Die Verkündigung ist neben der Kreuzigung eines der Motive, das in der christlichen Malerei am häufigsten aufgegriffen wurde. Was motiviert die Künstler, sich diesem Sujet zuzuwenden? Nicht selten wird darauf verwiesen, dass die Künstler dafür eben bezahlt wurden. Ah ja. Und warum wurde die Verkündigung so gerne beauftragt?
Der Anfang der Geschichte…
Eine naheliegende Antwort wäre, wegen ihrer zentralen christologischen Rolle: Sie ist in gewissen Sinn der Anfang der neutestamentlichen, christlichen Heilsgeschichte. Sie wird bei Lukas prominent erzählt (I, 26-38): Der Evangelist versichert dort dem „hochgeehrten Theophilus“, für den er sein Evangelium „in guter Ordnung aufzuschreiben“ unternahm, es ihm als alles „von Anfang an“ zu berichten.[1] Er beginnt – wie so viele Geschichten anfangen – mit „es war einmal“: „Zu der Zeit des Herodes, des Königs von Judäa, lebte ein Priester von der Ordnung Abija mit Namen Zacharias, und seine Frau war von den Töchtern Aaron, die hieß Elisabeth.“[2] Lukas lässt als die Geschichte Jesu ihren Anfang bei dessen Vor-Gänger nehmen, der als sein Vor-Gänger existentiell auf ihn und seine Geschichte verweist. Eine schöne, motivisch verbundene Einleitung, denn während Zacharias sein Priesteramt vollzieht, „erschien ihm der Engel des Herrn“ und verkündet ihm die Geburt eines Sohns: „Fürchte dich nicht, Zacharias, denn dein Gebet ist erhört, und deine Frau Elisabeth wird dir einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Johannes geben.“ Daran zu glauben freilich fällt ihm schwer, denn er und seine Frau Elisabeth sind „hochbetagt“ und können naturgemäß keine Hoffnung auf eigenen Nachwuchs mehr haben. Aber der Engel wischt Zacharias berechtigte Zweifel beiseite: „Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und bin gesandt […] dir dies zu verkündigen.“[3]
…die Verkündigung
Die Verkündigung an Zacharias wird der zeitliche Bezugspunkt für die Verkündigung an Maria: „im sechsten Monat [nämlich] wurde der Engel Gabriel von Gott“ zu Maria gesandt und sprach: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr ist mit dir!“ Sie erschrickt, aber der Engel beruhigt sie: „Fürchte dich nicht, Maria! Du hast Gnade bei Gott gefunden. Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären, dem sollst du den Namen Jesus geben. Der wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird König sein über das Haus Jakob in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben.“ Das ist doch eine schöne Verheißung, die Maria freilich aus guten Gründen, zu schön scheint, um wahr sein zu können. Wie sollte gerade sie, eine arme junge Frau den Nachfolger Davids gebären, die gerade erst zur Ehe mit einem Schreiner versprochen war. Nun gut, aus dieser anstehenden Ehe möchte dereinst ein Sohn erwachsen – die Verheißung Gabriels hat ja keinen Zeitstempel –, aber wie könnte der „in Ewigkeit König sein über das Haus Jakob“? Aber Gabriel präzisiert die „Umstände“: „Der Heilige Geist wird über dich kommen, und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren wird, Gottes Sohn genannt werden.“
Nicht dem zukünftigen Ehemann Marias, wird der Sohn zugeschrieben, sondern gezeugt vom Heiligen Geist wird er „Gottes Sohn genannt werden“. Und das bringt die neutestamentarische Erlösungsgeschichte auf den Weg.
