Ovids Metamorphosen II: Die Welt in Flammen – Phaethons freier Fall

image_pdf

Es ist nichts auf der Welt, das Bestand hat!
Alles ist fließend, und flüchtig ist jede gestaltete Bildung.
[1]

Das ist eine der vielzitierten Stellen aus Ovids Metamorphosen. Nichts bleibt wie es war. Auch wenn es gut war, fest- und wohlgefügt schien, kommt es ins Wanken, löst sich auf und vergeht ins Neue. Aus dem Chaos wurde die Welt gestaltet und ihre Gestalten drohen wieder ins Chaos stürzen und sich daraus zu neuen Gestalten zu ordnen. Nach der Sintflut droht nun der Weltenbrand. Die Welt steht in Flammen und droht zu verglühen. Ausgelöst wird das alles durch einen scheinbar nichtigen Anlass, dem Streit zwischen zwei Halbstarken, die sich ihrer nicht sicher sind und ihren Platz im großen Ganzen noch nicht gefunden haben. Er führt uns freilich zugleich in die Unsicherheit der menschlichen Existenz, nämlich der Frage, wer wir sind, woher wir kommen und was uns ausmacht.

WIR LESEN OVID
Ovid – WikiCommons

Ovids Metamorphosen sind ein lesenswerter Klassiker. Wir lesen Stück für Stück die fünfzehn Bücher in kleinen überschaubaren Abschnitten. Können wir Philosophisches zur Zeit daraus lernen? Finden Sie’s raus und lesen Sie mit! Das geschah bisher.

Auf der Suche

Helios/Sol/Phoebus

Blicken wir kurz aufs Ende des ersten Buches zurück. Der Streit zwischen Jupiter und Juno kam aufs Erste zur Ruhe. Die in eine Kuh verwandelte Io wurde im fernen Ägypten erlöst und bekam zurückverwandelt als Folge der vernebelten „Überwältigung“ durch Jupiter einen Sohn. Beide, Io und ihr Sohn Epaphus werden schließlich in ihrer neuen ägyptischen Heimat als Gottheiten verehrt. Epaphus verwies mit Stolz auf seine Abstammung von Jupiter. Stolz zeigt nicht selten eine schäbige Rückseite, nämlich die Herabsetzung anderer. Hervortun muss sich derjenige, der sich zurückgesetzt glaubt. Er will nun den eigenen Vorrang durch die Herabwürdigung anderer beweisen. Und so reklamiert Epaphus lautstark seine göttliche Herkunft gegenüber Phaethon. Phaethon will im Gegenzug dem prahlenden Wichtigtuer nicht nachstehen und verweist auf seinen Vater den Sonnengott. Als Nachkomme zweier Titanen (Hyperion und Theia) ist Helios/Sol von gleichem Abstammungsadel wie Zeus/Jupiter als Nachkomme von Kronos und Rhea. Aber ist der Sonnengott tatsächlich der Vater Phaethons. Epaphus versteht es bei Phaethon Zweifel zu säen: „Du Narr glaubst Deiner Mutter alles und brüstet dich mit dem Ahnenbild eines erlogenen Vaters.[2]

Diese Frechheit sitzt. Erzürnt, vor allem aber beschämt, wendet sich Phaethon an seine Mutter. Die ehrabschneidenden Beschimpfungen sollten durch einen Beweis abgewiesen werden. Man hätte es Phaethon vermutlich nachgesehen, wenn er im Zorn über diese Beleidigung Epaphus einfach erschlagen hätte. Die Scham (pudor) freilich ist größer als der Zorn. Da haben wir ihn wieder, den pudor in seiner raumgreifenden Kraft: Phaethon schämt sich, dass diese Beschimpfung laut ausgesprochen und nicht widerlegt werden konnte.[3] Eine stolze, strafende Antwort hätte ihm vielleicht kurzzeitig Respekt verschafft, den Verdacht aber nicht beseitigt, ihn sogar noch verstetigt. Vor allem hätte der Zweifel weiter an ihm genagt. Wir sehen uns in den Augen anderer. Und darin würde er sich weiterhin als jemanden erkennen, dessen Herkunft zweifelhaft ist. Und so dominiert die Scham den Zorn: „Ich schäme mich, daß diese Beschimpfung gegen uns (!) laut werden konnte und daß sie sich nicht widerlegen ließ.“[4] Was er sucht ist ein vorzeigbares Zeichen (nota), das andere überzeugen kann. Es zeigt, wie tief der Stachel sitzt.

