Inside Kakanien I.11: Der mathematische Teufelspakt

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Alles ist Zahl“ ist einer dieser vorsokratischen „Grundsätze“, die Antwort auf die Frage geben wollen, was die Welt im Innersten zusammenhält. Er wird den Phytagoräern zugeschrieben und unterscheidet sich trotz der Ähnlichkeit doch entscheidend von Sätzen wie „Alles ist Wasser“ (Thales) oder „Alles ist Luft“ (Anaximenes). Er besagt nicht, aus was etwas (oder alles) letztlich ist, sondern wie das, was ist, beschrieben und verstanden werden kann. Der Kosmos, die Ordnung der Dinge im Ganzen, ist wie die Harmonie der Töne durch Zahlen und ihre Verhältnisse beschreibbar. Mathematische Erkenntnisse sind zwar auf alles in der Welt anwendbar, kommen aber aus einer anderen als der „natürlichen“ Welt: seit jeher hoben die Mathematiker hervor, dass es „wirkliche“ Dreiecke in der Wirklichkeit eben nicht gäbe. Die „natürlichen“ Dreieck sind mit „Wirklichkeit“ verschmutzte Dreiecke. Mathematik ist keine Naturwissenschaft. Das „wahre“ Dreieck existiert nur im Geist der Mathematik.

Gerade dieser Geist durchherrscht unsere Welt, insbesondere unsere technisch geprägte Welt. In der Mathematik „liegen die Quellen der Zeit und der Ursprung einer ungeheuerlichen Umgestaltung“. Sie ist der Geist im „Ingenieurswesen“ der Welt. „Man braucht wirklich nicht viel darüber zu reden, es ist den meisten Menschen heute ohnehin klar, daß die Mathematik wie ein Dämon in alle Anwendungen unseres Lebens gefahren ist.“ Das macht sie nicht bei allen beliebt. Der common sense findet die „Weltferne“ und „Eigensinnigkeit“ der mathematischen Dinge befremdlich und lebensfremd. Und die Welt scheint sich gerade an diesen befremdlichen „Geist“ – gleich einem Teufelspakt – verschrieben zu haben: „die Mathematik, Mutter der exakten Naturwissenschaft [und] Großmutter der Technik“ ist eben auch „auch Erzmutter jenes Geistes […], aus dem schließlich Giftgase und Kampfflieger aufgestiegen sind.“ 

Aber ihre Lebensferne und Idealität macht sie nicht selten für große Geister attraktiv. Und auch, dass sie bei den „Vielen“ oder gar den meisten unbeliebt ist und auf Unverständnis stösst, macht sie für wenige umso interessanter. Vom Musilschen Helden „konnte man mit Sicherheit das eine sagen, daß er die Mathematik liebte, wegen der Menschen, die sie nicht ausstehen mochten. Er war weniger wissenschaftlich als menschlich verliebt in die Wissenschaft. Er sah, daß sie in allen Fragen, wo sie sich für zuständig hält, anders denkt als gewöhnliche Menschen.“ Das könnte mich natürlich auch für sie gewinnen!

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