Ovids Metamorphosen III: Wer hat mehr vom Sex?

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Natürlich konnte Ovid von vielem noch nichts wissen. „Man war halt einfach noch nicht so weit“!? Von der Quantenmechanik z.B. hatte er keine Ahnung und leider auch nicht von den neusten Errungenschaften des iPhones. Und er wusste auch nicht, dass es „natürliche“ Geschlechter natürlich nicht gibt oder sie – besser gesagt – bedeutungslos sind, weil sie lediglich eine gesellschaftliche Konstruktion sind und es im Übrigen auch ganz viele oder doch viel mehr als zwei gibt. Ovid ging wohl noch von zweien aus – auch wenn er sich noch auffällig ausführlich mit der Geschichte von Salmacis und Hermaphroditus und diversen sexuellen Ausprägungen der beiden Geschlechter beschäftigen wird. Und diese Geschlechter ziehen sich gegenseitig an oder fliehen vorsorglich die begehrliche Aufmerksamkeit, die sie beim anderen Geschlecht hervorrufen. Sexualität ist keine kleine Kraft im menschlichen Götterhimmel. Wie groß sie ist und welch seltsame Kapriolen ihretwegen geschlagen werden, das beschäftigt Götter und Menschen immer wieder kopfschüttelnd, spöttisch und gegeneinander scherzend.

 

WIR LESEN OVID
Ovid – WikiCommons

Ovids Metamorphosen sind ein lesenswerter Klassiker. Wir lesen Stück für Stück die fünfzehn Bücher in kleinen überschaubaren Abschnitten. Können wir Philosophisches zur Zeit daraus lernen? Finden Sie’s raus und lesen Sie mit! Das geschah bisher.

Scherzende Annäherung

Nachdem sich die ehelichen Wogen um seine Eskapaden wieder mal gelegt hatten – die Dinge auf Erden nahmen ihre schicksalshaften Lauf (lege fatali) – „scherzte“ Juppiter im entspannten Zusammensein mit Juno und „vom Nektar erheitert“ darüber, dass doch die Frauen mehr Genuss aus der geschlechtlichen Zuwendung zögen: „Größer ist in der Tat die Lust, die ihr empfindet, als diejenige, die den Männern zuteil wird.[1] Ovid betont, dass dies alles nicht so ernst gemeint gewesen sei. Juppiter wollte wohl amüsant parlieren, so bei Juno gut Wetter machen und die Sache auf „die“ Sache bringen – vermutlich nicht zuletzt um Juno zu einem neckisch versöhnlichen ehelichen Austausch von Körperflüssigkeiten zu inspirieren. Man stelle sich vor, sie hätten sich gegenseitig vorgehalten, was ihnen „dabei“ besonders gefällt und damit phantasievoll in Stimmung geraten. Aber während er wieder mal nur an das Eine denkt und ihm dabei nicht so wichtig ist, wie es sich wirklich verhält, will sie das so nicht gelten lassen (illa negat). Michael von Albrecht übersetzt das mit: „Sie streitet es ab.“ Das gibt dem Ganzen einen ernsten Ton und hat leicht etwas Tendenziöses. Wer von jemanden sagt, er leugne etwas, der unterstellt bereits, die Richtigkeit dessen, was „bestritten“ wird. Holocaust-Leugner sind eben wie ihre Abkömmlinge, die Klima- und Corona-leugner, böse Menschen, die bewusst etwas Falsches behaupten. Abstreiten ist nicht so eindeutig wie (ab-)leugnen, aber eben auch kein neutrales bestreiten.

Philosophische Bedenklichkeiten

Nimmt man die Sache „sachlich“, dann ist alles gar nicht so einfach. Es ist z.B. unklar, was „größere Lust“ heißen soll – beim einzelnen Akt oder in Summe aller Akte? So könnte es ja sein, dass ein Geschlecht – sagen wir das weibliche – im einzelnen Geschlechtsakt größere Lust zu empfinden vermag und gerade deshalb die Begehrlichkeit weniger häufiger auftritt. Und „größer“ oder „kleiner“ legt das Augenmerk auf etwas, das quantifiziert werden kann, so als ginge es um die mess- und objektivierbare Intensität körperlicher Reizbarkeit. Philosophen werden dann ja auch sofort fragen, von welcher Lust denn die Rede sei. Wir unterscheiden zwischen „Lust auf“ und „Lust bei“ oder „durch“. „Lust auf“ bezeichnet dann die Heftigkeit des Begehrens – etwa des Hungers auf etwas oder des Ausgetrocknet-Seins von etwas. Die Größe der „Lust bei Befriedigung des Bedürfnisses“ hinge dann an der Schmerzlichkeit des Begehrens, die ihr vorausgeht.