Auch die Mutter ist erbost und verweist auf den Vater: Phaethon möge sich an seinen Vater wenden und sich seine Herkunft von ihm bestätigen lassen. Also begibt sich Phaethon erwartungsvoll zum „Haus des Vaters, an dessen Vaterschaft er (!) zweifelt“.[5] Dort muss er sich gar nicht erklären. Der Sonnengott Sol, auch Phoebus genannt, weiß von seinem Zweifel und begrüßt ihn sofort als seinen Sohn: „Was suchst Du in dieser Burg, Phaethon, mein Sohn. Dein Vater verleugnet dich nicht.[6] Und doch zögert Phaethon den strahlenden Gott Vater zu nennen. Er bekennt seine Unsicherheit und seinen Zweifel, ob die Mutter „nicht unter trügerischer Maske eine Schuld verheimlicht[7] und bittet um eine Garantie, „damit man glaubt, dass ich wirklich dein Kind bin, und nimm von meinem Herzen diese Ungewißheit“.[8] Damit übernimmt er die freche und unbegründete Anschuldigung des Epaphus, die sich gegen ihn richtete und bringt sie nun gegen die eigene Mutter vor.

Was suchst Du?

Die Anerkennung von Phoebus Vaterschaft steht von Anfang an außer Frage. Fraglich ist, wie man die Vaterschaft „beweisen“ kann. Quid petisti? Was „suchst“ und verlangst Du? Welche „Gabe“ (munus) ist gefordert? Er will die Anerkennung der anderen gewinnen. Sie muss er überzeugen, damit seine „Ungewissheit“ sich auflöst. Reicht die Versicherung? Wohl eher nicht. Ist der Zweifel erst gesät, lässt er sich nur schwer zerstreuen. Der überschwängliche Empfang des Vaters scheint jedenfalls nicht genug. Er braucht einen Beleg. Es würde ihm wenig nutzen, wenn Phoebus ihm ins Ohr flüsterte, dass er sein Vater sei und ihn bäte es doch für sich zu behalten.

Phoebus scheint die Sorge des Sohns zu verstehen. Phoebus umarmt ihn und verspricht ihm „ein beliebiges Geschenk“,[9] was immer er als Beweis begehre. Sein Versprechen (promissum) gibt er die Form eines Eids (ius iurandum). Das erweist sich wie meist in solchen Fällen als gefährlich.

Aber wir fragen uns, was der Vater tun kann, um die Not des Sohnes wirklich zu lösen. Die Leser mögen sich damals wie heute an eine andere Gestalt des Mythos erinnern, die das griechische Denken wie kaum etwas anderes aufwühlte. Die Rede ist von Ödipus. Auch ihm wird der Zweifel eingesetzt, dass Polybos, der König von Korinth, nicht sein leiblicher Vater sei. Es endet tragisch. Der Zusammenbruch aller Ordnung, der politischen wie der natürlichen (νόμος und φύσις), ist im menschlichen Zusammenleben immer schon angelegt und kann sich jederzeit ereignen. Das ist die Verstörung, die die Griechen am Mythos des Ödipus ergriff. Unser Dasein bleibt diesig. Die Vergangenheit, aus der wir kommen, ist auf immer entrückt. Sie hat uns zu dem gemacht, was wir sind. Sie bestimmt unser Wesen und entzieht sich zugleich unserer Macht. Unsere Herkunft schließt sich für uns nicht von selbst auf. Es ist selbst Teil der Lebensführung, sich in und aus ihr zu verstehen. Unsere Herkunft ist keine „objektive“ Vergangenheit, sie ist vielmehr Aneignung des uns vorausgehenden durch den Sinnentwurf, den unsere Lebensführung ausmacht. Der Anfang auch der eigenen (Lebens-)Geschichte wird durch das Ende bestimmt, auf das wir handelnd hinwirken. Für Aristokratien hat die Herkunft (noch) eine andere Bedeutung als für kapitalistische Verwertungsprozesse, in dem die Karriere des self-made-man vom Tellerwäscher zum Milliardär sich gegenüber dem nichtsnutzigen Adel gerade hervortun will: „niedere“ Herkunft ist kein Makel und macht die eigene Leistung sogar noch bedeutsamer. Wir werden freilich sehen, dass auch für das (griechisch-) antike Selbstverständnis der Adel der Herkunft für den eigenen Adel nicht zureicht.

