Ein Hirnforscher hirnt über Corona

image_pdf
Interview mit Gerhard Roth auf Spiegel Online

Ein Leser von PzZ ist aufgebracht und wütend über Coronaleugner im Sinne von Coronaverharmlosern. Er wirft auch PzZ diese Verharmlosung vor, für die es aus seiner Sicht keine Gründe gibt. Vielleicht auch deshalb hat er mir ein Interview empfohlen, das Der Spiegel mit dem Neurowissenschaftler Gerhard Roth geführt hat. Es ist auf Spiegel-Online nachzulesen – wird allerdings durch die Bezahlschranke geschützt. Gerhard Roth ist mir kein Unbekannter oder besser gesagt ein Teil seiner Schriften. Das Gehirn und seine Wirklichkeit. Kognitive Neurobiologie und ihre philosophischen Konsequenzen (1994) hatte ich vor Jahrzehnten mal gelesen und dann vor vielleicht 10 Jahren nochmal. Allerdings zunächst sehr selektiv – ich schlug es bald wieder zu – und dann beim zweiten Anlauf unwillig und kopfschüttelnd. Was darin an neurophysiologischer Grundlegung der Philosophie verhandelt wird, hält einer philosophisch begrifflichen Besinnung nicht stand: eine Maschine rechnet nicht und das Gehirn denkt nicht. Wir rechnen mit ihr und „denken“ mit ihm. Diese begriffliche Klarstellung verdanken wir Aristoteles (384-322 v. Chr.), der das vor zweieinhalbtausend Jahren gezeigt hat. Raymond Tallis hat in Aping Mankind, Neuromania, Darwinitis and the Misrepresentation of Humanity 2011 den Diskussionsstand eindrucksvoll und m.E. überzeugend summiert. Stellvertretend für viele andere Philosophen, die sich in den letzten Jahrzehnten wegen der Herausforderungen durch die Neurobiologie und die Künstliche Intelligenz wieder genötigt sahen, sich mit dieser philosophisch eigentlich gut diskutierten Frage zu beschäftigen, sei auf Markus Gabriels Ich ist nicht Gehirn, Philosophie des Geistes für das 21. Jahrhundert (2015) hingewiesen.

Aber Der Spiegel gibt dem Interview mit Gerhard Roth ja einen anderen, weiteren Kontext als den im engeren Sinne philosophischen: „Hirnforscher Gerhard Roth zur Coronapandemie“. Nun mag man wie ich skeptisch sein, ob die Hirnforschung viel Bedeutsames zur Politik der Coronapandemie beitragen kann, deshalb bleibt das Gesagte ja dennoch überlegenswert. Man mag die neurologische Begründung eines Rezepts für ein empfohlenes Gericht für wenig überzeugend halten, das Rezept aber gerne nachkochen, weil einem das Essen schlicht schmeckt. Also was können wir von Gerhard Roth über die „Coronapandemie“ lernen?

Das Gespräch ist – typisch Der Spiegel – unter den reißerischen Titel gestellt „Von 100 Menschen sind etwa 20 vernünftigen Argumenten spontan zugänglich“. Natürlich bin ich spontan für das Wörtchen „spontan“ dankbar, das andeutet, dass am Ende doch mehr als anfänglich und aus eigenem Antrieb der Vernunft zugänglich sein könnten. Unter Bedingungen der Unsicherheit zeigen Menschen, dass „ihr Verhalten unter diesen Bedingungen eher von ihren tiefen Gefühlen und impulsiven Reaktionen gesteuert wird als von ihrem Verstand“. Gerhard Roth meint, dass das evolutionär begründbar sei – aber wie gesagt, das muss man nicht glauben, um die empirische Tatsache anzuerkennen.

Trifft das alle Menschen oder nur einen Teil? Und ist es etwas Gutes oder etwas Schlechtes? Es müsste ja eigentlich „gut“ sein, wenn es sich evolutionär entwickelt hat. Und die 80 prozentige Mehrheit folgt ja der aktuellen Coronapolitik und das soll doch nicht als „impulsive Reaktion“ gelten, oder? Aber Roth spricht von Problemen: „Menschen haben große Probleme damit, sich in neuen, unbekannten Situationen rational zu verhalten. Sie werden von ihren Ängsten, ihren Bedürfnissen und ihren subjektiven Erfahrungen beherrscht. Da kommt Vernunft, etwa wissenschaftliches Denken, kaum gegen an.“ Und es sieht so aus als seien nicht alle Menschen evolutionär so ausgerichtet. Bei 10 bis 15 Prozent „überwiegen archaische Abwehrreflexe“. Sie „sind nicht zu erreichen“! Was erreicht sie nicht? Vernünftige Gründe, also solche, die Neurologen wie Gerhard Roth für solche halten, oder? Und die anderen 85 bis 90 Prozent? Die größte Gruppe (65 bis 70 Prozent) sind wohlmeinende Mitläufer, die sich anpassen. Alles kommt jetzt darauf an, mit wem sie mitlaufen. Den „archaisch“ Unerreichbaren oder den 20 Prozent, die „spontan“ vernünftigen Argumenten zugänglich sind.