Die Verkündigung steht für göttliche Fügung und die direkte, überirdische Einwirkung auf das irdische Geschehen, gleichsam das Wunder der Wunder – jedenfalls für christliches Denken. Wenn wir über die Jahrhunderte hinweg in tausenden von Gemälden die Verkündigung abgebildet sehen, dann können wir das als Erinnerung und Versicherung verstehen, dass es sich so oder ähnlich abgespielt hat. Wir würden die Verkündigung dann als Historienmalerei verstehen, das uns ein Ereignis, dass sich im Jahr Null der Zeitenwende, abgespielt haben soll. Doch das würde die Gemälde auf Bildgeschichten verkürzen, die zeigen, wie man sich das im Evangelium nachzulesende Geschehen vorstellen könnte. Über die Jahrhunderte haben sich dabei Motive herausgebildet, die das zur Anschauung gebrachte mit der neutestamentarischen Erzählung verbinden: Anders als im Museum haben die Gemälde in Kirchen keine Titel, man muss sehen, um was es sich handelt. Eine junge Frau wird beim Beten in andächtiger Lektüre von einem Engel überrascht. Auf die junge Frau fällt ein Lichtstrahl, in dem nicht selten eine Taube als anschauliche Verkörperung des Heiligen Geistes heranfliegt. Auch Gottvater ist gelegentlich – in den Wolken thronend – zu sehen. Frühe Abbildungen behelfen sich mit Spruchbändern, Vorläufer der heutigen Sprechblasen, die die entscheidenden Wort Gabriels und Marias wiedergeben. Der Raum ist meist mit einem „Raumteiler“ versehen – oft eine Säule –, der Marias irdisches Leben von der geistigen Sphäre des Engels trennt. Die Verkündigung war als eines der beiden christlichen Hauptmotive werktags oft auf der Außenseite von Flügelaltären zu sehen: Maria und der Engel waren je auf einem der Flügel dargestellt und damit auch räumlich klar getrennt.[4] Als Symbol für die jungfräuliche Empfängnis findet sich meist im Interieur eine weiße Lilie in einer gläsernen, mit Wasser gefüllten Vase.[5]
Rubens, der Italiener
Wenn wir jetzt auf Rubens Verkündigung an Maria blicken, die um 1609 entstanden ist und nun im Kunsthistorischen Museum zu Wien (KHM) zu bewundern ist, dann sehen wir viele dieser Motive in neuer Form wieder. Rubens war 1600 von seinem Lehrer nach Italien geschickt worden, um dort „das Malen in Farben“ (colore/colorito) und der dramatischen Lichtführung (chiaroscuro) zu lernen. In seiner Verkündigung von 1609 sieht man Erfolge seiner Lehrjahre. Und so heißt es in der Erläuterung des KHM auch ganz richtig:
„Rubens malte dieses Altarbild unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Italien. Durch den gezielten Einsatz von Licht und Schatten und die leidenschaftlichen Bewegungen steigert er den Einbruch des Engels Gabriel in die irdische Sphäre ins Dramatische. Der flüssige Pinselstrich und die warm changierende Farbigkeit des Engels, die der Kühle des einfachen Blau-Weiß Marias gegenübergestellt ist, erinnern an venezianische Malerei, während sich die kontrastreiche Beleuchtung an das Vorbild Caravaggios anlehnt.“[6]
Es mag sein, dass die Verkündigung als nichts anderes als eine Etüde zur Perfektionierung seiner Adaption der italienischen Kunst verstanden werden kann. Was aber sollen wir Betrachter damit anfangen. Ja, die Dinge, wie wir sie sehen, haben keine scharfen Konturen, wie sie der Zeichenlinie eignet, sie stehen im Licht, im Kontrast von Hell und Dunkel, und sie gehen in ihrer Farbigkeit ineinander über. Ihre Kontur ist farbig.[7] Selbst die schärfste Linie, die wir in der Natur finden, die Horizontlinie, die Meer und Himmel trennt, ist ein feiner Farbübergang, der als solcher erst Einsicht in das schafft, was den Horizont ausmacht. Wenn wir also nicht vom abgebildeten Gegenstand selbst sprechen wollen, sondern uns auf die Form seines Ins-Bild-gesetzt-Werden konzentrieren, vermag Rubens unsere Welt-Anschauung zu verändern.
Rubens Kunstwerk wäre dann eines von vielen in der italienischen Tradition, das das Dramatische besonders zu inszenieren vermag – Stichwort Faltenwurf von Gabriels Gewand – oder eben durch die typisch Rubensche Körperlichkeit beeindruckt. Für all das bräuchten wir nichts über das Geschehen selbst und seinen neutestamentarischen, heilsgeschichtlichen Hintergrund zu wissen.