DNA-Test

Erst seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert können wir glauben, durch naturwissenschaftliche Methoden (DNA-Tests) Sicherheit über unsere Herkunft zu gewinnen. Jahrhunderte lang musste man seinen Eltern glauben. Das Glauben ist hier nicht durch Wissen zu ersetzen. Die Diesigkeit der eigenen Herkunft diente z.B. Augustinus (354-430) dazu, den Nutzen des Glaubens im Allgemeinen zu begründen. Vor allem die Vaterschaft ist allemal zweifelsfähig. Man sprach von Kuckuckskinder, wenn dem Ehemann Kinder zugeschrieben wurden, die einen anderen, außerehelichen Vater hatten. Und auch für die Mutter gilt, dass sie viel, aber auch nicht immer alles weiß. Auch die Mutterschaft ist nämlich keineswegs sicher. Es gibt „Verwechslungen“ oder „Vertauschungen“. Die Mutter muss – so meint Augustinus – den Hebammen und Ammen vertrauen. Der Vorrang des Glaubens gegenüber dem (vermeintlichen) Wissen besteht darin, von dieser unauflöslichen Abhängigkeit des eigenen Daseins von der ihm vorausgehenden sozialen Ordnung zu wissen. Der Glaube weiß, dass er in einem unhintergehbaren Vertrauen wurzelt. Auch unsere modernen, wissenschaftliche Verfahren entgehen dem nicht. Natürlich sind auch DNA-Tests „manipulierbar“ – das „wissen“ wir aus vielen Krimis; vor allem aber kann kaum einer von uns tatsächlich die Gültigkeit der DNA-Methode beurteilen und auch sie ist, wie alle wissenschaftliche Erkenntnis, grundsätzlich fallibel und „nur“ eine gut gestützte Hypothese. So ist die moderne Antwort auf die Herkunftsfrage nur ein Indiz dafür, wie wir unser soziales Dasein verstehen und woraus wir Vertrauen gewinnen.

Auch für den „modernen Weg“ gilt vermutlich, dass wir „existentielle“ Fragen nicht durch schnelle Zusicherungen beantworten können, also solche Fragen, die das betreffen, was es heißt, gut zu leben. Genau das freilich erhofft sich Phaethon. Der Wunsch nach einer Gabe, die alles klärt und gut werden lässt, ist selbst verhängnisvoll. Das wissen wir aus nicht wenigen Märchen. Die durch Zaubermacht versprochene Wunscherfüllung führt statt wunschlos glücklich zu machen meist ins Verderben. Auch drei Wünsche helfen nicht, wo es am Willen, nämlich praktischer Vernunft, fehlt, mit dem erfüllten Wunsch das Richtige anzufangen.

Väter und Söhne

Wie also kann Phaethon die gewünschte Sicherheit gewinnen? Die Mutter hatte an den Vater verwiesen? Was kann der Vater tun, um den Sohn als Sohn anzuerkennen? Phaethon will seine Herkunft beweisen, indem er sich beweist. Phaethon will zeigen, dass er der Sohn ist, er will dem Vater gleich sein, ihn beerben und demonstrieren, dass er seine Rolle übernehmen kann. Seine göttliche Herkunft soll durch eine göttliche Tat bekräftigt werden und er verlangt deshalb, zumindest für kurze Zeit die Aufgabe des Vaters übernehmen und den Sonnenwagen steuern zu dürfen. Das entspricht tatsächlich der (griechisch-) antiken Idee von Aristokratie: die edle Herkunft verpflichtet zur edlen Tat. Edel (ἀγαθός) ist, wer gut zu wirken versteht, also Tugend (ἀρετή) hat, und vorzüglich ist (ἄριστος), wer sich im Wettstreit mit Seinesgleichen hervorzutun vermag. „Immer der erste zu sein und ausgezeichnet vor andern“ (αἰὲν ἀριστεύειν), dieses Bestreben zeigt den wahren Adel. Die aristokratische Herkunft verpflichtet auf dieses sittliche Ideal und das eigene Handeln muss ich daran auszeichnen.

