Man kommt viel rum als Kümmerer von Parallelaktionen. Bei der großen Sache, um die sich die Guten und Willigen zusammenfinden, gibt es – qua Parallelaktion – nur ein Risiko, nämlich nicht dabei gewesen zu sein. Und so lassen sich schnell Schöne und Reiche dafür gewinnen. Und da die B- oder C-Prominenz darauf hofft, andere B- und C-Prominente zu treffen, die sich wie sie als A-Prominente verstehen, öffnen sich für die Kümmerer viele Türen. So sieht man viel „Schönes“ in diesem Kakanien, das sich seinen Adel bewahren will und gleichwohl bestrebt ist, sich dem Neuen zuwenden, von dem man allerdings nicht recht weiß, woraus es besteht.
Das Alte hat jedenfalls gar nicht wenige Unbequemlichkeiten, mit denen seine Schönheit verknüpft zu sein scheint. Der alte Adel lässt sich nicht bruchlos in die neue bürgerliche Form bringen, die es doch annehmen soll. Die „Barockpaläste“ und „Maria-Theresien-Möbel“ gehörten „Menschen, die sich noch auf den Händen ihrer Dienerschaft durch die Welt tragen ließen“. Das mag ja noch hingehen, auch bürgerliche Haushalte haben ihre Hausangestellten, mit denen pflegt man freilich einen völlig anderen Umgang. Man lebt, so nah man sich ist, auf Distanz. Alles hat eine vertragliche Form. Der alte Adel hingegen steht seinem Gesinde gleichsam naturwüchsig vor und ist mit ihm zu einem organischen Ganzen verwachsen. Seine Größe ist keine der eigenen Leistung, sondern des Herkommens, und seinem Glanz hängt immer der Geruch von Blut und Boden an, die Gerüche von Land- und Forstwirtschaft, von Pferde-, Kuh- und Schweineställen, von Schlachttagen und Schlachtfeldern. Und was am alten Adel „entzückt“ ist gerade das „in gewissem Sinne Heroischere, das Ererbte und großartig Nachlässige“. Der „Adel“ begegnet als ein Überbleibsel „einer großartigen Lebenshaltung ohne fließendes Wasser“. „Bürgerliche Edelsitze“ sind „mit mehr Hygiene und größerer Intelligenz eingerichtet. In den adeligen Landschlössern friere man im Winter; schmale ausgetretene Treppen [sind] keine Seltenheit, und muffige, niedrige Schlafräume [finden] sich neben prunkvollen Empfangszimmern“.
Das Entrümpeln abgenutzter Möbel und der Ersatz alter Gerätschaften durch neue, leistungsfähigere Apparate vermag den alten Glanz nicht zu bewahren, geschweige denn kräftiger zu machen. „Ein Schloß in bürgerlichen Besitz“ zeigt sich „wie ein Familienstück von Kronleuchter, durch das man elektrische Drähte gezogen hat“. Der alte Glanz ist nur in seinem Weg-Sein da: es fehlt etwas und das macht den Unterschied. „Am eindringlichsten zeigte sich diese [bürgerliche] Verfeinerung übrigens nicht einmal in Schlössern, sondern in den Stadtwohnungen, die zeitgemäß mit dem unpersönlichen Prunk eines Ozeandampfers eingerichtet waren, aber in diesem Lande verfeinerten gesellschaftlichen Ehrgeizes durch einen unwiedergeblichen Hauch, ein kaum merkliches Auseinandergestelltsein der Möbel oder die beherrschende Stellung eines Bildes an der Wand, das zart deutliche Echo einer großen Verklungenheit bewahrten.“ Den „strebsamen bürgerlichen Geist[er]“, die den „Verkehr mit adligen Gedanken“ suchten, mag das als eine Bekräftigung ihres Anliegens dienen. Anderen gilt es Anlass zu Spott und Häme. So macht sich der Mann ohne Eigenschaften einen Spaß seine entfernt verwandte Cousine und begeisterte Parallelaktivistin zu desillusionieren: „Wenn sie von Schönheit sprach, sprach er von einem Fettgewebe, das die Haut stützt. Wenn sie von Liebe sprach, sprach er von der Jahreskurve, die das automatische Steigen und Sinken der Geburtenziffer anzeigt. Wenn sie von großen Gestalten der Kunst sprach, fing er mit der Kette der Entlehnungen an, die diese Gestalten untereinander verbindet.“ Während die einen sprechen, „als ob Gott den Menschen am siebenten Tage als Perle in die Weltmuschel hineingesetzt hätte“, betonen die anderen, „daß der Mensch ein Häuflein von Pünktchen auf der äußersten Rinde eines Zwergglobus sei“. Das ist wohl nicht so sehr „kränkende Besserwisserei“ als der verzweifelte Versuch, die eigene Hilf- und Tatenlosigkeit zu heroisieren. Die Geistlosen behaupten heute – mit viel künstlicher Intelligenz – dass es ihn nicht gibt, den Geist. Jedenfalls nicht in Parallelaktionen, die nach großen Ideen suchen, an die sie selber nicht glauben.
Am Ende schlittert man geistlos in den Untergang. In schmucken Uniformen mit scharlachroten Samtkrägen und vergoldeten Knöpfen, auf dem hochgereckten Kopf den mit dichtem Federnbusch aus weißen Reiherfedern geschmückten Zweispitz, so ritt man schließlich in die Jahrhundert-Katastrophe. Am Ende stampfte man mit Gasmaske und Stahlhelm durch die schlammigen Schützengräben und der Säbel mit Quaste am Gürtel wurde durch Stilhandgranaten ersetzt.