Bei Rubens ist vieles anders
Und doch geht es in Rubens Bild natürlich genau darum. Er greift auf viele der dafür typischen Motive zurück: Maria schreckt aus ihrer Lektüre hoch. Während die linke Hand auf dem Buch liegt und mit ausgestrecktem Zeige-Finger auf eine Stelle zu verweisen scheint, macht die rechte eine abwehrende Bewegung in Richtung Gabriel, der mit flatterndem Gewand gerade vor ihr zum Knien zu kommen scheint. Hat er sich schon erklärt? Jedenfalls hat sie ihn verstanden. Die „frohe Botschaft“ scheint sie zu erschrecken. Eine Taube schwebt als Symbol des Heiligen Geistes heran, gleichsam getragen oder geleitet von Lichtstrahlen, die aus dem leuchtenden Himmel auf Maria fallen.
Allerdings gibt es durchaus spektakuläre Abwandlungen. Während in traditionellen Darstellungen der Lichtstrahl des Heiligen Geistes oft direkt das Ohr Mariens sucht, ist Rubens hier etwas expliziter. Ein Strahlenbündel scheint ihr Herz zu treffen, zwei weitere eher auf ihren Bauch, um nicht zu sagen ihren Schoß, zu fallen. So erstrahlt neben Marias Gesicht auch ihr weißes Kleid als Zeichen ihrer jungfräulichen Empfängnis. Aber die gläserne Vase, in der man im klaren Wasser traditionell eine Lilie findet, schimmert sie bei Rubens golden. In ihre Öffnung fällt das Strahlenbündel des Heiligen Geistes und am Rand findet sich statt der weißen Lilie nur eine kleine rötliche Blüte in der Form einer Flamme.
Die „englische“ Begegnung
Im Zentrum steht natürlich die „englische“ Begegnung. Ihre Begegnung ist nicht körperlich, sie berühren sich nicht und sind – wie in der Tradition üblich – räumlich getrennt: in traditionellen Abbildungen sehen wir oft – wenn die Trennung nicht eh durch einen Flügelaltar übernommen wird – eine Säule, die den Raum teilt, Hier entdecken wir einen als Reliefschnitzerei in das Pult eingearbeiteten Pilaster, der diese Funktion übernehmen soll. Sie ist eine Anspielung auf die Geißelsäule der Passion Christi.
Und damit sind wir beim Kern dieser Begegnung. Die englische Frohbotschaft ist von eigentümlicher Art – sie erschreckt. Der Engel begrüßt Maria als „hochbegnadet“, gratia plena, wie die Vulgata übersetzt.[8] Von ihm ist nichts als eine Frohbotschaft zu erwarten.[9] Und schließlich verkündet er ja auch durchaus Freudiges, sie wird einen Sohn zur Welt bringen, der schließlich die Welt regieren wird. Tolle Sache, oder? Sie aber, weiß wie wir, was das bedeutet. Es bedeutet Passion und Kreuzigung. Der Sohn wird – nach christlichem Glauben – die Sünde der Welt auf sich nehmen und als Agnus Dei zur „Schlachtbank“ geführt werden. Und genau das erkennt Maria in einer visio mystica,[10] einer intellektuellen Einsicht, die sie, begnadet wie sie ist, während ihrer betenden Lektüre des heiligen Texts erfährt. Sie zeigt mit dem Finger auf den heiligen Text, den sie nun, da der Heilige Geist über sie kommt, versteht und das heißt, sich auf ihn versteht.
Betrachten wir den Rubenschen Engel etwas genauer, er ist androgyn: Gesicht, Haar, Kleidung sind eher weiblich, Hände und Arme eher männlich – insbesondere im direkten Vergleich zu den Händen Marias. Auch der Fuß Gabriels scheint mir eher zart. In der christlichen Theologie sind Engel rein geistige Wesen und haben (in jeder Hinsicht 😉) kein Geschlecht. Sie sind in dem Sinne Botschafter, dass sie als geistige Wesen selbst nichts anderes sind als die „wirkliche“, sich vermittelnde Botschaft Gottes selbst, die diejenigen erreicht, die sich darauf verstehen. Was sich vor Maria als verkündender Engel zeigt, ist das, was der heilige Text ihr aufschließt. Sie macht sich ein Bild von dem, was der Heilige Geist ihrer konzentrierten Lektüre zu verstehen gibt. Dabei versteht sie den Text neu und anders, als sie ihn bisher gelesen hat.[11] Die neue Einsicht hat etwas Erschreckendes, etwas zutiefst verstörendes, das sie mit der rechten Hand abzuwehren versucht. Sie weicht zurück. Rubens lässt Marias Körper nach hinten kippen. Etwas gerät aus dem Gleichgewicht.