Freilich reicht dazu eine Handlung nicht aus. Söhne beweisen sich ihren Vätern durch ihre vorzügliche Haltung, ihr durch ihre Lebensgeschichte ausgebildetes Sein. Sie verkörpern die gleiche Seelengröße und „Grossgesinntheit“ (μεγαλοψυχία, magnanimitas), die die Väter sich zuschreiben, und die Väter wünschen sich Söhne, die sie in der Vorzüglichkeit des Handelns (ἀρετή, virtus) noch übertreffen. Es geht um Aristo-Kratie, also die Herrschaft des sich zeigenden, unmissverständlich Vorzüglichen.

Phoebus auf dem Sonnenwagen

Glänzende Söhne bestätigen den Adel der Väter. Solchen Söhnen übergeben die Väter ihre „Geschäfte“. Phoebus erkennt in einer etwas gewundenden Formulierung mit doppelter Negation Phaethons Streben nach Seelengröße ausdrücklich an: „Ich leugne es nicht, du bist mein würdiger Sohn.[10] Wir dürfen das wohl so verstehen, dass Phaeton nach väterlicher Einschätzung alles mitbringt, was für die dignitas des väterlichen „Geschäfts“ gefordert ist. Sein Streben ist groß-artig, dignus, sein Dasein aber privativ: er ist nicht, was er sein will und wird an der Aufgabe scheitern, an der er seinen göttlichen Adel beweisen möchte. Sofort sieht Phoebus das Unglück voraus: „Leichtfertig ist mein Wort durch das deine geworden. Oh wäre es mir erlaubt mein Versprechen nicht zu erfüllen.[11] Er müsste – könnte er es noch – dem Sohn verweigern, was er begehrt. Der göttliche Eid ist freilich Gesetz.

Phaethon ist – das weiß Phoebus sofort – der Aufgabe nicht gewachsen, an der er sich gerne beweisen möchte. Der Vater ist ihm fremd und fremd steht er in einer fremden Welt, der er doch angehören möchte. Als „echter“ Sohn wäre Phaethon mit dem väterlichen Wirken groß geworden. Er hätte an ihm ein Vorbild gefunden, wäre vertraut mit dem strahlenden Glanz der göttlichen Wirkstätte, die ihn jetzt blendet und gleichsam blind macht. Den Sonnenwagen, den er jetzt zu lenken verlangt, ist ihm unheimlich. Es gleicht einer Hybris, sich an etwas beweisen zu wollen, das man nicht versteht. „Etwas Großes begehrst du, Phaethon, eine Gabe, die diesen deinen Kräften und deinen so jungen Jahren nicht entspricht. Dein Los ist es sterblich zu sein; nicht sterblich ist, was du begehrst.[12] Als Sterblicher etwas zu begehren, was nur den Unsterblichen zukommt, darin liegt das Wesen der Hybris und sie ist eine ständige Gefahr des menschlichen Daseins.

Das Ende ist nah

Es kommt wie es kommen muss, Phaethon kann den Sonnenwagen nicht steuern, die Pferde gehen mit ihm durch und er steckt die Welt in Brand. Ovid ist in seinem Element. Detailliert und ausschweifend und mit viel dichterischem Feuer stellt er uns vor Augen, wie zunächst alles auf den Bergen in Brand gerät, die feurige Hitze in die Länder und Städte vordringt, die Flüsse vertrocknen und gar das Meer zu verdampfen droht. Die Erde bekommt Risse und sie reichen so tief, dass selbst in den Tartaros Licht der glühenden Hitze fällt. Die Erde, in sich zurückgekrümmt, wendet sich flehentlich an Jupiter, er müsse dem unbedingt Einhalt gebieten und die Ordnung wiederherstellen. Nicht nur „gewaltige Städte vergehen / Samt ihren Mauern“,[13] selbst die himmlischen Paläste drohen zu stürzen.[14] Nichts ist sicher, alles droht unterzugehen[16] und wieder „ins uralte Chaos“ aufgelöst zu werden[15].

