Soridalität

Hilfsbedürftigen beistehen, das versteht sich (moralisch) von selbst. Man kann das auch Solidarität nennen. Denen, die zu fallen drohen, bieten wir eine solide Unterstützung. Wir teilen ihr Schicksal. Solidarität versteht sich aus einer Gemeinschaft, der wir uns zugehörig glauben und die wir damit schützen und stärken wollen. Solidarisch sind wir nicht für verfolgte Massenmörder, besorgte Sklavenhalter oder verstörte Kinderschänder. Dagegen verhalten sich Arbeiter einer Fabrik oder Region solidarisch zu denen anderer: sie eint ihre (Klassen-)Lage und nur vereint werden sie Lage verbessern können.[1]

Was wir aus Solidarität tun, müssen wir natürlich verantworten. Der Beistand steht unter dem Vorbehalt der Gerechtigkeit. Und das, was wir tun, muss mehr als nur gut gemeint sein. Es sollte wirklich helfen und darf die Notlage nicht vergrößern oder sich gegenüber anderen ins Unrecht setzen. Um den Hunger der einen zu stillen dürfen wir andere nicht in Hungersnot bringen.

Ein Problem mit der Weichenstellung

Trolley-Problem nach Philippa Foot

In der Ethik wurde durch Philippa Foot das sogenannte Trolley-Problem eingeführt. Eine außer Kontrolle geratene Straßenbahn rast auf eine Gruppe von fünf Leuten zu. Sie sind nur zu retten, wenn eine Weiche umgestellt und damit zugleich eine Person geopfert wird, die sich auf der Ausweichstrecke befindet. Wäre das Umlegen der Weiche also eine Form gelebter Solidarität? Wie wäre es gar, wenn wir – bei abgewandeltem Gedankenexperiment – aus Solidarität die Weiche so stellen würden, dass die eine Person, zu der wir uns solidarisch fühlen, gerettet und die fünf anderen in den Tod geschickt würden? Zum Beispiel weil auf dem einen Gleis die stünden, zu denen wir, weil sie uns aus unterschiedlichen Gründen fernstehen, nicht solidarisch sein wollen oder können, und auf dem anderen unschuldige Kinder, orientierungslose Alte oder andere Angehörige hilfsbedürftiger Risikogruppen?

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Allerdings ist die „solidarische“ Lage nicht immer so „übersichtlich“ wie im Gedankenexperiment. Wir können meist nicht sicher abschätzen, wer und wie viele auf den Gleisen stehen, für die wir die Weichen zu stellen haben. Nehmen wir die Corona-Krise. Nach den Erkenntnissen von John Joannidis, die jetzt auch von der WHO veröffentlicht wurden und weitgehend unbestritten sind, liegt die Sterblichkeit von COVID-19 bei ca. 0,3 % (also etwa der von einer stärkeren Grippe).[2] Das bedeutet wiederum, dass 99,7% nicht wirklich betroffen sind. 99,7% –  also 997 von 1.000 Personen!? Gehen wir vom schlimmsten aus und verdreifachen die Sterblichkeitsrate, dann wären 99 von 100 Personen keiner tödlichen Gefahr ausgesetzt.

Natürlich versuchen wir „solidarisch“ den einen Todesfall zu verhindern, was natürlich gar nicht so leicht ist. Vielleicht müssen wir dafür sogar Maßnahmen ergreifen, die vielen unzumutbar und rechtswidrig scheinen, z.B. weil sie massive Grundrechtseinschränkungen nach sich ziehen. Aber lassen wir das mal dahingestellt und auch wie die existentielle Lage vieler der auf dem 99iger Gleis Stehenden sich anfühlen mag. Messen wir unsere „Solidarmaßnahmen“ erstmal nur daran, ob sie die Anzahl der Toten senkt oder erhöht.