Das zeigt sich auch im Gestus des Engels. Er befiehlt nicht, doziert nicht, spricht nicht „von oben herab“. Seine Rechte stützt gleichsam nur das, auf was Maria selbst deutet. Auch er weiß – ganz und gar mitfühlend – um die Stimmungslage Marias, die einen Sohn gebären wird, dessen Weg in die Kreuzigungspassion führt. Wie müssten wir uns stattdessen einen Engel vorstellen, der uns eine göttliche Weisung überbringen oder vor einer Dummheit warnen wollte. Er würde bestimmt und entschieden auftreten und uns gegebenenfalls mit Strafe und Bloßstellung drohen. Dagegen ist Gabriel voller Mitgefühl für die ihr auferlegte Aufgabe.
Der Engel ist (!) die von Marias verstandene Botschaft – er ist ein Geistwesen, etwas, das verstanden werden muss und nur verstanden werden kann. Deshalb zeigt er die melancholische Traurigkeit, die mit ihrer Einsicht einhergeht.
Ganz anders z.B. die englischen Putten, die die Szenerie frohlockend umkreisen. Sie baden in einem warmen, goldenen Licht, völlig losgelöst von jeder irdischen Schwere. Sie sehen nur die einfache heilsgeschichtliche Wahrheit: Hier erfüllt sich ein Mythos. Alles wunderbar. Die Jungfrau wird zur Braut. Herrlich.
Gabriel dagegen versteht die Tragödie ihrer Existenz. Er weiß, dass nun eine schreckliche Befreiungsgeschichte ihren Lauf nimmt. Maria wird Mutter des Messias, der unter grausamsten Qualen am Kreuz stirbt. Deshalb stellt Rubens – wie viele seiner Vorgänger – Maria in einen blutroten Hintergrund.
„Dein Wille geschehe“
Gabriels Blick ist ihre Einsicht. Er weiß, dass seine „Frohbotschaft“ für Maria existentiell tragisch ist und die Gnade einer Forderung gleichkommt, die von ihr erwartet, ihr Leben völlig neu zu bestimmen. Sie wird sich fügen. Ihre Antwort wird sein: „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast (fiat mihi secundum verbum tuum)“.[12] Wir hören darin „Dein Wille geschehe (fiat voluntas tua), wie im Himmel so auf Erden“ des Vater Unsers, dem christlichen „Gebet der Gebete“. Thomas von Aquin (1224/25-1275) nennt es das „vollkommene Gebet (oratio Domenica perfectissima)“, weil es „unsere gesamte innere Haltung“ formt (informulatio totius nostri affectus)“.[13] Es gilt als Breviarium totius evangelii, als die Quintessenz des Evangeliums selbst.[14]
Das – so scheint mir – ist der wohl entscheidende Grund für die herausragende Stellung der Verkündigungsszene in der christlichen Kunst. Dem Gläubigen soll nicht nur ein heilsgeschichtliches Geschehnis anschaulich in Erinnerung gebracht werden, er soll sich selbst in Marias „Dein Wille geschehe“ erkennen! Sein Glaube soll habituell sein Dasein erfassen und er soll „affektiv“ geformt werden: er soll seine Lebensführung unter die Maxime „Dein Wille geschehe!“ stellen.
Conditio humana
Ist das Kunstwerk also nur für (gläubige) Christen von Bedeutung? Natürlich nicht. Wollen wir es als Kunstwerk gelten lassen, müssen wir es von seiner propagandistischen Funktion trennen. Es spricht zu uns ohne, dass wir die christologische Orthodoxie teilen müssten. Rubens gelingt es, das neutestamentarische Geschehen zu einem Geschehen zu formen, das uns als Menschen, d.h. in unserem Mensch-Sein betrifft.
