Kinder an die Macht

Jan van Eyck: Die Madonna des Kanzlers Rolin (um 1435) – Louvre, Paris (Wikimedia) – Vergrößern

(Dieser Beitrag erscheint als dritter Teil einer Artikelserie zur bildenden Kunst:
Teil I – »Keine Wahrheit ohne Engel« und Teil II – Veronika sei dank, ein Bild ist nicht nur ein Bild.)

Alle Macht dem Kind – und dem Wort.

Malerei war in Europa über Jahrhunderte christliche Kunst. Christliche Kunst ist auf das Wort verwiesen, auf Offenbarung und Überlieferung in Texten. Ohne das Wort kann sie nichts zeigen und wir in ihr nichts sehen. Kunst kommt von Können und das heißt für die bildende Kunst, sie muss sich auf das verstehen, was zu zeigen ist. Der Künstler kann nur zeigen, was er gehört und verstanden hat. Er kann nicht behaupten, bei den Ereignissen, die er darstellt, dabei gewesen zu sein und zu malen, was er gesehen hat. Bildende Kunst vergegenwärtigt etwas in einem „verständigen“ Bild, das sich aus Hörensagen und vorgängiger Verständigung aus Texten speist. Der Kunst, das Verstandene darzustellen, geht die lesende Einsicht voraus. Der Künstler braucht einen Zugang zur Sache, die er auch beim Betrachter unterstellen muss. Ohne einen Sinn für die Sache und das heißt bei christlicher Kunst die christliche Botschaft verstanden zu haben, könnte der Betrachter mit dem Bild nichts Rechtes anfangen. Das Abgebildete setzt den gebildeten Betrachter voraus. Wir müssen mitbringen, was uns gezeigt werden soll. Wenn wir auf Kunstgegenstände aus anderen Kulturen treffen, fernöstlichen etwa oder afrikanischen, dann fehlt uns dieser „gebildete“ Zugang aus geteiltem Sinn. Wir sehen dann irgendwas, und können uns keinen Reim drauf machen.

Eine merkwürdige Begegnung

In einem Meisterwerk von Jan von Eyck (1390-1441) von 1435 sehen wir einen Mann, offenbar einen mit Macht und Einfluss, einer, der weiß, was er will und wie er es bekommt. Einer, der sich rühmt auch „harte“ Entscheidungen treffen zu können – hart meist gegen andere durch „Angebote, die sie nicht ausschlagen können“. Nun kniet er. Er betet und wirkt entrückt. Er zeigt demonstrativ die Haltung der Hingebung. Rechts ihm gegenüber sitzt mit einem weit ausladenden roten Umhang eine Frau, in sich gekehrt und scheinbar unbeteiligt, mit einem Kind auf dem Schoß, ein Knabe vermutlich (?), den sie dem Betenden entgegenzuhalten scheint. Der Knabe ist nackt. Seine Nacktheit steht im scharfen Kontrast zum edlen Rock des Mannes und dem schweren, an den Rändern fein bestickten Tuch der Frau. Wie alt mag das Kind sein? Im ersten Lebensjahr? Nicht gerade altersgerecht hält es in der Linken den Reichsapfel und macht mit der Rechten eine grüßend segnende Geste, die ins Nirgendwo geht. Die Blicke der drei treffen sich nicht. Sie laufen fast beängstigend aneinander vorbei.

Wo findet diese Begegnung statt? In einem Raum eines Palastes, der durch drei Säulenbögen den Blick auf eine weite Landschaft freigibt, im Vordergrund eine offenbar reiche Stadt zu der der Palast zu gehören scheint. Tatsächlich eine Stadt – oder nur die Vorstellung einer Stadt? So klar und präzise alles gemalt ist, so sehr das Bild uns glauben machen will, dass es ein Abbild einer echten Stadt ist, so sehr ist doch alles „fiktional“: Die Säulen varieren diverse Stilepochen, gotisch unten, oben romanisch. Die Zeit wird auf den Kopf gestellt und die vermeintlich echte Stadt ist nur eine Kopfgeburt, alles ist konstruiert. Das Geschehen spielt in einem Raum, den es in der geschichtlichen Zeit nicht gibt.

