Seuchenbekämpfung

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Im Spiegel der „BILD am Montag“

Wolf Biermann sprach einmal von der „BILD am Montag“ und meinte ein „Nachrichtenmagazin“. Das ist schon ne Weile her und die Dinge haben sich nicht verbessert. Ein Blick zurück lohnt freilich nicht nur um den Qualitätsjournalismus zu verstehen. Es drängen sich auch andere Parallelen auf. 

Am 13.11.2009 wurde uns schon mal der Spiegel vorgehalten. Es war die Zeit der Schweinegrippe und DER SPIEGEL betrieb „Front“-Berichterstattung. Erinnern wir uns: Es wurde die Pandemie ausgerufen und hunderttausende von Toten allein in Europa errechnet; 65.000 sollten es z.B. in UK werden. Das sagte Neil Ferguson vor, der Spezialist für Pandemie-Modelle, auf den sich auch gerne mal Herr Professor Drosten beruft. Am Ende waren es dann 457. Auch in Deutschland herrschte wieder Krieg, der am Ende 250 Tote forderte. An einer „normalen“ Grippe sterben durchschnittlich 8-10.000 Menschen. 

Der Kriegsberichterstatter sorgt sich trotzdem. Im Abstract heißt es:  „Zu wenig Impfstoff, Organisationspannen, eine verwirrte
Bevölkerung: Die Massenimpfung gegen die Schweinegrippe kommt nur stockend
voran, die Impfbereitschaft der Deutschen sinkt. SPIEGEL ONLINE beantwortet
wichtige Fragen: Wer sollte sich impfen lassen, welche Nebenwirkungen gibt es,
nützt eine Hygienemaske?

Vor allem die Impfbereitschaft war nicht richtig toll ausgeprägt. 50 Millionen Dosen Impfstoff wurden bestellt. Aber … aber es gibt ein Problem: nur 9,3 Millionen sind im November verfügbar und „nur“ 20 Millionen bis Jahresende 2009! Knappheit des Impfstoffs. Kann man sich das heute überhaupt noch vorstellen?.

Aber ist eine Impfung wirklich notwendig und wie sicher ist sie? Natürlich gibt „SPIEGEL Online Antwort auf die wichtigsten Fragen“! Es gibt eine Priorisierung (hört, hört), bei der sieben Gruppen unterschieden werden: zunächst die „Systemkritischen“, also die in wichtigen Funktionen (hihihi), dann ein paar andere und „6. Alle übrigen Personen im Alter von 25 bis 59 Jahren“ und „7. Alle übrigen Personen ab 60 Jahren.“ Also: alle. Die Ausgaben für die Impfung werden auf 1 Milliarde geschätzt. 

Und wie steht’s mit der Sicherheit? Es geht um Pandemrix (schöner Name, oder?) der Firma GlaxoSmithKline, einer der größten Pharmakonzerne der Welt und natürlich mit einigen, branchentypischen Betrugsskandalen belastet. Der Hochglanz spiegelnde Frontberichtberichterstatter stimmt schon mal darauf ein, dass „die Schweinegrippe-Impfung stärkere Nebenwirkungen verursachen kann als die übliche Grippeimpfung“. Es kann zu „Schwellungen und Rötungen an der Einstichstelle“ kommen und „manchmal zu mehrtägigen Kopf- und Gliederschmerzen“. Schwere Nebenwirkung gäbe es „nur in seltenen Fällen“, wobei der SPIEGEL einräumt, dass man das bei „nur wenige zehntausend Probanden“, an denen Pandemrix getestet wurde, nicht verlässlich sagen könne. Also doch lieber Risikoabwägung? „Wie gefährlich ist die Schweingrippe?“ Sie ist „ungewöhnlich ansteckend und verbreitet sich rasend schnell“, aber na ja – schlagen Sie sich an den Kopf! – es „werden derzeit 13 (!) Todesfälle mit einer H1N1-Infektion in Verbindung gebracht (!)“. Das sei – wie DER SPIEGEL einräumt „eine vergleichsweise kleine Zahl. Schon an der normalen saisonalen Influenza sterben jedes Jahr allein in Deutschland Tausende. In guten Jahren sind es üblicherweise weniger als 2000, in schlechten Jahren – wie etwa 1995/96 – bis zu 30.000.

Aber sei’s drum, die Impfempfehlung gilt auch für … na, raten Sie mal? Natürlich Kinder! „Bei Kindern haben Mediziner ihre ursprünglichen Vorbehalte zum Teil zurückgenommen. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) empfiehlt seit Anfang November, auch Kinder unter drei Jahren (!) gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen – und schloss sich damit der Ständigen Impfkommission an. Inzwischen drängt der BVKJ sogar offensiv dazu, Kinder schnellstmöglich zu immunisieren… “ Warum? Na, da kommen Sie jetzt aber selbst drauf! Na wegen der Kindergärten und Schulen natürlich. 

Am Ende wird’s nochmal lustig: Es werden die Hygiene-Regeln erklärt, Sie wissen schon AHA und so und natürlich zum Home Office geraten. Und die Maske? Ja, dazu liest sich folgendes: „Umstritten ist dagegen der Nutzen  von Hygienemasken. ‚Über ihre Wirksamkeit während einer Pandemie liegen keine ausreichenden Daten vor‘, erklärt das Robert-Koch-Institut. ‚Sie sind deshalb nur ergänzend zu erwägen.‘ Da die Hygienemasken […] nicht dicht abschließen, geraten Grippeviren trotzdem in die Luft. Und wer mit ungewaschenen Händen die Maske anlegt, bindet sich die Viren direkt unter die Nase. Zudem müssen die Masken alle paar Stunden gewechselt werden.“ Das gilt natürlich längst nicht mehr. Das weiß man heute besser: Masken können inzwischen toll über Wochen getragen werden und ungewaschene Hände hat heute keiner mehr. Die Masken, die da so im Auto auf der Ablage liegen oder am Rückspiegel hängen, sind ja auch nur Erinnerungsstützen für den korrekten hygienisch-sterilen Gebrauch der Masken. Also jedenfalls bei den Solidarischen. 

Ach so, noch zum Abschluss die Antwort auf die Frage, wie ging das alles aus. So etwa 8 Millionen wurden geimpft. Der Rest der bezahlten Ware wurde für wiederum 50 Millionen entsorgt. Schwamm drüber. 

Und sonst ist ja nix passiert, oder? Nein, um Himmels Willen in Deutschland nichts. Also erstmal, nämlich so lange man nicht hingeguckt hatte. Schweden und Finnland fiel dann auf, dass die Impfung die schwere, unheilbare Krankheit Narkolepsie bei 14.000 Kindern hervorrief. Ach ja, dann hat man das plötzlich auch in Deutschland wahrgenommen. 

Aber zum Glück ist das jetzt alles ganz anders. Und jetzt ist ja auch richtige Pandemie, nicht nur so ein paar Monats-Pandemiechen… 

 

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