Inside Kakanien I 25: Wir brauchen eine Parallelaktion – also auch eine große Idee

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Nicht selten brauchen auch Ehen eine Parallelaktion. Das Glück eines gemeinsam zu führenden Lebens verblasst schnell. Lustlosigkeit legt sich über die einander Anvertrauten. Männer haben ihre Geschäfte, ihre beruflichen Karrieren oder politische Ambitionen. Das eheliche Zusammenleben wird ihnen zu stabilisierenden Begleitumständen, zu einer mehr oder weniger erträglichen Nebensache. Wer das – wie viele Frauen – nicht kann, der braucht eine Parallelaktion, getragen von einer großen Idee, die die jugendlichen Hoffnungen wieder aufwecken kann, „etwas Ursprüngliches“, das „einstmals“ in ihr gewesen war. Es setzt im eigenen Haus an und strahlt global aus. Die „Tafel“ um die Ecke und die „Zero Waste“ Initiative des Unverpackt-Ladens – an beidem beteiligt sie sich und versteht das wohl nicht zu Unrecht als Aktion für Eine Welt des fair trade und ein Klimaschutzprogramm. Aber auch die Kultur will gefördert werden als aktive Förderin des Kunstvereins und des heimischen Kunst- und Geschichtsmuseums. Man bemüht sich ums Verständnis der für viele ziemlich unverständlichen Avantgarde und um die Bewahrung des klassischen Kulturerbes. Auch hier tun sich grundsätzliche Fragen auf, die über die Beengtheit des alltäglichen Lebens hinausgehen. Der ordo amoris, der sich in Gleichgültigkeit vernebelt hat, wird durch universalisierte moralische Ambitionen aufgehoben.

Eine/r muss beginnen, die Welt zu retten – parallel zum eigenen Leben. Und so konnten gelegentlich „unbezeichenbare Stunden“ kommen, „wo sie sich weit und warm fühlte, die Empfindungen beseelter zu sein schienen als gewöhnlich, wo Ehrgeiz und Wille schwiegen, eine leise Lebensberauschung und Lebensfülle sie ergriff, die Gedanken sich weit weg von der Oberfläche nach der Tiefe richteten, selbst wenn sie nur dem Geringsten galten, und die Weltereignisse fern lagen wie Lärm vor einem Garten.

Das wird vom lieben Ehegemahl durchaus gewürdigt: „schön, dass Du was tust“. Und tatsächlich liebt sie „ihren Gatten, aber es mengte sich ein wachsendes Maß Abscheu darein, ja eine fürchterliche Beleidigung der Seele“, der sie sich ausgesetzt sah. Die Parallelaktion sollte neben der Welt vor allem auch das verändern. Doch dafür brauchte es eben die große Idee, die „man“ als groß verstehen kann und deren welt- und lebensrettendes Potential „man“ heben konnte. Solche Ehefrauen – mögen sie Diotima, Ermelinda, Hermine oder einfach nur Susanne oder Gabi heißen – sind „sicher, daß etwas Unvergleichliches geschehen werde“ und rufen „ihre vielen Ideale auf; sie [mobilisieren] das Pathos ihrer Geschichtsstunden als kleine Mädchen, wo sie mit Reichen und Jahrhunderten rechnen gelernt hatte“. Sie tun „überhaupt alles, was man in einer solchen Lage tun muß, aber nachdem einige Wochen in dieser Weise vergangen waren, [mußten] sie beobachten, daß [ihnen] keineswegs etwas eingefallen war.“ Die Notwendigkeit der Parallelaktion geht eben meist der Idee voraus, an der die Welt genesen soll. Wir werden darauf zurückkommen müssen.

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