Maria macht eine Erfahrung, die sie aus dem Gleichgewicht bringt. Es ist das Wesen aller Erfahrung, das sie ent-täuscht. Sie hat etwas, das sich gegen unsere Erwartung einstellt. Bisher war alles mehr oder weniger „gut“, jedenfalls erwartungsgemäß. Was man „wahrnimmt“ ist das, was man mehr oder weniger erwartet hat. Maria liest, so unterstellen wir mal, die heiligen Texte, um darin etwas Bedeutsames für ihr Leben zu erfahren. Vieles von dem, was wir Neues erfahren, lesend oder handelnd in der Welt, passt zu dem, was wir „immer schon“ dachten. Es passt sich ins bisherige Welt- und Selbstverständnis ein. Aber nun erschließt sich Maria (plötzlich) etwas, das ihr bei ihrer bisherigen Lektüre entgangen war. Sie stößt auf etwas, das sich ihr verstörend aufdrängt. Das, was ihr bisher als wahr und richtig galt, wird dadurch erschüttert.
Anerkennen, was ist
Jede echte Erkenntnis ist – so lässt sich sagen – englische Verkündigung. Sie ist ein Widerfahrnis, das sich nicht künstlich herstellen lässt, uns vielmehr überfällt. Doch das Widerfahrnis bliebe flüchtig, würde es nicht angeeignet werden. Die Herausforderung des Wahren stellt sich immer erst dann, wenn das, was wir „wahr-nehmen“, sich nicht mehr „einfach so“, d. h. ganz selbstverständlich in das fügen will, was uns bisher in unserer Lebensführung geleitet hat. Das kann doch nicht wahr sein, denken wir. Aber es liegt im Wesen der Wahrheit, das gilt, was ist, nicht was wir uns ausdenken. Wahre Erkenntnis in einem starken Sinne, nämlich als Anspruch des Wirklichen gegen das Vermeintliche, ent-täuschend: sie zeigt uns, dass wir unser Welt- und Selbstverständnis dem anpassen müssen, was wirklich ist. Wir müssen uns auf den an uns herantretenden Engel und seine Wahrheit verstehen und zu einem Teil des eigenen Selbst machen. Hegel (1770-1831) hatte das in seiner Phänomenologie des Geistes vorgeführt. Das Bewusstsein verliert schmerzhaft vertraute Illusionen und Sicherheiten, um zu einer höheren, vermittelten Wahrheit zu kommen. Was bisher „selbst-verständlich“ war, wird nun fraglich. Die Erfahrung des Bewusstseins ist „negativ“. „Das Bewusstsein leidet also diese Gewalt, sich die beschränkte Befriedigung zu verderben, von ihm selbst. Bei dem Gefühle dieser Gewalt mag die Angst wohl vor der Wahrheit zurückweichen, und danach streben, das zu erhalten, was ihr zu verlieren droht. Aber sie kann keine Ruhe finden.“[15]
Wir können uns Behauptungen, dass etwas so und nicht anders ist, so lange zweifelnd entziehen und Gründe einfordern, bis wir uns selbst in dem Behaupteten erkennen: Das Behauptete wird auf das bezogen, was wir sind und sein wollen. Kann man sich entschließen, grün rot zu sehen oder rund eckig? Man kann so tun als ob, mehr nicht. Maria kann sich so lange gegen die eigene Einsicht stemmen, so lange sie sich nicht selbst (frei) zu ergreifen vermag. Habermas, Gott hab‘ ihn selig, sprach vom zwanglosen Zwang des besseren Arguments. Es ist eben kein äußerlicher, wesensfremder Zwang, vielmehr nur die zwangsläufige Folge des eigenen Daseins, des eigenen Selbst- und Weltverständnisses. Man kann sich der Einsicht und ihren Folgen nicht entziehen kann, ohne sich selbst aufzugeben, weil es die eigene Natur ausmacht, das Wahre frei anzuerkennen – frei, weil Anerkennung immer frei ist und sich dadurch vom Zwang unterscheidet.