Internationale Solidarität

Wenn wir den Blick international weiten, dann hören wir verstörende Zahlen. Die sogenannten „Kollateralschäden“ der COVID-19 Maßnahmen werden von der UN Welthungerhilfe auf über 100 Millionen Tote geschätzt. Neben Hunger ist die Ursache vor allem die medizinische Unterversorgung durch die Fokussierung der Aktivitäten auf das „Corona-Gleis“. Einen ähnlichen Effekt können wir in vielen europäischen Ländern sehen: die Anzahl der Behandlungen gegen schwere Erkrankungen (Herzinfarkte, Schlaganfälle oder Krebs) gingen im Lockdown schlagartig zurück. Operationen wurden und werden aktuell wieder verschoben und Betten freigehalten.[3]

Wollen wir also „Solidarmaßnahmen“ loben, die das Übel bestenfalls lediglich von der eigenen Klientel auf andere Gruppen verschieben, tatsächlich aber katastrophale Folgen haben und zu deutlich mehr Toten führen? Hohe zweistellige Milliardenbeträge werden in die Entwicklung eines Impfstoffs gegen eine Krankheit gesteckt, die unter der Perspektive der Weltgesundheit und Versorgungslage der Menschheit eine – vorsichtig gesprochen – untergeordnete Rolle spielt. Die durchschnittliche Lebenserwartung liegt in Deutschland bei 80,7 Jahren (Männer: 78,4, Frauen: 83,1), in der Europäischen Gemeinschaft 80,2 (Männer: 77,4, Frauen: 83,2). In vielen Ländern der Welt – insbesondere in Afrika – liegt die Lebenserwartung deutlich niedriger (in Togo und Gambia bei ca. 65 Jahren, in Sambia oder Gabun bei ca. 52 Jahren). Das zeigt die eigentliche „solidarische“ Herausforderung.

Gucken wir nun auf das durchschnittliche Alter, der an COVID-19 Gestorbenen, dann ist das ziemlich genau die durchschnittliche Lebenserwartung (sogar deutlich über 80). Was auf den vielleicht traurigen, aber sehr naheliegenden Umstand hinausläuft, dass alte Menschen an Erkrankungen eher sterben als jüngere – auch weil sie bei der Erkrankung an COVID-19, Grippe oder Lungenentzündung meist bereits andere Vorerkrankungen haben. Natürlich könnten sehr viele alte Menschen länger leben, wenn sie nicht erkranken würden. Und wir können einiges tun, sie vor und bei der Erkrankung zu schützen. Wir dürfen aber eben nicht alles tun – auch nicht, wenn wir’s aus Solidarität tun. Wir würden sonst etwas „verwechseln“ und in die falsche „Lichtung“ laufen. Ernst Jandl hat das so formuliert:

Ernst Jandl – WikiCommons

lichtung

lechts und rinks
kann man nicht velwechsern
werch ein illtum!

Dass auch Menschen in reichen Gesellschaften an epidemischen Erkrankungen sterben, scheint uns zu überfordern. Nichts scheint wichtiger zu sein und deckt alles andere zu. Rinks wurde lechts und kaum mehr unterscheidbar. Eingriffe in die Grundrechte wie wir sie uns noch vor einem Jahr nicht hätten vorstellen können („werch ein illtum!“), werden weitgehend akzeptiert. Kritik wird als Idiotie und vorsätzliche Körperverletzung bezeichnet. Kinder z.B. werden mit dem Tod der Großmutter bedroht und ihr Leben muss sich dem Schutz der Risikogruppen unterordnen. Lokale und internationale „Kollateralschäden“ werden ignoriert. Es trifft ja doch meist andere. Aber alles aus Soridalität!

 

[1] „Hoch die internationale Solidarität!“ hieß es nicht nur in der Arbeiterbewegung, sondern auch im außerparlamentarischen Protest gegen internationale Kriege und die Ausbeutung der Dritten Welt.

[2] Das entspricht nicht nur den Erkenntnissen der Studien von Hendrick Streeck, auch die Fallzahlen bestätigen dies.

[3] Im Übrigen ist das eine Form von Triage. Triagen sind aus meiner Sicht nichts Schlimmes. Im Gegenteil. Sie sind ein Rationalisierungsgewinn und stellen sicher, dass die Ver- und Zuteilung von Ressourcen durch vernünftige Gründe geleitet wird und sie nicht der Macht oder dem Zufall unterliegt. Aber das Schreckgespenst der Triage war zu Beginn der Corona-Krise einer der zentralen Gründe für die Eindämmungsstrategie (flatten the curve), die mit dem Lockdown verfolgt werden sollte. Nun also eine Triage um die Triage zu vermeiden?!

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