Inside Kakanien I 20: Überraschend wirklich

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Ein deutscher Milliardär aus dem Immobilienbereich beschrieb seine Situation einmal ohne große Allüren und ohne erkennbares Bestreben, sich wichtig zu machen, so: wenn er sich mit dem Wagen von Hamburg nach Berlin chauffieren lässt und dabei kontinuierlich Geldscheine aus dem Fenster schmisse, käme er in Berlin dennoch als reicherer Mann an als er Hamburg verlassen habe. Es ergibt sich einfach von selbst.

Das gilt für die politische Gesellschaft auch fürs symbolische Kapital. Hat man den Zugang zu „bestimmten Kreisen“ einmal erlangt, kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Das gilt vor allem für Gesellschaften, die durch starke Hierarchien und geringe Durchlässigkeit zwischen den Schichten gekennzeichnet sind. Ist man erstmal am Hof, dann muss man nicht mehr viel tun. Man muss sich so wenig beweisen wie der Hof selbst. Man herrscht nicht auf Grund seiner Leistung – wo kämen wir da hin, sondern auf Grund seines „Standes“, dem Ort im gesellschaftlichen Haus, zu dem man Zugang erhalten hat. Man herrscht, weil man Teil des herrschenden Man ist.

Der Zugang zum Herrschaftssalon führt durch viele merkwürdig leere Zimmer und Säle, deren Sinn einem verborgen bleiben. Werden wir einmal bei einem der modernen gräflichen Herrscher vorgelassen ohne dass er uns zu einem Lakaien-Dienst oder einem anderen Bullshit-Job beauftragt hätte, will er uns als jemanden betrachten, der seinen Hofstaat durch junges Blut und ein neues Gesicht erweitert. Die Konversation richtet sich auf Dinge, die jenseits der Geschäfte liegen: die werte Mama, Ausstellungen oder Urlaubsziele. Sollte man nun, nicht durch geschäftliche Gier getrieben und gleichsam interesselos über die schönen und manchmal auch recht nebensächlichen Dinge zu reden verstehen, dann steht einer gemeinsamen Zukunft nichts mehr im Wege. Man wird mit einem „virtuellen“ Empfehlungsschreiben an die Herzöge der Macht entlassen, in denen Sätze wie dieser stehen: „Wir dürfen hoffen, einen tatkräftigen und feurigen Helfer gefunden zu haben.“ Wir kommen uns dann „wie ein Kind vor, das man verabschiedet, indem man ihm ein Stückchen Schokolade ins Händchen preßt“. Ohne seine Zustimmung zu irgendeiner Vereinbarung gegeben zu haben, ist man nun doch Teil des Spiels: es ist „eine hinterlistige Einfachheit der Einrichtung“. Wir meinen, „sie mache auch jetzt keinen Eindruck auf“ uns und das sei „bloß eine nicht weggeräumte Welt. Aber welche starke, sonderbare Eigenschaft hatte sie [uns] doch fühlen lassen? Zum Teufel, man konnte es kaum anders ausdrücken: sie war einfach überraschend wirklich“.

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