Jan Carel van Eyck, Phaethons Fall

Jupiter greift schließlich ein und schafft mit seinem Blitz Phaetons Wirken ein Ende. Phaethon stürzt tot zur Erde. Die Welt ist gerettet und kann sich erholen. Diese Rettungsaktion wirkt freilich künstlich und ein wenig unplausibel: wie sollte die Welt vor ihrem Ende in Flammen gerettet werden, wenn Phaethon durch Jupiters Blitzschlag aus dem Wagen geschleudert wird? Führungslos war der Wagen, das wurde von Ovid anschaulich geschildert, schon kurz nach seinem Aufstieg in die Sonnenbahn. Die Sonnenpferde gingen durch und Phaethon – darin liegt sein Vergehen – war nie Herr des Geschehens. Sein Vergehen ist nicht wie es der trauernde Phoebus Jupiter vorwirft, das Unvermögen des Lenkers: wer den Wagen nicht zu lenken versteht, der verdient tatsächlich nicht den Tod. Wer unbesonnen glaubt, ihn lenken zu können, und sich in seinem Wesen verkennt, dem droht unausweichlich ein schlimmes Ende. Ihm fehlt, was er zu haben glaubt. Und was er hat, Vernunft und göttlichen Beistand, das kann er nicht gebrauchen. Alle Ratschläge und Ermahnungen gehen ins Leere. Phaetons Vergehen ist die unbesonnene Hybris, die Uneinsichtigkeit über das eigene Dasein. Er selbst kommt noch während er den Sonnenwagen im steilen Aufstieg durch den Himmel zu führen versucht zur Einsicht seiner Unfähigkeit. Er bereut gar, etwas über seine Herkunft erfahren zu haben, die ihn nun überfordert. Nun möchte er lieber Sohn des Merops heißen, d.h. als Sohn seines Stiefvaters gelten, mit dem seine Mutter Clymene verheiratet war, und also nichts als ein Sterblicher sein:

Wie aber Phaethon gar, der unselige, hoch von dem Himmel
Unten die Länder erblickte, die tiefer und tiefer sich dehnten,
Wurde er bleich, plötzlichem Schrecken erbebten die Knie,
Und vor der Fülle des Lichts umwogte ihm Dunkel die Augen.
Ach, ihn reut, daß er je die Rosse des Vaters verlangte,
Daß er die Herkunft erfuhr, die Erfüllung der Bitte ertrotzte;
Sohn des Merops – jetzt wär’ es ihm recht!
[17]

Zwei Metamorphosen zur ewigen Trauer

Die Schuld des vermessenen Phaethon mindert freilich nicht die Trauer von Clymene, der Mutter, und Phoebus, der sich erst spät dem Sohn zugewandt hatte. Während Phoebus erst den Dienst verweigert und die Erde sonnen-und lichtlos zurücklässt, durchirrt Clymene die Welt auf der Suche nach Phaetons Gebeinen. Die Trauer findet schließlich gleich in zwei Verwandlungen ihren Ausdruck, die der tragischen Geschichte gleichsam nachgereicht werden: eine ereilt drei der Sonnentöchter, Stiefschwestern des Phaethon, deren Trauer kein Ende finden mag. Sie verwandeln sich schließlich in Bäume, denen als Tränen Harz entfließt, das schließlich zu Bernstein wird, den „Latinerfrauen“ als Schmuck tragen, um sich der großen Hybris des Phaeton zu erinnern. Die zweite Verwandlung betrifft einen Stiefbruder Phaethons, Cygnus, dessen Trauerklage ihn schließlich zu einem Schwan werden lässt, der „das Feuer verabscheut“ und sich Flüsse und weite Seen, „die den Flammen feindlich sind, zur Wohnstätte erkoren“ hat.[18]

