Inside Kakanien I 24: Bildung

image_pdf

Der Staat lebt nicht von Macht allein. Die Macht muss sich legitimieren. Die Mächtigen haben große Ideen und vertreten eine strenge Moral. Natürlich legitimiert Moral fast nichts, was die rechtliche Struktur des Staats, seine Verwaltung, seine wirtschaftlichen Verhältnisse und seine militärische Macht ausmacht. Aber man hält sie hoch – und erklärt alles andere mit einem Sinn fürs Wirkliche, der von der Moral nicht tangiert wird. Die Mächtigen sind „von Verantwortung durchdrungen“. Aber natürlich kann man sich nicht vorstellen, dass Börsen und Fabriken nach moralischen Grundsätzen zu leiten sind. Hier gelten eben andere Regeln. Wer „den Vortrag seines Wirtschaftsdirektors“ hört, „der ihm zeigte, daß in Verbindung mit einer ausländischen Spekulantengruppe ein Geschäft besser zu machen sei als an der Seite des heimischen Grundadels, so mußte [man] sich in den meisten Fällen für das erste entscheiden, denn die sachlichen Zusammenhänge haben ihre eigene Vernunft, der man sich nicht einfach nach Gefühl entgegenstellen kann, wenn man als Leiter einer großen Wirtschaft die Verantwortung nicht für sich allein, sondern auch für ungezählte andere Existenzen trägt. Es gibt etwas wie ein fachliches Gewissen, das unter Umständen dem religiösen [und moralischen] widerspricht“. Das alles relativiert aus Sicht der Mächtigen natürlich die Moral nicht. Sie spielt nur eine andere Rolle. Wer sie hat, darf auch gegen sie handeln, wenn es die Sache einfach bedarf. Die Moralischen dürfen eigentlich alles – auch Grundrecht aufheben, denn sie sind ja … eben moralisch. Sie sind „auch jederzeit bereit, dies in öffentlicher Herrenhaussitzung zu bedauern und die Hoffnung auszusprechen, daß das Leben zu der Einfachheit, Natürlichkeit, Übernatürlichkeit, Gesundheit und Notwendigkeit der [moralischen] Grundsätze wieder zurückfinden werde.“ Das ist – wie Musil recht plastisch schreibt – wie wenn man einen Kontaktstöpsel herausgezogen hätte“ und alles nun eben „in einem anderen Stromkreis“ fließen musste. „Übrigens geht es den meisten Menschen so, wenn sie sich öffentlich äußern“ – sie sagen die Unwahrheit. Und wollte man den an ihrer Verantwortung schwer tragenden Mächtigen und ihren willfährig überzeugten Helfershelfern vorwerfen, dass sie für ihre Person täten, was sie „in der Öffentlichkeit“ bekämpfen, so würden sie das „mit heiliger Überzeugung als das demagogische Gerede von wieglerischen Elementen gebrandmarkt haben, die von der ausgebreiteten Verantwortlichkeit des Lebens keine Ahnung besäßen.“ Querdenker sozusagen. Natürlich ist ihnen klar, „daß eine Verbindung zwischen den ewigen Wahrheiten und den Geschäften, die so viel verwickelter sind als die schöne Einfachheit der Überlieferung, eine Angelegenheit von größter Wichtigkeit darstelle“ und dafür verweisen sie auf die „vertiefte bürgerliche Bildung; mit ihren großen Gedanken und Idealen auf den Gebieten des Rechts, der Pflicht, des Sittlichen und des Schönen“, die sie natürlich niemals anstreb(t)en. Wer heute für Bildung eintritt, weiß in der Regel nicht, was er eigentlich will. Er will für seine Kinder Bildung, die er für sich für ersetzbar hält. Musils Mann ohne Eigenschaften gehört dazu wie Goethes Wahlverwandtschaften oder Ovids MetamorphosenEr oder sie kanns natürlich googlen und sich damit up-to-date bringen. Ich nehme mal an, dass viele der Bildungsbeflissenen ein Netflix-Abo haben und Ovid für eine Mundspülung oder eine andere hygienische Maßnahme halten. Ihre Kids sollen mit Holzspielzeug spielen – vermutlich ein Surrogat für Bildung – und bekommen strenge Auflagen beim Seriengucken – weil sie anders als die gebildeten Eltern, damit noch nicht so recht zurecht kommen. Gut, das ist ein Vorurteil eines Kulturpessimisten, das sich vermutlich aus einer zu großen Distanz zu unseren Qualitätsmedien speist.

Schreibe einen Kommentar