Psalmen sind nichts für mich

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Ich hätte ihn wohl nicht erkannt. Dieser Spaemann ist anders, anders als ich ihn kenne. Einen Blindtest hätte das Buch bei mir nicht bestanden. Wäre sein Name nicht aufgedruckt, ich hätte es nach wenigen Seiten wieder weggelegt: Robert Spaemann, Meditationen eines Christen. Über die Psalmen 1-51. Zweifellos ein schön aufgemachtes Buch, eines das man gerne in die Hand nimmt, ist es für mich doch eines, mit dem ich wenig anfangen kann. Das liegt vermutlich nicht nur an Robert Spaemanns Zugang. Ich gestehe, es liegt vor allem an der Unzugänglichkeit des Gegenstands, die ich bei der Lektüre erfahren musste. Ich habe mich tatsächlich durch das Buch gequält.

Was Robert Spaemann schreibt, das muss ich lesen – dachte ich. Muss ich vielleicht – kann ich aber nicht. Und warum ich es nicht kann, sagt mir Robert Spaemann selbst. Die Psalmen sind nur für diejenigen zugänglich, die deren Erfahrung teilen. Es ist die Erfahrung des Lobens, das sich in ständiger Bedrängung und Anfeindung weiß. „Es gibt keine Erfahrung, kein Lebensgefühl, das in den Psalmen so häufig ausgedrückt wird wie die Erfahrung der Abgrenzung. Es gibt fast keinen unter den 150 Psalmen, in denen nicht von den Feinden, den Gottlosen, … die Rede ist, die ihre Hoffnung nicht – wie der Beter – auf Gott richten, sondern auf ihre eigene Kraft.“ Dabei geht es „nie um Bekehrung des Feindes, um seine Verwandlung in einen Freund …, sondern stets um seine Bestrafung, seine Demütigung und um den Schutz des Beters vor ihm.“ Es geht um ihre Zerschmetterung, ihre Ausmerzung. Und das – natürlich nicht nur das – verdient „Gotteslob“. In vielem lesen sich die Psalmen für mich wie ein „Soundtrack“ aus „schwarzen“ Filmen, in denen Verrückte ihre Opfer unter dem Deklamieren von biblischen Verheißungs- und Strafversen zu Tode bringen.

Was ich jetzt den „Meditationen“ von Robert Spaemann verdanke, ist die Erkenntnis, dass die Psalmen keine Gebete für mich sind. Es gibt in ihnen Verse, die in ihrer Prägnanz und Schönheit, „zum fundamentalen Kulturgut Europas“ geworden sind und die sich auch in „glaubensfernen“ Köpfen festgesetzt haben. Robert Spaemann versucht uns das ein wenig nahezubringen. Aber er sagt selbst, dass er das eigentlich nicht kann. Eine Glaubenserfahrung kann man nur teilen, wenn man sie hat. Der Erfahrung des Beters der Psalmen muss man sich nachvollziehend öffnen können, man muss sie haben und das „kann uns keine Psychologie oder Kultursoziologie nahebringen“. Die Psalmen, „vom Geist erleuchtet“, werden nicht durch vernünftige Gründe erschlossen.

Robert Spaemann, der sich in der Vorrede einen „offenbarungsgläubigen Christen und einen vernunftgläubigen Philosophen“ nennt, hatte selbst Skrupel, seine Meditationen in der Zeit zu veröffentlichen als er selbst noch Philosophie lehrte. Von Philosophie ist tatsächlich wenig zu lesen. Robert Spaemann versucht keine hermeneutische Erschließung und keine Annäherung an „glaubensferne“ Erfahrungen. Es ist eine Meditation die aufs Gebet zielt. Robert Spaemann umkreist paraphrasierend die Texte mit dem Ziel, sich in ihnen zu verlieren, in ihnen im Gebet aufzugehen.

Was ich in der Lektüre lernen musste, ist, dass mir dieser „Gewinn“ nicht gegeben und dieser „Selbstverlust“ nicht naheliegend scheint. Vielleicht ist es die fränkische Philosophen-Seele in mir, die mein Gotteslob auf ein karges, vernunftgestütztes „bassd scho“ verkürzt. Der Psalter das ist ein bisschen zu viel gläubiges Pfefferspray und zu wenig vernünftiger Weihrauch für mich.

Die Links dieser Seite wurden zuletzt am 04.11.2019 überprüft.


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