Die beiden Trauer-Verwandlungen kommen etwas unvermittelt und haben keinen rechten Anhalt in der erzählten Geschichte. Sie zeigen freilich, dass die Trauer über Phaethons Fall etwas bleibend Anrührendes hat. Wir betrauern nicht den In-Schuld-Verstrickten, dessen Unbesonnenheit eine Warnung an die Nachwelt ist, sich nicht zu vergehen. Die Trauer richtet sich auf die tragische Verstrickung in die wir als Wesen zweier Welten geraden, wenn wir uns von himmlischen Zielen leiten lassen und dabei den irdischen Bedingungen unseres Daseins nicht entfliehen können. Der Grabstein Phaethons lobt ihn dafür, diese Tragik gelebt zu haben:

Hier ruht Phaethon, der Lenker des väterlichen Wagens;
Zwar konnte er ihn nicht halten, doch fiel er als einer, der Großes gewagt.
[19]

 

Nachschlag: Phaethon ist eine Warnung auch für größere Söhne

Ovid beansprucht mit seinen Metamorphosen eine „mythologische Weltgeschichte“ zu erzählen, die vom „Beginn der Welt“ bis zu seiner Zeit reicht. Sie geht von den Göttergeschichten zu den mythologischen Helden und endet schließlich bei den mythischen Anfängen der politischen Geschichte Roms. An der „wirklichen“ Geschichte, nämlich der historischen Entwicklung der politischen Gemeinschaften, interessieren ihn die mythologischen Metamorphosen, also solche, die sich göttlichen Wirkens verdanken. Freilich soll es „ununterbrochen“ (perpetuum) bis zur politischen Situation in der eigenen Zeit, also die Regentschaft Augustus, dargestellt werden.

Augustus

Augustus spielt dabei eine doppelte Rolle: er ist derjenige, der Ovid ins Exil verbannt und zur persona non grata gemacht hatte. Man darf nicht erwarten, dass Ovid dafür großes Verständnis aufbringen konnte. Aber er muss gleichwohl versuchen, Augustus für sich zu gewinnen und ihm schmeichelnd signalisieren, dass er die Strafe nicht oder doch zumindest einer Begnadigung verdiene. Während Ovid im ersten Buch Augustus zu gewinnen versucht, indem er ihn schmeichelnd mit Jupiter vergleicht, scheint mir die Phaethon Geschichte in eine andere Richtung zu weisen. Werfen wir dazu einen kurzen Blick ins letzte, 15. Buch der Metamorphosen. Dort geht alles ganz schnell. Von der Gründung Roms springt Ovid fast nahtlos zu Caesar und schließlich Augustus. Auf ihn scheint die mythologische Weltgeschichte zuzulaufen. Caesars größtes Verdienst z.B. sind nicht seine Siege. Bedeutend ist er vor allem als der Wegbereiter des Kaisertums und damit des Augustus. Sein größtes Verdienst ist „Vater“ des Augustus zu sein. Er stellt Caesar und Augustus in eine Reihe mit Atreus und Agamemnon, Aegus und Theseus, Peleus und Achill und nicht zuletzt mit Saturn und Jupiter! In all diesen Fällen überragt die Leistung der Söhne, die der Väter. Die Söhne überragen ihre Väter und sind als solche deren Ziel und Stolz. Das freilich ist – wie wir an Phaeton sahen – nicht bei allen Söhnen so. Manche überheben sich. Und gerade die Überschwänglichkeit der mythologischen Vergleiche, Caesar=Saturn und Augustus=Jupiter, scheint mir Zweifel nahezulegen.

Und ein zweites mag herangezogen werden: Die Regentschaft des Augustus gilt als Friedenszeit, in der sich die Dinge nach den Bürgerkriegsjahren stabilisierten und das Reich prosperierte. Dieser Stabilität setzt Ovid sein „Alles fließt, verwandelt sich und wird neu“: die „gewaltigsten Städte vergehen samt ihren Mauern“, die alten Ordnungen werden zu neuen, „nichts auf der Welt hat Bestand“. Das gilt auch für Augustus.