Und Lust ist nicht gleich Freude. Wir unterscheiden die Lust von Freude(n) – und der Freude an etwas muss weder der (körperliche) Schmerz der Entbehrung vorausgegangen sein, noch ist sie auf die körperliche Reizbarkeit zu reduzieren. Für viele Gourmets beginnt die Freude am Essen, der Genuss, erst wenn der Hunger keine Rolle spielt. Erst wenn die Bedürftigkeit gestillt ist, vermag der Gaumen zu feiern. Zumindest beim Menschen – vermutlich schon bei (hochentwickelten) Tieren – sprechen wir von der Freude, die sie an etwas haben, wenn sie sich auf das Wohlgefallen, das sie empfinden, und damit auf sich selbst besinnen. So freuen sie sich etwa an der Lust, die sie haben und wissen ausdrücklich um diese Lust.[2] Der Hund freut sich über die Rückkehr seines Herrn und freut sich, dass er statt irgendwelchen Futters besondere Leckerli bekommt. Wir haben Lust/Unlust an oder bei etwas; freuen tun wir aber uns. Wir sprechen davon, dass unser Hund Lust auf einen Spaziergang hat und sich freut, dabei mit dem Hund des Nachbarn herumtollen kann.

Bei „sexueller Lust“ scheint freilich von „körperlicher“ Lust die Rede zu sein, also der Erfüllung der sexuellen Begierde. Freilich ist auch die Sexualität des Menschen noch mit anderen Emotionen und Freuden verbunden: sie kann Teil des Erlebens einer erfüllten Partnerschaft sein oder Mittel der Besitzergreifung, Ausdruck wohlwollender Hingabe oder demütigender Dominanz. Sexualtität ist neudeutsch gesprochen: „kontextualisiert“ – oder alteuropäisch gesprochen: als Teil der Lebensführung zweier Personen, „gelingt“ sie mehr oder weniger gut. Sex nach einem heftigen Streit ist etwas anderes als nach langer sehnsuchtsvoller Abwesenheit: und er kann als Eingeständnis von Sieg oder Niederlage wahrgenommen werden oder das (Wieder-) Erleben der Liebenden sein, das gemeinsame Leben über alle Differenzen zu stellen.

Ovidsche Interessen

Das alles geht wieder weit über die Ovidschen Interessen hinaus. Bei ihm ist die amüsant schnoddrige Provokation Juppiters ein Beispiel für die tragisch absurden Verwandlungen, denen das menschliche Leben ausgeliefert ist. Aus Spaß wird ernst, wenn die Götter auf Menschen treffen. Wenn Götter sich lächerlich machen, dann gibt’s für Menschen dennoch nichts zu lachen.

 

Teiresias Schicksal

Wie also soll der spaßige Streit entschieden werden? Juppiter hätte wohl geantwortet: „na lass es uns doch tun, dann werden wir schon sehen wie gut es Dir gefällt“. Juno hingegen will die Sache durch einen Schiedsrichter entscheiden lassen. Der Schiedsrichter müsste freilich beide Erlebnis-Perspektiven teilen können: wenn Männer von Frauen sagen, wie gut es ihnen gefällt, dann müssen sie sich auf Zeichen verlassen, von denen sie doch nicht wirklich sicher sein können, wie gut sie sie zu deuten verstehen. Als hätte noch nie eine Frau vorgetäuscht … nach Sie wissen schon … das wird jedenfalls – meines Wissens – von Frauen so gesagt.

