Ich bin keine andere Rasse …

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Charly Graf

Waldhof Mannheim gilt als ein „schwieriges“ Viertel. Das sagen die, die niemals dort leben mussten. Einer, der genau weiß, wie es ist, dort aufzuwachsen, ist Charly Graf. Er weiß, 1951 als „schwarzes Besatzungskind“ dort geboren, dass „schwierig“ aussichts- und ausweglos heißt. Die Mutter wird vom Vater, einem „schwarzen“ GI, kurz nach der Geburt verlassen und weiß nicht wie sie sich und den Kleinen durchbringen soll. Sie leben im Barackenviertel, den Benz-Baracken, dem „Waldhof“ von Waldhof Mannheim. Seine Mutter ist ratlos wie sie sich und den Kleinen durchbringen soll. Die Empfehlung Charly dem Jugendamt zur Adoption zu übergeben lehnt sich kategorisch ab. Sie schlagen sich durch – sie mit vielen „Männergeschichten“, er wörtlich, er wird Boxer – und wohl auch Schläger. „Ich musste nur kämpfen, es war immer ein Kampf“, sagt er, und wir ahnen sehr gut, was das meint. Vor allem mit der dunklen Hautfarbe und der allgegenwärtigen Diskriminierung als „Neger“-Kind. Flehentlich bittet er seine Mutter, „bitte creme mich doch mit einer Creme ein, dass ich genau so weiß werd wie die anderen.“ Aber die Mutter kann keine Wunder vollbringen, ist vom Leben selbst schwer gezeichnet. Es bleibt für ihn nur, seine Wut zu kanalisieren, im Boxen und in der Verstrickung in kriminellen Machenschaften, die sich im „Milieu“ leicht anboten. Charly Graf spricht ganz offen vom Haß, der ihn im Innersten erfasst und zu rücksichtsloser Brutalität motiviert hatte. Beim Boxen findet er Anerkennung. Er wird richtig gut. Gilt als das größte Box-Talent Deutschlands. Man nannte ihn „Ali vom Waldhof“ oder auch „Cassius Clay vom Waldhof“ – und tatsächlich erkennt man Ähnlichkeiten in Aussehen und Bewegung. Nach ersten großen Erfolgen stürzt er endgültig ins Mannheimer Rotlichmilieu ab. Er macht „Karriere“ als Zuhälter und in der Glücksspiel-Kriminalität und zeichnet sich weiterhin durch ungeheure Aggressivität und Brutalität aus. Insgesamt sitzt er 10 Jahre in Haft und ist auch dort alles andere als ein ruhiger Häftling.

Schließlich wird er nach Stuttgart-Stammheim verlegt. Dort sitzt Peter-Jürgen Boock, Mitglied der RAF und wegen Mitwirkung an der Entführung und Ermordung von Hanns Martin Schleyer und Jürgen Ponto zu mehrfach lebenslanger Haft verurteilt. Man führt die beiden zusammen, wohl auch um Boock zu zeigen, wie hart das Gefängnisleben sein kann. Und die Rechnung scheint aufzugehen: beide berichten übereinstimmend von den ersten „hochgefährlichen“ Begegnung. Die erste Reaktion Grafs: dieser Zwerg braucht eine aufs Maul. Aber dieser Zwerg scheint keine Angst zu kennen. Boock sagt Graf „auf gleicher Augenhöhe“, was er von ihm hält. Er schafft es, den großen Wilden zu zähmen – durch Respekt und Offenheit. Zwei finden sich. Aggressive Hundert und irgendwas Kilo treffen auf dünne Buchstaben, auf fremden Sinn. Sie werden Freunde – und sind es bis heute.

Das war so nicht beabsichtigt und Charly Graf wird schließlich nach Ludwigsburg verlegt. Die beiden sind fassungslos. Aber Boock rät Charly Graf auf seine Stärken zu setzen und damit ein neues Leben zu beginnen. Was konnte das anders bedeuten als zu kämpfen? Charly Graf beginnt im Gefängnis wieder zu trainieren und überzeugt die Leitung des Strafvollzugs und externe Boxveranstalter, wieder in einem offiziellen Boxkampf antreten zu können. In einem aufsehenerregenden Kampf, der unter der strengen Bewachung von Justizbeamten (Graf wurde in Handschellen in den Ring geführt), besiegt er zunächst den unbesiegten Holländer van den Oetelaar und wird schließlich drei Monate später Deutscher Meister gegen den ebenfalls noch unbesiegten Claasen.

Graf ist im siebten Himmel. Sein Leben scheint sich zu wenden. Jedenfalls war es eine Sensation, die von der Box-Industrie vermarktet werden will. Er bekommt weitere Kämpfe und gewinnt. Schließlich tritt er erneut gegen Claasen an. Dabei soll es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, jedenfalls wird Claasen der Sieg nach Punkten zuerkannt, obwohl alle Beobachter Charly Graf klar im Vorteil sahen. Jahre später räumt auch Claasen seine Niederlage ein und übergibt Graf den „Meistergürtel“,

Aber der Bann ist gebrochen. Graf wird nicht rückfällig. Es folgt die radikale Änderung seines Lebens. Er wird vom strafgefangenen, schwer gewalttätigen Zuhälter zunächst zum „Kuhtreiber“ im Allgäu und schließlich zum Sozialarbeiter in seiner alten Mannheimer „Heimat“. Dort versucht er, Jugendlichen erfahrbar zu machen, dass ihr Leben zählt. Black Live Matters – auch in Waldhof.

Ein Terrorist wird Sozialarbeiter. Und das Opfer gewalttätiger Verhältnisse, das selbst zum brutalen Täter wurde, folgt ihm nach. In einer Dokumentation des NDR wird der Lebensweg Charly Grafs eindrucksvoll nachgezeichnet. Es ist wirklich erschütternd den „Kämper“ im Kampf gegen sich selbst zu sehen, seine Depression und gegen die Welt, die ihn zu dem gemacht hat, was er nicht sein will. „Ich bin keine andere Rasse … ich bin ein Mensch“.

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