Rubens lässt im Bild das Geschehen von einer Taube begleiten, die traditionell für den Heiligen Geist steht. Sie legt den Kopf leicht schief und verfolgt damit den Vollzug der inneren Erkenntnis Marias. Vögel neigen ihren Kopf, um ein Objekt mit einem Auge scharf zu fokussieren. Rubens hat diese Bewegung meisterhaft eingefangen. Der Heilige Geist scheint zu prüfen, ob Maria sich tatsächlich von ihm in freier Entscheidung hat ergreifen lassen. Es geht um ihr Fiat („Mir geschehe nach deinem Wort“). Die Einsicht kann ihr angeboten werden, aber sie muss sie selbst verinnerlichen und annehmen. Die Taube wartet auf das innere Nicken, auf die Bestätigung, dass Maria die Tragweite ihrer eigenen Lektüre vollends begriffen und akzeptiert hat. Es geht um die freie Entscheidung, der eigenen Natur gerecht zu werden. Und die haben wir alle zu treffen, die wir unser Leben führen müssen.
Der stoische Rubens
Die auf den ersten Blick weitausgreifende Interpretation der Rubenschen Verkündigung, scheint sich durch Rubens eigenen Denkweg nahezulegen. Er war zutiefst durch die stoische Philosophie beeinflusst, die genau um die Frage von (naturgesetzlicher) Vorbestimmung und Freiheit kreist. Ein für die stoische Philosophie grundlegender Gedanke wird durch ein Gleichnis anschaulich, das vom Stoiker Chrysipp (281/276-208/204 v. Chr.) stammt: ein Hund ist an einen fahrenden Wagen angebunden, der durch Pferde gezogenen und von seinem Herrn gesteuert wird. Sträubt er sich, wird er dennoch mitgeschleift und am Ende wohl elendig zu Tode kommen.[16]
Der Mensch nun ist in der Rolle des Hundes, der entscheiden kann, ob er dem kosmischen Lauf der Dinge, der der Ordnung der Götter untersteht, freiwillig folgt oder mitgeschleift wird. Der Mensch steht unter dem göttlichen Gesetz, aber es steht ihm frei, dem Götterwagen zu folgen oder sich durch die Gewalt der Götter durch die Welt und sein Leben schleifen zu lassen. Wer aber den Götterwagen und seine kosmische Ordnung wahr-nimmt, der wird dem Geschehen seine freie Zustimmung nicht versagen. An der freien Zustimmung der Menschen aber endet zugleich die Macht der Götter: das freie Ja kann auch von Göttern nicht erzwungen werden. Es gibt keine erzwungene Anerkennung und deshalb müssen die Götter – wollen sie jenseits der mechanischen Gewalt wirklich die Anerkennung des Menschen – auf die vernünftige Einsicht derer hoffen, die sich als Teil der kosmischen Ordnung richtig zu verstehen vermögen.
Natürlich hätten sich die Geschehnisse von Jesu Geburt und Passion auch ohne die Zustimmung Marias „machen lassen“ – schließlich ist Gott allmächtig. Maria wäre – oh Wunder – „einfach so“ und ganz „unvermittelt“ schwanger geworden und hätte Jesu zur Welt gebracht. Natürlich wäre sie auch ohne das fiat voluntas tuas die Magd Gottes und ihr wäre „geschehen“, was ihr bestimmt war. Aber ihr „Siehe, ich bin des Herrn Magd; mir geschehe, wie du gesagt hast (fiat mihi secundum verbum tuum)“[17] macht den entscheidenden Unterschied.
Epiphanie als Geschehen des menschlichen Daseins
Die Verkündigung ist Wahr-Nehmung der eigenen Existenz, sie ist eine Ent-Täuschung zur eigenen, selbstbestimmten Lebensführung, der ich in meiner Lebensführung gerecht werden will.[18] Selbstbestimmt sind wir in der Wahr-Nehmung dessen, was uns wesentlich zukommt. Maria wird dem gerecht, was sie ausmacht, ihrem „Wesen“, das sie nun vor sich sieht und auf das sie sich nun versteht. Sie versteht sich auf das ihr Zugesprochene. Selbstbestimmt (und frei) ist sie, weil sie sich auf das ent-täuschend Wahre versteht, das kein eigenes Traumbild, keine eigen-sinnige, „idiotische“ Konstruktion ist. Sie findet Zugang zu einer unausweichlichen, überpersönlichen Wahrheit. Es ist der Einbruch des Absoluten in ihren Alltag. Hans-Georg Gadamer stellt seinem richtungsweisenden Hauptwerk Wahrheit und Methode von 1960 die folgenden Rilke Zeilen vorweg:
„Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mit-Spielerin
dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, –
nicht deines, einer Welt.“
Das Gelesene wird Maria zur existentiellen Realität. Ihre andächtige Durchdringung des Textes ist so intensiv, dass die Erkenntnis Gestalt annimmt. Der Engel ist gleichsam Spiegelbild der Seele.
