Verschwörungstheorien philosophisch betrachtet?

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Manchmal tut es wirklich weh, was so als „philosophisch“ gilt. Nein, ich rede nicht von Richard David Precht, das kann man so und so sehen, und sich freuen, dass irgendwie Philosophisches ein bisschen populär gemacht wird. Gegen Populärphilosophisches ist nichts zu sagen. Mehr schon über Nichtssagendes, das sich akademisch gibt. In der aktuellen Information Philosophie z.B. berichtet Daniel Minkin „Über die Schwierigkeiten der Philosophie mit den Verschwörungstheorien[1]. Die mag es geben. Ich dagegen habe Schwierigkeiten mit diesen Schwierigkeiten. Es geht dort nämlich allen Ernstes um die „Frage, ob Verschwörungstheorien grundsätzlich abgelehnt werden sollten“. „Man“[2] beruft sich dabei auf Karl Raimund Popper (1902-1984), der in Die offene Gesellschaft und ihre Feinde von der „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“ gesprochen hat.[3] Als Theorien sollten sie falsifizierbar sein und das schien Popper wohl bei Verschwörungstheorien nicht möglich. Natürlich setzt „man“ sich unter – man höre und staune – der „näheren Betrachtung der Forschungsliteratur[4] mit diesem Argument auseinander, nicht ohne – und hier muss ich mir wieder verwirrt mit der Hand gegen die Stirn schlagen – zwischen „Repressivistischen“ und „Permissibilistischen Positionen“ zu unterscheiden: die einen verbieten Verschwörungstheorien ganz, die anderen lassen sie bedingt zu. Natürlich reicht das für eine akademisch weiterführende, also stellenbesetzende Betrachtung nicht zu. „Man“ unterscheidet deshalb lieber etwas feiner zwischen „allgemein-repressivistischen“, „partiell-repressivistischen“ und „permissibilistischen“ Theorieansätzen. Ich würde es an Ihrer Stelle auch nicht glauben – aber ich musste es ja lesen!

Karl Raimund Popper

Aber zunächst zu Popper, der den Repressiven (oder Repressivisten? – na ja, halt den Vertretern des „Repressivismus“!?) zuordnet wird. Ihm geht es freilich nur bedingt um „Verschwörungstheorien“ als solche. Er weist sie vielmehr einem Verständnis von Sozialwissenschaften zu, das – Ironie der Theorie – die meisten kritischen Theoretiker der Verschwörungstheorie wohl teilen würden.

Popper spricht von der „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“ um dagegen „das richtige Ziel der Sozialwissenschaften[5] zu bestimmen: „Diese Theorie behauptet, daß die Erklärung eines sozialen Phänomens in dem Aufweis der Menschen und Gruppen besteht, die am Eintreten dieses Phänomens ein Interesse haben (dieses Interesse ist manchmal verborgen und muß erst enthüllt werden) und die zum Zwecke seiner Herbeiführung Pläne gemacht und konspiriert haben. Diese Auffassung von der Aufgabe der Sozialwissenschaften entspringt natürlich der irrtümlichen Theorie, daß alle Vorgänge innerhalb einer Gesellschaft – insbesondere Kriege, Arbeitslosigkeit, Armut, Mangelerscheinungen, also Vorgänge, die die Menschen in der Regel unangenehm finden – das Ergebnis eines direkten Plans von seiten gewisser mächtiger Individuen oder Gruppen sind.[6]

