig. Das mystische Erlebnis des Entrücktseins, des ekstatischen Außer-sich-Seins und des Verlusts der Selbstkontrolle sind per se ja keine erstrebenswerten Zustände. Solcherlei Visionen sind z.B. für Stoiker nichts. Sie sind unter stoischer Perspektive per se schlecht.

Wenn wir bei mystischen Visionen von „Selbstverlust“ reden, dann muss es dieses „Selbst“ geben. Das aber ist selbst das Ergebnis einer geschichtlichen und philosophischen Entwicklung (im römischen Hellenismus), nämlich der Entwicklung der Trinitätslehre und dem, was es heißt, Person zu sein.

Die Voraussetzung für die christliche Mystik ist deshalb eine „Geist-“ und „Liebes-Lehre“, die der antiken Philosophie durchaus fremd ist und sich erst in Auseinandersetzung mit dem Neuplatonismus in den frühen nachchristlichen Jahrhunderten herausbildet.

Hermann-Josefs Vision ist seine „mystische Vermählung“. Mystische Erlebnisse sind Liebes-Erlebnisse, die Erfüllung einer liebenden Sehnsucht. Der Liebende bekennt seiner Geliebten, dass er nicht ohne sie leben will und es als der, der er ist und sein will, auch nicht kann.

Und nur Personen lieben. Sie sind wesentlich das, was sich in der Liebe zeigt. Die Person des Liebenden ist in ausgezeichneter Weise mit der Person der Geliebten verbunden. Der Liebende gibt sich ganz der Geliebten hin und findet in ihr sich selbst. Die Hingabe ist keine Aufgabe, kein Verschwinden des Individuellen und Besonderen im geistigen Allgemeinen (wie das die alte Geistmetaphysik denken mochte), sondern ein Ergreifen des Individuellen als Person. Personen sind über sich hinaus. Wenn sie dieses Mit-Andern-Sein und Über-sich-Hinausgehens ergreifen, werden sie das, was sie sind und erfüllen ihr Wesen.

Zwei Vermittler – der Engel …

Die Vision Hermann-Josef kommt auch bei van Dyck nicht unvermittelt. Sie wird geführt. Ein besorgter Engel ist herbeigesprungen. Sein Umhang flattert noch von der ungestümen Aufwärtsbewegung, die das ganze Bild durchherrscht. Er führt die Hand Hermann-Josef mit kritisch-besorgten Blick so als fürchte er, der Verzückte könnte überreizt in der mystischen Vision wie in einem Fieber kollabieren. Das Feuer der Liebe ist so stark, dass Hermann-Josef es kaum mehr zu ertragen vermag und darin zu verbrennen droht.

Nicht nur die Erlebnisstärke auch ihre Ausrichtung braucht aber wie wir sahen der Führung. Wer wie Hermann glaubt ein Josef zu sein, der muss an die Vermittlung des Engels glauben. Wer statt geistiger Aussetzer mystische Erlebnisse reklamiert, der muss an „übernatürliche“ Hilfe glauben. Er sucht keine wirren Vorstellungen oder Wohlfühlimpressionen, dämonische Bilder oder „bloße“ Erscheinungen, nämlich etwas, das etwas zu sein scheint, aber gerade in dem Erscheinenden, nicht da ist. Die englische Führung lässt das erscheinen, was da ist, aber sich nicht „unvermittelt“ zeigt.

Anders als bei der englischen Verkündigung an Maria durch Gabriel ist Hermann-Josef nicht erschreckt. Er ist völlige Hingabe. Er macht keine enttäuschende Erfahrung, ihm erfüllt sich, was er ersehnt. Er hat sich darin verwandelt. Der neue Josef bleibt gleichwohl der alte Hermann. Er wurde nur insofern (innerlich) verwandelt als er zu dem geworden ist, was er seiner Natur folgend werden wollte, der „Liebhaber“ Mariens oder – philosophisch gesprochen: eine Person. Und das ist er in seiner „Einsicht“. Er wird in ihr „ergriffen“. Er wird für sich, was er immer schon gewesen, er wird zur Person, die er ist. Seine Vollendung ist eine Transsubstantiation.

… und der Begleiter

Anthonis van Dyck: Selbstbildnis (1615 ) – Wikimedia

Es gibt zwei Vermittler. Was der Engel für den Heiligen, das ist der Begleiter Mariens für Maria. Sie sind beides „Kuppler“, Führer der erscheinenden Begegnung. Den Begleiter Marias dürfen wir als den Maler sehen. Er zeigt zumindest viel Ähnlichkeit mit den Selbstbildnissen van Dycks. Er macht mit seiner Rechten, der Malhand, eine Geste der Vorsicht, die zur vorsichtigen Annäherung mahnt. Die direkte Berührung wird aufgeschoben, es ist ein mystische, eine in einer mystischen Vision.

Visionen sind Sache der Kunst. Die Kunst teilt eine Vision, offenbart sie anderen: sie macht sie zugänglich und will damit eine verschaffen. So stehen wir „begeistert“ vor diesem Bild. In gewissem Sinne ist der mystisch Entrückte von etwas anderem entrückt, er ist entrückt worden. Was er sieht, ist etwas, das sich zeigt. Die Vision drängt sich auf. Und mit ihr dieses Bild. Sie scheint wie die Wirklichkeit der Erfahrung sich gegen die Interessen und Intentionen durchzusetzen. Und beim Betrachten des Bilds (und nur so) können wir die Erfahrung einer Vision machen, die ein anderer hatte.

Der Künstler sieht sich in doppelter Weise visionär: er schafft eine (für uns) Vision, indem er sie dar- und nachstellt. Visionen von der Art Hermann-Josefs sind so wie dieses Bild. Jeder Künstler hat Josef zum zweiten Vornamen.

Vgl. auch: Tocotronische Mystik und Keine Wahrheit ohne Engel

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