Rubens Verkündigung ist das Ins-Bild-Setzens dieses Geschehens der Epiphanie, die Veranschaulichung ihres inneren Erwachens. Rubens Verkündigung ist kein Historienbild. Es geht es nicht – so sagten wir – um die Darstellung eines historischen Ereignisses. Wenn wir es als solches Ereignis verstehen wollten, dann hätten wir z.B. als Begleiter Marias den Engel nur dann sehen können, wenn wir im gleichen „geistigen“ Zustand des Verstehens gewesen wären und ihn damit hätten wahr-nehmen können.
In der Tradition ist nicht selten der Traum das Medium solcher göttlichen Eingebungen.[19] Sie spielen damit in der Welt, die nur dem Träumer selbst zugänglich ist. Was der Schlafende träumt, kann der Wache nicht sehen. Der Träumer kann seinen Traum erzählen und ihn damit in die gemeinsame Welt einzuordnen versuchen. Er sucht ihm Sinn und Bedeutung, indem er anderen etwas zu verstehen gibt.
Diese Rolle übernimmt nun der Künstler Rubens. Er illustriert nicht bloß eine Geschichte, sondern materialisiert eine geistige Wahrheit. Er zeigt, was Maria ein-sieht. So wie Gabriel die Schrift stützt und darreicht, reicht Rubens dem Betrachter das Gemälde dar. Der Betrachter wiederum rückt in die Position Marias. Wir stehen vor der Leinwand wie sie vor dem Buch. Wenn wir nur die Oberfläche betrachten – die Pinselstriche, den historischen Kontext, das bloße Handwerk –, lesen wir zwar die Buchstaben, aber nicht den Sinn. Nur wenn „geistig begabt“ sind, uns dem Bild zu öffnen, wird das Kunstwerk zu genau jenem Widerfahrnis, das wir zuvor analysiert haben. Das Verstehen des Bildes wird zum Sich-selbst-Verstehen.
Kunst – so heißt es manchmal etwas lakonisch – kommt von Können. Das gilt für den Künstler, der etwas ins Bild zu bringen vermag; Kunst ist Verkündigung und der Künstler Rubens ein englischer Bote. Das gilt aber auch für den Betrachter. Er muss „geistig begabt“ sein, darin die „englische Verkündigung“ wahr zu nehmen. Er muss sich dem Werk öffnen können und im Bild den Ins-Bild-Gesetzten „geistigen Gehalt“ sehen und seinen Sinn verstehen können. Er muss es sich Aneignen. Das Verstehen des Bildes wird dann unweigerlich zum radikalen Sich-selbst-Verstehen.
In Rubens Verkündigung an Maria wird die Verkündigung zur Metapher für wahre Kunst. Folgen wir Rilkes (1875-1926) , dann sprengt jedes Kunstwerk das Alltägliche. Es glänzt „wie ein Stern“ in die „Diesigkeit“ unseres Daseins hinein und verstört uns grundlegend, „denn da ist keine Stelle, / die dich nicht sieht. Du musst dein Leben ändern“.[20]
[1] Luk 1, 1-4.
[2] Luk 1, 5.
[3] Luk 1, 19.
[4] An Sonn- und Feiertagen, bei geöffneten Flügeln sah man auf der Mitteltafel (dem corpus), z.B. die Kreuzigung oder die göttliche Herrschaftsordnung für den jüngsten Tag o. ä.
[5] Der Lilie wurden bei Großmeistern wie Rogier van der Weyden gelegentlich ohne Staubgefäße dargestellt, um die jungfräuliche, rein spirituelle Empfängnis zu betonen.
[6] https://www.khm.at/kunstwerke/verkuendigung-an-maria-1607.
[7] Das richtet sich gegen das Programm des disegno, der Herrschaft der Linie. Die Konturlinie der Zeichnung beherrscht das Bild. Die Zeichnung wird erst später „ausgemalt“ und farblich „verschönert“.
