An die Wahrheit glauben – simul quaeramus verum

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Martin Luther als Augustinermönch

Hier stehe ich und kann nicht anders“, dieser Ausspruch wird Martin Luther (1484-1546) zugeschrieben, der damit 1521 auf dem Reichstag zu Worms den Widerruf seiner Lehre verweigert haben soll. Er war geladen worden, um seine Thesen zu widerrufen. Luther selbst reiste in dem irrigen Glauben nach Worms, er könne dort öffentlich über seine Thesen disputieren. Er wollte sich nur überzeugen lassen, wenn ihm durch die Bibel bewiesen werde, dass seine Lehre falsch sei.

Karl V.

Karl V. reagierte empört: “Es ist sicher, dass ein einzelner Mönch in seiner Meinung irrt, wenn diese gegen die der ganzen Christenheit steht, wie sie seit mehr als tausend Jahren gelehrt wird.” Es wäre in der Tat ziemlich absurd gewesen, wenn der Kaiser seine Rolle als Herrscher des Reichs mit der eines disputierenden Theologen getauscht hätte. Der Kaiser entscheidet nicht über Theologie und die Theologen nicht über das Reich. Die Sache war also für den Kaiser bereits entschieden – und zwar durch die „zuständigen Stellen“ oder das für theologische Fragen etablierten Verfahren der Urteilsfindung. „Die“ Theologie hatte mit kirchlicher Autorität bereits gesprochen. Karl V. würde das heute „Follow the Science“ nennen.

„Die“ Theologie – also die katholische

Katholische Christen beharren vermutlich noch heute darauf, dass „die“ Theologie weitgehend richtig entschieden hat. Evangelische Theologen und Gläubige dagegen kritisieren die „Wahrheitsfindung“, auf die sich Karl V. verließ, als „eine“ falsche Theologie, die nun eine neue, richtige Form gewonnen hat.

Der Augustiner-Mönch Luther kannte vermutlich auch ein Werk des Heiligen Augustinus (354-430), das für diesen – noch ziemlich aktuellen Streit – bedeutsame Überlegungen beiträgt. Sie handelt Über den Nutzen des Glaubens, De utilitate credendi. In vielem folgt Luther „seinem“ Augustinus und wird auch in dieser kleinen Schrift von 391/2 viel, wenn auch nicht alles, richtig gefunden haben. In De utilitate credendi geht es weniger um den Glauben als vielmehr um das Glauben. Wir glauben Personen und wir glauben etwas, weil wir Personen glauben, die uns glaubwürdig versichern, dass es sich so verhält. Dass Augustinus sich damit beschäftigt, hat nicht zuletzt einen biografischen Grund. Er gehörte zunächst den Manichäern an, einer Ausprägung christlichen Glaubens, die er dann später als Häretiker bekämpft hat. Die Schrift richtet sich nun an einen alten Freund, den er zu Jugendzeiten zum Manichäismus gebracht hat und den er nun von der Falschheit der manichäischen Theologie überzeugen will. Die Manichäer setzen auf Verstandeseinsicht und wollen nichts anerkennen, das sich durch den Verstand erschließt. Sie lehnen – so jedenfalls stellt es Augustinus dar – die katholische Lehre ab, dass Glauben der Verstandeseinsicht „notwendig“ vorausgeht und diese allererst ermöglicht. Augustinus formuliert die manichäische Vorstellung zugespitzt so: „Es ist eine Schande, jemanden ohne vernünftige Einsicht zu glauben.[1]

Glauben, Meinen, Wissen

Augustinus.

Natürlich geht es auch um den Glauben. Philosophisch bedeutsam – und vielleicht sogar politisch aktuell – ist das Verhältnis von Glauben, Meinen und Wissen. Wissen (intellegere) ist gesichertes Für-wahr-halten, nämlich durch evidente Gründe. Glauben (credere) hingegen ist ein Für-wahr-halten, das von sich weiß, dass es kein sicheres Wissen hat, und sich aus dem Vertrauen zu anderen Personen speist. Meinen, opinari, soll demgegenüber ein vermeintliches Wissen bezeichnen, ein Für-wahr-halten, das über keine evidenten Gründe verfügt, diese aber gleichwohl zu haben meint. Das Meinen in diesem Sinne (opinari), es ist wohl wie in der Übersetzung eher von einem „eingebildeten Wissen“ zu sprechen, weiß nicht um die eigene Unsicherheit und hat keinen Grund an sich zu zweifeln. Sie hält das Ungewisse für gewiss. Der Glauben hat dagegen den Vorzug, um die eigene Schwäche zu wissen, und dieses Wissen, macht seine tatsächliche Stärke aus. Glauben heißt nicht wissen, aber es geht dem Wissen voraus und bereitet ihm den Weg. Die Vorstellung man könne auf Glauben verzichten und direkt zum Wissen gelangen, ist aus mehreren Gründen falsch. Dem Wissen geht immer das Glauben voraus. Für das, was uns lebensweltlich glaubwürdig scheint, können wir gegenüber Zweifeln rational begründen und zwar unter Rückgriff auf etwas, das seinerseits glaubwürdig ist. Argumentieren heißt eben nichts anderes als Unglaubwürdiges mit Glaubwürdigen glaubwürdig zu machen. Jede Erziehung – auch die zur Mündigkeit – und jede Sozialisation setzt in diesem Sinne ein ungesichertes Fürwahrhalten voraus, das wir aus dem Vertrauen zu anderen Personen gewinnen. Augustinus verweist auf das Verhältnis zu den eigenen Eltern, von denen wir nicht wissen, ob sie tatsächlich unsere Eltern sind.[2] Die Liebe zwischen Eltern und Kind, Augustinus nennt es „das heiligste Band unter den Menschen“ wäre ohne Glauben nicht möglich.[3] Und auch Freundschaft, die für das „soziale Wesen“ Mensch so grundlegende Bedeutung hat, wäre unmöglich: „Denn wenn man ausschließlich das glaubt, was aufgrund gesicherter Vernunfteinsicht bewiesen werden kann, gibt es überhaupt keine Freundschaft.[4] Und so folgert Augustinus, dass „nichts in der menschlichen Gemeinschaft unversehrt“ bliebe, „wenn man sich entschließt, nichts zu glauben, was man nicht als sichere Gewißheit vor Augen hat“.[5]