Was aber sind nun die „vernünftigen“ Argumente, die sich von den „tiefen Gefühlen und impulsiven Reaktionen“ abheben? Die Wissenschaft? Ja und nein. Denn die Wissenschaft gibt es nur methodisch, nicht aber als Menge unbestreitbarer Wahrheiten. Wissenschaft ist Streitkultur und es gab auch zur Coronapandemie eben keinen umfassenden Konsens der Wissenschaftler – im Gegenteil: „Irritierenderweise widersprachen sich diese Wissenschaftler, teils schroff und heftig.“ Nach Gerhard Roth und dem Spiegel-Interviewer hätte das zur Verunsicherung geführt und das Vertrauen in die Wissenschaft erschüttert. Das deckt sich freilich nicht mit meinem Eindruck. Kritik an der herrschenden Auffassung wurde umgehend und ohne Erörterung der unterschiedlichen Sichtweisen als unwissenschaftlich, gefährlich und rechtsradikal ge-cancelled. Namhafte Wissenschaftler wie Bhakti oder Ioannidis, um nur einige von vielen zu nennen, wurden als „sogenannte Experten“ abgeurteilt und als Verschwörungstheoretiker diffamiert.

Sind auch Wissenschaftler am Ende nur Menschen und „anfällig für Unvernunft“? „Nicht automatisch. Die Vernunft und der Verstand brauchen eine flache Emotionalität. Solange ein Wissenschaftler ruhig in seinem Labor forschen kann, fällt es ihm meist ziemlich leicht, sich rational zu verhalten. Aber wenn sein Chef ihm mitteilt, dass er gehen müsse, wenn er nicht mehr Ergebnisse liefere und Drittmittel einwerbe, melden sich starke Emotionen, die Wut, die Angst. In solchen Momenten kann ganz schnell der Gedanke aufblitzen, dass man es ja nicht so genau nehmen müsse mit der Datenerhebung. Emotionalität kann bekanntlich Vernunft auffressen.

Bei all dem entsteht für mich ein merkwürdiges, paradoxes Bild: das, was als wahr und vernünftig gelten darf, ist höchst umstritten, aber es wird zugleich vorausgesetzt, dass man wüsste, das 80 Prozent der Menschen ihm „spontan nicht zugänglich“ sei. Die Falschheit liegt immer auf der anderen Seite. Natürlich gelten die Vorstellungen der Pandemiebekämpfer als erkannte Wahrheiten und die der Gegner als Auswüchse therapiebedürftiger Opfer „archaischer“ Ängste. Während man – alles neurophysiologisch begründbar (!) – noch einen Teil durch Gründe erreichen könne, müsse man die anderen durch Zwang zum Mitlaufen bringen. Das sind die „Gutwilligen“ – so werden sie ausdrücklich genannt, was ja plausibel ist, denn das Gute steht ja fest. Die anderen sind also die „Böswilligen“? Nur konsequent, dass Gerhard Roth für sie auch Strafen, nein genauer die Verschärfung von Strafen fordert.

Politikern, meint Gerhard Roth, haben es z.Z. nicht leicht. Sie sollen „der“ Wissenschaft folgen, die es gar nicht gibt (und die erst medial erzeugt und „erspiegelt“ werden muss) und zugleich dem Willen der Mehrheit der Bevölkerung gerecht werden. Gerhard Roth sieht darin eine „Paradoxie der Demokratie“(?): „Man will sich gegen einen angeblich verbreiteten Willen der Bevölkerung nicht durchsetzen. Aber der seelische Schaden wird riesig sein, viel größer als bei den vorigen Wellen.“ Der Willen ist nur „angeblich“, der Schaden für die durch „archaische Abwehrreflexe“ zur Unvernunft Getriebenen aber unbestreitbar. Also das Gute doch lieber gegen den angeblichen“ Mehrheitswillen der Bevölkerung durchsetzen und die Vernunft gegen den Populismus schützen?

Um aus dieser Notlage der Politik zu kommen empfiehlt der Professor „Hausaufgaben“: „Politiker müssten uns konkrete Aufgaben geben: Jeder Einzelne müsste angesprochen, aufgefordert werden.  […] Sinnvoll wäre, wenn die Politik uns Bürgern eine Liste von unstrittig (!) notwendigen Dingen aufgäbe, die wir für den Umweltschutz erledigen müssten. Wenn man jede Woche aufschreiben muss, wie oft man folienverpacktes Gemüse gekauft hat, fällt es schwerer, unbefangen zuzugreifen. Man muss die Leute mit der Nase darauf stoßen.“ Ich denke diese „Hausaufgaben“ sollten auch regelmäßig kontrolliert und berichtigt werden!

Gerhard Roth lässt’s aber versöhnlich ausklingen. Er möchte „unsere Kinder zu offenem Denken erziehen. Sie müssen lernen, Widersprüche und verschiedene Meinungen auszuhalten. Sie müssen verstehen, dass Wissenschaft kein Inhalt ist, sondern eine Methode. Und dass es auch in der Wissenschaft keine Wahrheit gibt, sondern immer nur mehr oder weniger plausible Erklärungen, die sich in einer Diskussion und im Disput herausbilden. Wenn Kinder das begreifen, werden sie als Erwachsene alternative Ansichten ertragen und sich zu toleranten Menschen entwickeln. Das kommt bei uns noch viel zu kurz.“ (Hervorhebungen HL)

Jetzt könnte ich sagen, dem ist nichts hinzuzufügen – vor allem weil abweichende Meinungen allzu oft als gefährlich und unmoralisch gelten und es „alternative Ansichten“ in Zeiten der Alternativlosigkeit ja gar nicht geben darf. Aber? Kein Aber!

Schreibe einen Kommentar