Nicht dass „soziale Phänomene“ nicht auf Zwecksetzungen, Plänen und Handlungen von Menschen, mehr oder weniger „mächtiger Individuen oder Gruppen“ beruhten. Das schon. Aber im sozialen Handlungsraum kommt es „zu vielen unvorhergesehenen Rückwirkungen […], zu Rückwirkungen, die zum Teil sogar unvorhersehbar sein können. Die Hauptaufgabe der Sozialwissenschaften besteht nun, wie ich glaube, in dem Versuch, diese Rückwirkungen zu analysieren und sie soweit als möglich vorherzusehen. Es ist ihre Aufgabe, die unbeabsichtigten sozialen Rückwirkungen absichtlicher menschlicher Handlungen zu analysieren …“.[7] Poppers etwas merkwürdiges Beispiel zeigt aber vielleicht doch, worauf es ihm ankommt: Beim Kauf eines Hauses wird der niedrigste Preis erstrebt, aber da Nachfrage den Preis erhöht, besteht die Gefahr, dass nun auch der Preis steigt. „Eine Handlung, die genau wunschgemäß verläuft, führt zu keinem Problem für die Sozialwissenschaften…“[8] Sozialwissenschaft hat – etwas paradox formuliert – zu erklären, wie es zu etwas kam, was so keiner wollte. Damit ist die „Verschwörungstheorie der Gesellschaft“ aus dem Spiel: die Verschwörung, die funktioniert ist sozialwissenschaftlich nicht relevant, und die, die scheitern oder unberechtigter Weise unterstellt wurden, sind nicht theoriefähig. „Ich will damit nicht sagen, daß sich Verschwörungen niemals ereignen. Im Gegenteil: Verschwörungen sind ein typisches soziales Phänomen.[9] Es gibt Verschwörungen, aber sie sind – macht Sozialwissenschaft überhaupt Sinn – äußerst selten erfolgreich. Die seltenen, unwahrscheinlichen Fälle gelungener Verschwörungen stellen sozialwissenschaftlich nämlich vor die Herausforderung, „zu erklären, warum in diesem besonderen Fall keine unbeabsichtigten Rückwirkungen eingetreten sind“.[10]

Uh – Sie staunen und finden das merkwürdig um die Ecke gedacht? Ich auch. Popper eben. Aber eben schon ein wichtiger Impuls zur Klarstellung der sozialwissenschaftlichen Aufgabe wie Popper sie in Kritik des Historismus, des Psychologismus oder einer Soziologie marxistischer Prägung versteht.

Es gibt Verschwörungen – oder wollen das die philosophischen „Repressivisten“ leugnen? Die von Brutus und Gesellen gegen Caesar z.B., die dürften selbst unsere Qualitätsmedien uns nicht auszureden versuchen. Und es gab auch die Verschwörungen, die sie zunächst geleugnet und als Erfindung von Verschwörungstheoretikern gebrandmarkt hatten: Watergate und die der irakischen Massenvernichtungswaffen und die der Brutkasten-Lüge und neuerdings auch die von Hilary Clinton gegen Donald Trump. Aber das gilt immer noch als Verschwörungsmythos oder -ideologie, über die man sich im Mainstream zu berichten weigert, weil das dem unbeliebten Trump am Ende noch nützen könnte.

Ein schönes Beispiel für das, was Popper gemeint haben dürfte, ist die Einführung einer Impfpflicht gegen SARS-CoV-2, die von einigen bereits 2020 vorhergesagt wurde. Das wurde damals von den meisten politischen Akteuren und der Mehrheit der Qualitätsmedien als völlig unbegründet abgetan und als Verschwörungstheorie beschimpft. Nun sollte sie doch kommen, gefordert von denen, die in der gesetzlichen Impfpflicht gerade noch die Erfindung einer kruden Verschwörungsideologie sehen wollten.[11] Dass die allgemeine Impfpflicht (ab 60) nun doch nicht kam, ist freilich wiederum schuld von Verschwörungstheoretikern, die sich den guten Gründen eines Impfzwangs nicht zugänglich zeigten und für Deutschland eine Alternative wollten 😉.

Die Weltwoche vom 22.05.2022

Also: es gibt Verschwörungen und weil es sie gibt, kann (oder muss) man sie auch „erklären“ und das ist dann – so die von Daniel Minkin angeführte Definition – eine Verschwörungstheorie.[12] In etwas eine Verschwörung zu sehen, ist bereits Teil einer Theorie. Und die sie tragenden Behauptungen – z.B. hat Hilary Clinton „die verleumderische Medienkampagne über Trumps angebliche Absprache mit Russland […] persönlich in Auftrag gegeben“? – können wahr oder falsch sein. Verschwörungstheorien sind nicht per se falsch, sonst könnten Aussagen über Verschwörungen auch nicht wahr sein, aber sie können natürlich falsch sein – und sind es vielleicht auch oft. Aber selbst wenn sie falsch wären – nennen wir sie besser Verschwörungsvermutungen – dienen sie nicht selten zur Aufklärung von kritischen Sachverhalten. Investigativer Journalismus darf wie die detektivische Arbeit Vermutungen anstellen, die über die vorliegende Faktenlage hinausgehen. Nur so ist (weitere) Aufklärung möglich: War es ein zufälliges Ereignis oder Unfall, die Tat eines Einzelnen oder eine gemeinschaftlich geplante und durchgeführte Aktion etc. Dabei werden Hypothesen aufgestellt und geprüft. War der Wahl von Thomas Kemmerich (FDP) 2020 zum thüringischen Ministerpräsidenten eine Absprache zwischen CDU, FDP und AfD vorausgegangen oder war es doch eher ein ungewollter „Wahlunfall“? Die Möglichkeit einer Absprache sollte doch wohl untersucht werden. Journalisten, die dies tun, Verschwörungstheorie vorzuwerfen, ist geradezu absurd.