[8] Zu dieser Übersetzung ließ sich viel sagen: im griechischen Original spricht der Engel von κεχαριτωμένη (kecharitomene), das Partizip Perfekt Passiv von χαριτοῦν (charitoûn), das sich wiederum von χάρις (cháris) ableitet, von Gnade, Huld, Anmut. Maria ist nicht einfach – gleich einem Gefäß – „voll der Gnade“ (so die deutsche Übersetzung von gratia plena), ihr wurde Gnade/Huld (χάρις, cháris) zuteil und dies bestimmt ihr Wesen. χαριτοῦν findet sich im klassischen Griechischen nicht (etwa bei Homer, Sophokles, Platon oder Aristoteles). Dort sprach von χαρίζομαι (charízomai, Gefallen finden, begnadigen). Das wird im Hellenistischen zu dem faktitiven Verb χαριτοῦν (charitoûn) zugespitzt, um auszudrücken, dass etwas zu etwas gemacht wurde, das nun den Gegenstand in seinem Wesen bestimmt. So heißt es z.B. bei Jesus Schirach 18,17: „Ein gutes Wort ist besser als eine Gabe, beides aber findet man bei einem mit entsprechenden Talenten ausgestattetem Mann (ἀνδρὶ κεχαριτωμένῳ, andri kecharitōmenō).“ Maria wurde durch göttliche Huld jemand, der nun der Botschaft zugänglich ist.
[9] χαῖρε (chaire) im griechischen Orignal, have in der Vulgata: Freue Dich/sei wohlauf!
[10] Siehe dazu etwa „Du nun, was sagst Du“ oder Zeichen gelingenden Lebens, dort finden sich auch weitere, vertiefende Nachweise.
[11] Der locus classicus ist Jesaia 7, 14: „Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und sie wird ihm den Namen Immanuel (Gott mit uns) geben.“
[12] Im griechischen Original heißt es: „ἰδοὺ ἡ δούλη κυρίου· γένοιτό μοι κατὰ τὸ ῥῆμά σου“, in der Vulgata: „Ecce ancilla Domini: fiat mihi secundum verbum tuum“
[13] Summa Theologiae II-II, q. 83, art 9,
[14] Tertullian, De oratione i, 16.
[15] G. W. F. Hegel, Phänomenologie des Geistes (1807), Einleitung.
[16] A.A.Long & D.N.Sedley, The Hellenistic Philosophers, 1987, 62A: „They too [Zeno and Chrysippus] affirmed that everything is fated, with the following model. When a dog is tied to a cart, if it wants to follow it is pulled and follows, making its spontaneous act coincide with necessity, but if it does not want to follow it will be compelled in an any case. So it is with men too: even if they do not want to, they will be compelled in any case to follow what is destined. καί αυτοί δέ τό καθ‘ εἱμαρμένην είναι πάντα διεβεβαιώσαντο παραδείγματι χρησάμενοι τοιούτω, ότι ώσπερ οχήματος έάν ή έξηρτημένος κύων, έάν μέν βούληται έπεσθαι, καί έλκεται καί έπεται, ποιών καί το αύτεξούσιον μετά τής ανάγκης [οιον τής ειμαρμένης]·έάν δέ μή βούληται έπεσθαι, πάντως άναγκασθήσεται· τό αυτό δήπου καί έπί τών ανθρώπων καί μή βουλόμενοι γάρ άκολουθεΐν άναγκασθήσονται πάντως είς τό πεπρωμένον είσελθεΐν.“ (Vol 1, p. 386 und Vol 2, p. 382)
[17] Im griechischen Original heißt es: „ἰδοὺ ἡ δούλη κυρίου· γένοιτό μοι κατὰ τὸ ῥῆμά σου“, in der Vulgata: „Ecce ancilla Domini: fiat mihi secundum verbum tuum“
[18] Wer es mit Heidegger sagen will: sie verlässt die Uneigentlichkeit der allgemeinen, vertrauten Lebensumstände, in die sie „geworfen“ ist, des Man-macht-und-versteht das so, und entwirft sich entschlossen aufs ihr „eigentliches“ Dasein.
[19] So z. B. Josefs Traum, mit seiner Familie vor den Häschern nach Ägypten zu fliehen: https://www.khm.at/kunstwerke/traum-des-hl-joseph-1210
[20] Rainer Maria Rilke, Archaischer Torso Apollos,