So war’s, das ist Geschichte, aus der wir lernen!

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Jörg Hinrich Hacker, Präsident des RKI 2008-2010

Der Vergangenheit muss man sich stellen. Das Robert Koch Institut tut das. Es hat „das Handeln des Robert Koch-Instituts und seiner Mitarbeiter in der Zeit des Nationalsozialismus […] ohne institutionelle Befangenheit untersucht“ und war dabei zu Erkenntnissen über „viele Täter und Taten“ gekommen. Schließlich hat es die eigene Vergangenheit durch unabhängige Historiker „systematisch und umfassend“ untersuchen lassen. Davon berichtet in einer Stellungnahme 2008 der damalige Präsident des RKI, Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Jörg Hacker. Das kann man auf der Internetseite des RKI nachlesen. Unter der Überschrift „Es waren nicht nur Einzelne“ heißt es: 

Durch das Forschungsprojekt ist klar geworden: es waren im RKI nicht nur einzelne Wissenschaftler, die moralische Grenzen überschritten haben. Diese These ist noch im Jahre 1991, in der Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum der Institutsgründung, nachzulesen. Diese Einschätzung müssen wir revidieren.

Es waren nicht nur Einzelne, die abscheuliche Menschenversuche zum Beispiel mit Impfstoffen durchgeführt haben, vor allem an Patienten und KZ-Häftlingen. Es waren nicht nur Einzelne, die renommierte Wissenschaftler entlassen haben oder die Entlassung ihrer Kollegen widerspruchslos hinnahmen. Es waren nicht nur Einzelne, die schlechte Wissenschaft gemacht haben und alle moralischen Schranken eingerissen haben. Es war auch nicht nur die Institutsleitung, die das RKI auf die Linie des Regimes brachte.

[…]

Fast alle haben mitgemacht oder geschwiegen. […] Für das Übertreten humanistischer Grundsätze, für die Verletzung der Würde und der körperlichen Unversehrtheit gibt es zu keiner Zeit der Welt eine Rechtfertigung, auch wenn die Mehrheit ein solches Verhalten toleriert oder gar fordert.

Und, das ist dem RKI-Präsidenten wichtig, „auch die Wissenschaft“ hat mitgemacht: 

RKI-Wissenschaftler“, so Jörn Hacker „haben mitgemacht, um persönlichen Forscherehrgeiz zu befriedigen, ohne Rücksicht auf Verluste. Sie haben mitgemacht, um absonderliche Theorien zu testen, die in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nicht anerkannt waren. Sie haben mitgemacht, um die Karriere voranzubringen. Sie haben mitgemacht, um von freiwerdenden Stellen der vertriebenen Juden oder in den Ruhestand getriebenen Systemgegnern zu profitieren. Sie haben mitgemacht, um Anerkennung von Vorgesetzten und Wissenschaftlichen Kollegen zu gewinnen. Andere haben einfach nur geschwiegen – weil sie sich nur für die Wissenschaft interessiert haben oder emotional verkümmert waren, weitere dürften Angst vor Nachteilen gehabt haben.

Ich kann die Tiefe der Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit natürlich nicht wirklich beurteilen, aber ich bin beeindruckt, wie nachdrücklich der Präsident das formuliert. Es sei nicht schlimm, es sei „schlimmer“ gewesen als bei anderen Staatsorganen: 

Wir müssen uns auch eingestehen: Es war nicht nur „wie überall“, sondern es war schlimmer als an vielen anderen Einrichtungen.

So ehrenwert diese Selbstanklage ist, wäre ich mir da nicht so sicher. „Schlimmer“ als bei den Juristen, den Lehrern oder den Journalisten?! Jedenfalls zieht der Präsident aus den Erkenntnisse eine klare Lehre für die Zukunft: 

„Die wichtigste Lehre aus dieser Zeit: jeder Einzelne, innerhalb wie außerhalb des Instituts, kann und muss Rückgrat beweisen. Diskriminierung und emotionale Verrohung, Schutz von Tätern oder eine Unterscheidung in wertvolle und weniger wertvolle Menschen dürfen wir nie hinnehmen.“ 

Das erscheint mir wirklich vorbildlich.

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