Verschwörungstheorien/-vermutungen spielen eine essentielle heuristische Rolle für den Investigativ-Journalismus. Ein Journalismus, der sich pauschal gegen Verschwörungstheorien positioniert, der disqualifiziert sich selbst. Man kann das Festhalten an Verschwörungstheorien kritisieren, die durch Gründe widerlegt werden konnten. Und in der Tat sind auch Verschwörungsvermutungen mehr oder weniger plausibel und können als vergleichsweise unwahrscheinlich abgetan werden. Man muss der „jüdischen Weltverschwörung“ nicht nachforschen, weil sie ja irgendwie möglich sein könnte. Was wir hier kritisieren, ist auch nicht die Unplausibilität der Vermutungen, sondern der meist der zum Ausdruck gebrachte Antisemitismus.

Die Diskreditierung von Personen als Verschwörungstheoretiker, meist willkürlich und ohne jede Begründung, ist allerdings inakzeptabel. Wenden wir uns am Besten ab, wenn „Medienschaffende“ ihr Mütchen damit kühlen, andere als Verschwörungstheoretiker zu entlarven. Das ist meist schlicht Arbeitsverweigerung durch Beschimpfung.

Die besonders Klugen sprechen deshalb statt von Verschwörungstheorien lieber von „Verschwörungsmythen“ oder „Verschwörungsideologien“. Oft scheinen sie mir gar nicht zu wissen, was Mythen eigentlich sind und welche Bedeutung sie für die kulturelle Identität Europas hatten. Und Ideologie, das ist – in gut marxistischem Verständnis – eben ein „falsches Bewusstsein“. Verschwörungstheorien seien – so wird zwischen den Zeilen vermittelt – halt ideologisch und damit falsch. Nicht ohne dann in akademischer Präzision, also völlig abstrus, darauf hinzuweisen, dass „man“ natürlich die Ideologie nicht einfach „abstreifen und die Welt so erkennen [könne], wie sie wirklich ist“.[13] Könnten Sie mich beim Schreiben dieser Zeilen sehen, würden sie ein ratloses, altes, weißes Männlein sehen, das, in der Hoffnung aus einem schlimmen Traum aufzuwachen, seinen Kopf gegen die Schreibtischplatte schlägt.

Tagesschau: einfach verlässlich – alles andere ist Verschwörungstheorie!

Also alles unfassbarer Blödsinn? Wenn die Dinge so einfach liegen, was kann dann eine „philosophische“ Betrachtung leisten? Nicht mehr als dass die Wahrheit von Vermutung begründet werden müssen. Das wars dann schon. Und natürlich die Hoffnung, dass das der investigative Journalismus tut und nicht nur Reuters Meldungen (falsch) abschreibt.

Verschwörungstheorie ist ein haltloser Vorwurf der herrschenden Meinung geworden und „die“ Philosophie bemüht sich, die philosophischen“ Grundlagen dafür bereitzustellen. „Man“ dienert sich stellensuchend und aufmerksamkeitsheischend wieder mal an. Nein, keine Verschwörungstheorie, nicht an Bill Gates oder die CIA – viel einfacher, ans „Man“ der herrschenden Meinung. „Man“ bestätigt sich selbst.

Peter J. Brenner auf Tumult, Juni 2022

Meine Vermutung (!) zu dieser Anbiederung ist folgende: Es gibt eine Unzahl von Untersuchungen zu Verschwörungstheorien – eine zeitlang waren Sekten oder Gangs gefragt – die im Großen und Ganzen völlig bedeutungslos sind, aber mit staatlicher Unterstützung gefördert werden. Sie sind bezahlte „Regierungswissenschaft“, die dazu dient den wissenschaftlichen Nachwuchs zu beschäftigen und auf Kurs zu bringen. ABM und weg von der Straße. „Auf die Frage, was das denn für Leute seien, die an Verschwörungstheorien glaubten, antwortete der Moderator und Meteorologe Jörg Kachelmann: ’Generell solche, […] die nicht die hellsten Kerzen auf der Torte sind, die nicht di knusprigsten Chips in der Tüte sind, […] die nicht alle Latten am Zaun haben’.[14] Wer an Verschwörungstheorien glaubt, der ist doof. Hätten Bob Woodward und Carl Bernstein nicht machen dürfen! Aber die Ideologen der Verschwörungstheorien sind durchtrieben und äußerst gefährlich. Die meisten geben nicht mal zu, dass sie Verschwörungstheorien verbreiten. Deshalb muss mit aller Energie über Verschwörungstheorien aufgeklärt werden – nicht ob sie stimmen, um Himmels Willen, wer soll das auch beurteilen – denn diejenigen, die Verschwörungstheorien schreibend bekämpfen sind – na ja – auch nicht immer „die hellsten Kerzen auf der Torte“ – anders als Jörg Kachelmann, der natürlich „alle Latten am Zaun“ hat, sonst könnte der gar nicht so klar drüber reden.