Die Begegnung ist eh’ von besonderer Art. Sie scheinen sich nah und doch so fern. Der Betende könnte – so scheint es – das Kind fast berühren. Aber er wird von Mutter und Kind auf andere Weise „berührt“, so dass eine tatsächliche Berührung völlig ausgeschlossen ist.

Der sich in ihr Schicksal fügenden Frau soll im nächsten Moment von einem engelhaften, etwas verschüchtert wirkenden Wesen eine überdimensionierte, kunstvoll gearbeitete Krone aufgesetzt werden. Reichsapfel und Krone, also Inthronisierung eines Infanten, dessen regierender Vater einer Intrige zum Opfer fiel, frühzeitig in der Schlacht – auf dem Feld der Ehre – oder auf dem Krankenbett zu Tode kam?

Leicht überdimensioniert liegt sehr markant auf der Höhe des sitzenden Kindes vor dem Betenden ein Buch: was der Frau das Kind ist dem Mann das Buch. Es ist für das Geschehen von zentraler Bedeutung. Es ist wohl ein Gebets-, ein Stundenbuch; wir dürfen es pars pro toto für das nehmen, „was geschrieben steht“, die (heilige) Überlieferung, das Wort (logos), an dem sich der Gläubige ausrichten muss. In Lektüre und Gebet vertieft, sieht der Mann, wovon er betend liest. Der Titel des Bilds, „Die Madonna des Kanzlers Rolin“, sagt, was der im christlichen Abendland sozialisierte Betrachter schon längst weiß: Der fürstliche Beter, von dem wir jetzt wissen, dass es Nicolas Rolin, Kanzler des Herzogs von Burgund und einer der reichsten Männer seiner Zeit war, begegnet Maria und Christus. Wie Maria bei der Verkündigung ins betende Lesen vertieft der Engel erscheint, so begegnet Rolin nun Maria mit Jesus. (Link zur Verkündigung)

Die Madonna des Kanzlers Rolin“ ist tatsächlich „seine“ Madonna in einem doppelten Sinne. Sie erscheint ihm, dem betenden Leser. Maria und Sohn wären nicht da ohne das lesende Ringen um das, was der Text einem aufträgt, würden ihm nicht begegnen und sich ihm nicht zeigen. Was er zu sehen bekommt ist die Einsicht (contemplatio), die sein Verstehen im lesenden Suchen (lectio, meditatio, oratio) vollendet. Verstehen bedeutet immer sich im Gesagten verstehen, sich auf das hin verstehen, wovon die Rede ist. Etwas verstehen heißt es aneignen, zum bedeutsamen Teil der eigenen Welt machen. Worauf könnte sich ein Kanzler besser verstehen als aufs Herrschen. Was er sieht ist Herrschaft. Er bekommt kein Kreuz-Stigma oder begegnet dem auferstandenen Jesus. Er sieht die Krönung Mariens, die ihm das nackte „Christkind“ mit dem Reichsapfel entgegenhält. Maria steht (als mater ecclesiae) traditionell für die Kirche unter deren Obhut, das lebendige Wort in die Welt getragen werden muss. Ihr gebührt die wahre Krone und dem Sohn die Herrschaft der Welt.

Der Kanzler sieht sich als Teil dieser Herrschaftsordnung. Er will uns glauben machen, dass er dieser Vision folgt und sich ihr verpflichtet hat. Das mag stimmen oder nicht. Ich zweifle ein wenig, wenn die Herren dieser Welt sich demütig geben und sich plötzlich ohne Schwert und Peitsche als Männer der Bildung zeigen wollen und sich lesend und betend und überhaupt „echt interessiert“ an Hochkulturgütern inszenieren. Was sich von selbst versteht muss man nicht eigens zeigen. Dieser Kanzler will offenbar zeigen, dass er anders und wider Erwarten besser ist als er erscheint.