Wenn Ovid im Epilog davon spricht, dass seine Dichtung „nicht Jupiters Zornwut“, „Feuer und Schwert“ nicht und auch nicht “die zehrende Zeit zu tilgen vermögen“,[20] dann dürfen wir uns wohl daran erinnern, dass wenige Zeilen vorher, Augustus mit Jupiter „gleichgesetzt“ wurde. Von Phaetons Scheitern fällt noch ein Schatten auf Augustus. Was Caesars Glanz ausmacht, daran verglüht der Sohn. Und den wahren Glanz, der geht von den Dichtern aus – und Ovid würde wohl in erschütternde Unbescheidenheit gesagt haben: von mir.

Phaethons Fall als musikalisches Ereignis: die Oper zum Ovid

Auch zu Phaethons Fall findet sich wieder eine Oper – sie ist von Jean-Baptiste Lully (1632-1687) und stammt aus dem Jahre 1683.

[1] XV 177f.: nihil est toto, quod perstet, in orbe; / cuncta fluunt omnisque vagans formatur imago.

[2] I 753f.: matri, que ait, omnia demens / credis et es tumidus genitoris imagine falsi.

[3] I 758f.: pudet haec opprobria nobis / et dici potuisse et non potuisse refelli

[4] I 758f.: pudet haec opprobria nobis / et dici potuisse et non potuisse refelli

[5] II 20: intravit dubitati tecta parentis

[6] II 33f.: quid hac, ait, arce petisti, / progenies, Phaethon, haud infitianda parenti?

[7] Das ist eine ungeheuerliche Anschuldigung. Wie kommt der Sohn dazu, der Mutter diese Lüge zu unterstellen? Phoebus stellt demgegenüber ruhig und sachlich klar, dass stimmt Clymene, was Clymene „von sich gegeben“ habe. Vielleicht bin ich zu hellhörig, wenn ich besonders bei diesem edere aufhorche, von dem sich z.B. auch der Herausgeber (editor) ableitet. Phoebus bestätigt: Clymene veros edidit ortus und in dieses edidit ist eben nicht vorrangig ein Sagen, sondern ein ex-dare, ein heraus-geben, aus sich hervorbringen und gebären. Ovid spielt vermutlich mit dem Doppelsinn von veros edidit ortus, das Michael von Albrecht mit „Wahrheit sagen“ übersetzt („Klymene hat über deine Herkunft die Wahrheit gesagt“) während es Hermann Breitenbach mit „verkündet“ wiedergibt und „veros“ auf die Herkunft (ortus) bezieht („Ja, Clymene hat deine wirkliche Abkunft / Dir verkündet“)

[8] II 37 ff.: nec falsa Clymene culpam sub imagine celat, / pignora da, genitor, per quae tua vera propago / credar, et hunc animis errorem detrahe nostris.

[9] II 42ff.: nec tu meus esse negari / dignus es, et Clymene veros, ait, edidit ortus, / quoque minus dubites, quodvis pete munus, ut illud / me tribuente feras.

[10] II 42f.: nec tu meus esse negari dignus est.

[11] II 51f.: vox mea facta tua est. utinam promissa liceret / non dare! confiteor, solum hoc tibi, nate, negarem

[12] II 49ff.: magna petis, Phaethon, et quae nec viribus istis / munera conveniant nec tam puerilibus annis. / sors tua mortalis: non est mortale quod optas.

[13] II 214.: magnae pereunt cum moenibus urbes

[14] II 296: atria vestra ruent – droht die Erde den olmpischen Göttern.

[15] II 299: in Chaos antiquum confundimur – die geordneten Elemente lösen sich auf, vermengen sich wieder (confundere) in ein Ununterschiedenes.

[16] II 305f.: omnia fato / interitura gravi

[17] II 178ff.: ut vero summo despexit ab aethere terras / infelix Phaethon penitus penitusque patentes, / palluit et subito genua intremuere timore, / suntque oculis tenebrae per tantum lumen obortae. et iam mallet equos numquam tertigisse paternos, / iam cognosse genus piget et valuisse rogando, / iam Meropis dici cupiens ita fertur

[18] II 378ff.

[19] II 327f.: hic situs est Phaethon currus auriga paterni / quem si non tenuit magnis tamen excidit ausis.

[20] XV 871ff.

Schreibe einen Kommentar