Daniel Minkin kommt jedenfalls zu folgendem Fazit: „Der Repressivismus ist zweifellos das vorherrschende Paradigma in der außerphilosophischen und außeruniversitären Debatte. Diese Position ist mittlerweile so stark, dass sie zur Einrichtung von Beratungsstellen gegen den Glauben an Verschwörungstheorien geführt hat … Nicht übersehen werden darf, dass sich die Vorherrschaft des repressivistischen Paradigmas vor allem durch die Ignoranz gegenüber permissibilistischen Argumenten und damit gegenüber der internationalen philosophischen Forschung am Leben hält.[15] Ich würde wohl eher von einer Ignoranz gegenüber dem gesunden Menschenverstand sprechen – aber das wäre nicht Forschungsprogramm tauglich.

 

[1] Information Philosophie 2/2022, S. 44-56. Die „Information“ nennt sich auf ihrer Web-Seite auch „Die Zeitschrift, die über Philosophie informiert“. Ich habe sie seit Jahren abonniert. Man erfährt allerhand Neues aus dem Akademie-Betrieb, es gibt eine Zeitschriftenschau und eine Liste von Neuerscheinungen. Ja, und natürlich auch Artikel zu „philosophischen“ Themen, die – ich gestehe es – mich meist nicht grade umhauen. Und manchmal gibt’s Artikel, die einen aufbringen, weil sie einen realistischen Einblick in die Lage der akademischen Philosophie erlauben.

[2] Also – nach Heideggerscher Lesart – die hohle öffentliche Meinung: süddeutsch und f/taz-aktuell.

[3] Ich gestehe, dass ich Die offene Gesellschaft immer noch ein wenig gemieden hab – und sie auch als Buch (😉) noch nicht angeschafft habe (https://www.rhetorik-forum-nuernberg.de/auf-bewaehrung/) – aber im Unterschied zu manch wokem Aufklärer hab’ die zitierten Stellen nachgelesen und aus dem Kontext zu verstehen versucht. So schwer ist das eigentlich nicht, aber es könnte ja verwirren …

[4] A.a.O., S. 45. Zu dieser Art „Forschungsliteratur“ siehe das augenöffnende Dossier von Peter J. Brenner auf Tumult: Auf dem Weg zur Regierungswissenschaft.

[5] K.R. Popper, Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 2: Falsche Propheten, 1980, S. 181.

[6] Popper, a.a.O., S. 181.

[7] Popper, a.a.O., S. 183f.

[8] Popper, a.a.O., S. 184.

[9] Popper, a.a.O., S. 182.

[10] Popper, a.a.O., S. 184.

[11] Verschwörungstheorien brauchen meist die attributive Verstärkung „krude“. Vielleicht ein kleines Eingeständnis, dass es vielleicht doch, auch gut nachvollziehbare gibt?

[12]Eine Verschwörungstheorie ist eine Theorie oder Erklärung, die annimmt, dass mindestens zwei Personen im Geheimen und zu Ungunsten Dritter Handlungen planen und/oder ausführen.“ (a.a.O., S. 44)

[13] Glauben Sie’s mir und klicken bitte nicht auf den nachfolgenden Nachweis-Link: es würde nur Verschwörungstheoretikern der Verschwörungstheorie eine zusätzliche Einnahmequelle beschweren: https://www.zeit.de/gesellschaft/2020-12/verschwoerungstheorien-corona-krise-wort-des-jahres-2020?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.startpage.com%2F

[14] So 2015 im ZDF unter dem Titel Leben im Wahn. Ich schenke mir hier den Link, Google hilft Ihnen weiter, wenn Sie sich das wirklich antun wollen…

[15] A.a.O., S. 55.

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