 

Na ja, Harry und Sally sind nicht gerade Juppiter und Juno – sie haben aber ähnlich Fragestellungen:

Hier bietet sich Teiresias an. Er hatte sich, nachdem er auf zwei Schlangen eingeschlagen hatte, in eine Frau verwandelt und wurde erst nach Jahren als er erneut auf die beiden Schlangen traf und sie wiederum durch Schläge traktierte wieder in einen Mann zurückverwandelt.[3] Er konnte also die Sache vielleicht entscheiden – immer unterstellt, dass er sich an seine vorherigen Gestalten zu erinnern vermochte. Wie wissen wir freilich, dass uns ein Schinken vor Jahren besser geschmeckt hat als der, den wir nun auch gar nicht schlecht finden. Wir können uns an die Umstände und unsere Begeisterung erinnern, aber können wir wirklich sagen, dass er tatsächlich – was immer das heißen mag – deutlich besser geschmeckt hat? Aber lassen wir das, das hätte Ovid wieder für reichlich verdreht gehalten – geht es ihm doch nicht um „wirkliches“ Ermessen, sondern um den Reiz der Geschichte.

Teiresias nun bestätigt Juppiters Behauptung: die Frauen haben mehr vom Sex. Das empört Juno. Ihr wird widersprochen und deshalb bestraft sie Teiresias mit Blindheit. Kann man das verstehen? Gründet Junos Ärger „nur“ darin, dass dieser Schiedsrichter ihr nicht zum Sieg verhalf?[4] Der griechische Mythos ist hier wieder etwas tiefgründiger: die Strafe des Teiresias ist dort Folge eines Vergehens, nämlich eines Verrats. die griechische Hera wirft Teiresias vor, das Geheimnis der Frauen preisgegeben zu haben. Teiresias Schicksal ist – typisch griechisch – tragisch. Er ist als urteilender Schiedsrichter der Wahrhaftigkeit verpflichtet und als Frau, die er war, darauf, die Geheimnisse „seines“ Geschlechts zu wahren. Wie er’s macht, macht er’s falsch und ist den gegensätzlichen Kräften der Wirklichkeit ausgeliefert.[5]

Aber wie gesagt, das interessiert Ovid nicht wirklich. Beim ihm sucht Juppiter scherzend das Vergnügen und trifft auf eine Gemahlin, die sich nicht durch billige Scherze rumkriegen lassen möchte. Sie nimmt sich das aus Ovidscher Perspektive „mehr als billig zu Herzen“ und nicht so „wie es der Sache entsprochen hätte“.[6] Und das lässt Teiresias erblinden und – weil Juppiter den Teiresias für den aus dem Ruder gelaufenen Spaß nicht ganz so grausam leiden lassen wollte – ihn schließlich zum blinden Seher werden. So kann’s gehen, wenn’s bei den Göttern dumm läuft.

 

Demnächst

Heute ist viel von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung die Rede. Ja, das ist etwas, das auch Ovid interessiert. Und im Grunde danken wir ihm, dass wir uns heute so gut an die Ursprünge erinnern. Und das hat auch mit einem anderen Phänomen der Moderne zu tun – genauer den modernen Qualitätsmedien, die sich leicht an Menschen mit narzisstischen Persönlichkeitsstörungen „verschreiben“.

[1] III 320f.: “maior vestra profecto est, / quam quae contingit maribus” dixisse “voluptas.

[2] Man kann sich freilich auch trotz Schmerzen an etwas freuen und die Lust, die man an etwas empfindet, mag einem unerfreulich vorkommen.

[3] Ovid simplifiziert hier den überlieferten Mythos: dort schlägt Teiresias von zwei sich paarenden Schlagen die weibliche tot und wird – als Vergeltung – zur Frau. Als er nach Jahren wieder auf zwei sich paarende Schlangen stösst, erschlägt er diesmal die männliche und wird wieder zurückverwandelt. Ovid spricht nicht vom Geschlecht der Schlangen und sie werden von Teiresias nur verletzt; es sollen aber – wie er ausdrücklich betont – die selben Schlangen gewesen sein, auf die er nach sieben Jahren wieder trifft..

[4] Wir kennen das aus den Stadien: Schiri, wir wissen wo Dein Auto steht.

[5] Hesiod berichtet gar, Teiresias hätte dort die Lust der Frauen für neunmal mehr veranschlagt. Juppiter müsste also neunmal aktiver sein, um mit Juno mithalten zu können! Ja, das könnte schon aufgehen, seh’ ich – gegendert (!) – manchen Leser zustimmend nicken.

[6] III 333f.: Gravius Saturnia iusto / nec pro materia fertur doluisse

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