Aber indem er sich so zeigt (und zeigen lässt), wird seine Vision zur Selbstverpflichtung, zum Maßstab der Bewertung seines politischen Handelns. Wer wie dieser Kanzler die christliche Überlieferung versteht und sie glaubend aneignet, der muss dieser Vision in seinem Handeln folgen. Es ist Apologie und Kritik in einem. Van Eyck zeigt uns, was der Kanzler sieht. Wir sehen aber zugleich den „sehenden“ Kanzler und damit den Zustand in dem er ist. Das was er ist und das, was er sieht, sind eins. Uns, die wir keine Kanzler und keine politischen Weltenlenker sind, sagt das Bild dann, woran sich Politik zu halten und auszurichten hat. Politik muss sich an diesem Kind messen und sich selbst in die dienende Rolle Mariens bringen. Van Eyck hatte wohl im ersten Entwurf dem Kanzler noch einen Geldbeutel an den Gürtel gehängt, den er dann später wieder übermalt hat. Das hätte der Spannung zwischen der Vision der Politik und dem, was wir sehen, vielleicht eine zu kritische Note verliehen. Der Maßstab kann tatsächlich nur messen, wenn er nicht als illusionär und bloße, ideologische Vision verstanden wird.

Von der Weisheit der Könige

Eine vergleichsweise ähnliche politische Bedeutung hat eine Episode, die für die evangelische Heilsgeschichte eher von untergeordneter Bedeutung und nur im Matthäus Evangelium überliefert ist: Die Geschichte von den Heiligen Drei Königen. Sie gewinnt für ein paar Jahrhunderte große Aufmerksamkeit, die freilich wenig mit der nachträglichen Verankerung im Brauchtum des weihnachtlichen Schenkens zu tun hat.

Die Anbetung der Könige zeigen etwas Paradoxes, etwas, das freilich an die gelebte Praxis eine recht eindeutige Forderung stellt: Könige knien vor einem ärmlichen Kind und jeder, der sich weise und mächtig glaubt, möge es ihnen gleichtun sich vor diesem Kind niederwerfen, ihm huldigen und seiner Kirche dienen! Herrschaft wird durch diese Zueignung gerechtfertigt und zum Gegenbild der grausamen Macht eines kindsmordenden Herodes. Jedes Bild von der Anbetung der Könige wird zur moralischen Forderung und zum politischen Programm: Weisheit und Politik aller Erden unterstellen sich diesem Kind. Du der dieses Bild siehst, miss Deine Herrschaft an diesem Maß und fordere Deine Fürsten zu dieser Unterwerfung auf!

Das freilich ist nur verständlich, wenn wir die Geschichte im Ganzen kennen und nicht nur einen Blick auf die ersten Lebenstage eines ärmlichen Kindes werfen, das in einer Notunterkunft zur Welt kommt. Jesus ist nicht aus Bethlehem, er ist von Golgatha und von Ostern her zu verstehen.

Rogier van der Weyden: Dreikönigsaltar (1455) – Alte Pinakothek, München – Wikimedia

