Die Menschheit stellt sich, so meinte Marx, „immer nur Aufgaben, die sie lösen kann, denn bei genauerer Betrachtung wird sich stets finden, dass die Aufgabe selbst nur entspringt, wo die materiellen Bedingungen ihrer Lösung schon vorhanden oder wenigstens im Prozess ihres Entstehens begriffen sind.“[1] Echte, „wirkliche“ Probleme haben das Gute, dass sie gelöst werden können. „Unlösbare“ Probleme lösen sich als „Scheinprobleme“ in „wirkliche“, lösbare Problem auf oder sie verschwinden einfach im Meer des Belanglosen. Das heißt nicht, dass immer alles gut wird oder ganz einfach ist. Weil Probleme prinzipiell lösbar sind, sind sie nicht einfach da, sondern sie entstehen. Sie entwachsen dem, was lange Zeit selbstverständlich war. „Eine Gesellschaftsformation“, so Marx, „geht nie unter“ bevor sich in ihr nicht die neue entwickelt hat, d.h. „im Schoß der alten Gesellschaft selbst ausgebrütet worden“ ist. Das Gegenwärtige wird schmerzlich als „Ursuppe des Neuen“ wahrgenommen, in der der energetische Stoffwechsel zu etwas Neuem drängt, von dem man weder sagen kann, worin es besteht, noch worin es sich von dem Bisherigen unterscheidet. Man weiß nur, es kann nicht so bleiben wie es ist und wartet gebannt darauf, dass etwas geschieht. Man sieht sich in der „merkwürdige[n] Lage“, in der „es weder vorwärts noch zurück geht und der gegenwärtige Augenblick auch als unerträglich empfunden wird“. Der Untergang Kakaniens liegt in der Luft. Man will, man muss doch etwas tun, weiß aber nicht was.
Das ist die Zeit für Parallelaktionen. „Der Geist“, der „heute ein machtloser Zuschauer der wirklichen Entwicklung ist“, möchte tätig werden. Er sucht sich seine eigenen Handlungsfelder und entdeckt im beiläufig Unscheinbaren Mächte des Bösen. Spurenelemente von – in alphabetischer Reihenfolge – Chauvinismus, Faschismus und Rassismus werden in Chain Reaction Brutkästen so hochgezüchtet, dass sie als gefährliche Ungeheuer erscheinen. Wenn man schon nichts tun kann, so kann man doch gendern und geistlos Verschwörungstheorien über Verschwörungstheorien entwickeln. Gegen das dumpfe Gefühl klaustrophobischer Beklemmung werden antifaschistische Schutzwälle errichtet, die sich neuerdings auch Brandmauern nennen. Die Avantgarde des Guten kämpft für die Freiheit – z.B. für die, sein Geschlecht schon in frühen Jahren selbst zu bestimmen –, aber gegen eine unbedingte Freiheit des Widerspruchs. The right to be wrong gilt als Unrecht der Desinformation. Wer anders denkt, leugnet. Das hat alles nichts mit den Wirkkräften zu tun, die Kakanien zerstören, nichts mit dem sogenannten „Hauptwiderspruch“. Die Avantgarde „verschanzt sich“ dagegen „wie in einem Turm, der im Reisehandbuch drei Sterne hat“ oder jedenfalls bekommen will.
Kakanien wird nicht an den Leugnern zerbrechen. Am Ende wird geschossen und gebombt, überwacht und gegängelt. Der Ungeist setzt sich mit aller Macht durch – und wird sicherlich von neuen, zeitgemäßen Parallelaktionen begleitet.
[1] Karl Marx, Zur Kritik der Politischen Ökonomie (1859), in: MEW Bd 13, S. 9.