In einem der Glanzstücke der Alten Pinakothek München, dem Dreikönigsaltar von Rogier van der Weyden, zeigt sich das sehr schön. Das Mittelstück des Triptychon zeigt die Anbetung der „drei Könige“ an der Krippe, eine Legendengeschichte im Anschluss an die Geschichte von den „Weisen aus dem Osten“ (magoi apo anatolon) im Matthäus-Evangelium (Mt 2), die traditionell für die bekannten Erdteile (Europa, Afrika, Asien) und die drei Lebensalter (Jüngling, Mann und Greis) stehen. Die Außenflügel zeigen die Verkündigungsszene (links) und die (gesetzlich gebotene) Darbringung des Knaben Jesu im Tempel (rechts). Jede der drei Tafel setzen eine Geschichte in Szene, die als Columba Altar einen Zusammenhang zwischen ihnen stiftet und in der „Gleichzeitigkeit“ des Werks die Zusammenschau zeitlich aufeinanderfolgender Ereignisse gibt. Vor allem im Mittelstück wird anspielungsreich die Geschichte Jesu in die Heilsgeschichte von Sündenfall und Jüngstem Gericht eingebunden. Am Stall der Geburt Christi ist bereits ein Kruzifix angebracht. Die Bedeutung der dargestellten Ereignisse kommt von Ostern: hier fallen Weihnachten und Ostern zusammen – in einem Bild.

Dreimal wird „vor der Zeit“, vor seinem Wirken und vor dem Osterereignis der Messias erkannt. Die Zeitfolge der Geschichte bekommt zeitlose Präsens. Die historischen Ereignisse sind zeitlos da. Dem Betrachter wird als Vorbild gegeben, was sich aus der Vergänglichkeit des zeitlichen Ablaufs gelöst hat. Was im Jahr von Christi Geburt geschah und nun lange zurückliegt, hat für den Betrachter unmittelbare Präsenz und Bedeutung. Es wird nicht erinnert und die erzählte Geschichte im Gedächtnis festgehalten, so dass man sie wiedererzählen könnte. Es wird gezeigt.

Das nackte Kind

Das Bild kann etwas verdichten und vor Augen stellen, was sich zu verflüchtigen droht. Die Kraft des Visuellen ist zugleich ihre Schwäche. Sie stützt sich auf andere Kräfte, aus denen sie ihre Macht zieht. Sie wird durch anderes getragen und muss sich tragen lassen. Die Kraft des Bilds besteht darin, etwas anderes zu zeigen als sich selbst. Es „verweist“ auf etwas, das es nicht ist. Wie schützendes Glas seine Qualität darin zeigt, da zu sein ohne sichtbar zu sein und den Blick „uneigennützig“ auf das hinter ihm Stehende freizugeben, so ist die „Tugend“ des Bilds seine Transparenz, in seinem Sein sein Sein „aufzuheben“.

Die Bildkunst bezieht ihre Wahrheit aus anderen „Gründen“ als aus Farbe und Form. Diese „Gründe“ müssen vom Betrachter nachvollzogen werden, wenn das Bild etwas zeigen soll. Das Bild gibt etwas zu denken, indem es etwas zu sehen gibt. Es fordert auf, es zu hintergehen. Wenn sich das Bild verselbständigt, wird es zu einer zweiten Welt, einer Scheinwelt. Stumm wie die Gegenstände, die es zeigt, gibt es in ihm keinen Sinn.

Auch Texte sind stumme Gegenstände in der Welt, in Schrift geronnene Überlegungen, erzählte Geschichten und Ereignisse. Sie müssen, das ist ziemlich trivial, gelesen und das heißt verstanden werden. Ein Text kann sich, wie Platon betont, selbst nicht helfen, nicht selbst verständlich machen. Er braucht den kundigen Leser, der ihn zum Leben erweckt. Den braucht auch das Bild. Im Betrachten von Bildern muss das Abgebildete Sinn ergeben und zur Einsicht werden. Jan van Eyck zeigt uns die Vision des Kanzlers als Ergebnis hingebungsvoller Lektüre. Wir als Betrachter des Bilds van Eycks schlüpfen in die Rolle des Kanzlers und haben eine „Vision“, die wir uns als Einsicht erst durch „verständiges Lesen“ lesen gewinnen müssen. Sinnentleert ist das Bild nackt, ein Gegenstand unter anderen. Wenn es ihn mitbringt, kann es zur Einsicht führen.

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