Autorität

Wissen (intellegere) gründet auf Verstand (ratio), Glauben (credere) auf der Autorität (auctoritas) dessen, dem man glaubt. Autorität kommt Personen zu.[6] Sie wird ihnen zuerkannt, weil ihnen mehr Einsicht zugesprochen wird als man selbst zu haben glaubt. Sie kann nicht verliehen werden. Amtspersonen genießen nicht automatisch Autorität.

Autorität leitet sich ab vom lateinisch augere, vermehren, steigern, bereichern. Etwas wächst und verbreitet sich, ohne dass dafür etwas getan werden müsste. Sie hat normative Wirkung und verleiht eine selbstverständliche Geltung. Wir unterstellen uns ihr ohne zu diskutieren.

Glauben ist kein Aberglauben

Autorität hat insbesondere seit der der Aufklärung einen schlechten Ruf. Die Aufklärung richtet sich nicht zuletzt gegen die religiöse Überlieferung des Christentums und der in ihr behaupteten unbezweifelbaren Gültigkeit der Heiligen Schrift. Wir sollen uns unseres eigenen Verstandes bedienen und uns nicht auf den Verstand eines anderen verlassen. Die Wahrheit „heiliger“ Texte muss sich verständig erweisen und begründen lassen.

Die schlichte Opposition von Vernunft und Glauben wird freilich weder der Vernunft noch dem Glauben gerecht. Der Glaube wird ihr zum Aberglauben, dem ihr eigentlicher Widerstand gilt. Glauben ist aber selbst ein Akt der Vernunft. Und Autorität beruht – wie Hans-Georg Gadamer formuliert – „auf Anerkennung und insofern (!) auf einer Handlung der Vernunft selbst, die, ihrer Grenzen inne, anderen bessere Einsicht zutraut.[7] Die Anerkennung richtet sich auf Erkenntnis und damit auf etwas, was grundsätzlich eingesehen werden kann. Autorität begründet keine blinde, unbedingte Gefolgschaft. Jemand gewinnt Autorität und kann sie auch wieder verlieren. Eine Form der Autorität, die das zeigt, ist die Tradition. Tradition bestimmt unsere Lebenswelt. Sie formt sie freilich nicht wie eine Naturkraft, der wir ausgesetzt wären. Sie muss angenommen und gepflegt werden. Sie prägt uns zwar noch in unserer Abwendung von ihr – denn von was sollten wir uns abwenden, wenn sie uns nicht begegnet wäre und ihren Anspruch geltend gemacht hätte. Aber wir können uns abwenden und es liegt doch wesentlich an uns, sie anzuerkennen, aufzugreifen und fortzuführen oder sich von ihr (in Teilen) zu distanzieren und ihre Ansprüche abzuweisen.

Glauben, der auf Vertrauen und Autorität beruht, ist kein Gegensatz zur Vernunft. Was wir einer Person auf Grund ihrer Autorität glauben, das kann auch eingesehen werden. Wir anerkennen eine Person wegen ihrer Einsicht, die sie uns voraushat. Damit ist nicht gesagt, dass wir alles, worin uns Autoritäten übertreffen auch einsehen müssten oder könnten – wir müssen keine Einsteins werden, aber das, was Autoritäten einer Wissenschaft vorschlagen, muss doch durch die Wissenschaftsgemeinde nachvollzogen werden (können). „Man muß zunächst das glauben, was man später erst erfaßt und einsieht, wenn man sich sittlich gut verhalten hat und würdig geworden ist, kurz, man muß sich der strengen Herrschaft einer Autorität unterwerfen.[8]

Vom Schüler zum Lehrer

Wie aber gewinnen wir Vertrauen zu Menschen und dem was sie sagen? Man kann sich in Menschen ja täuschen und wen wir für eine Autorität hielten, der kann sich als Blender herausstellen. Augustinus verhandelt das am klassischen Beispiel des Schülers auf der Suche nach dem richtigen Lehrer. Wer etwas lernen will, braucht jemanden, einen Lehrer, der Wissen hat und es vermag, sein Wissen zu vermitteln. Schüler aber suchen Lehrer, ohne doch zu wissen und wissen zu können, welche die richtigen sind.

Erfolgsbedingung fürs Lernen und Lehren ist gegenseitiges Vertrauen. Schüler, so sagt Augustin sehr entschieden, sind sittlich verpflichtet (!), ihren Lehrer zu glauben. Können Sie es nicht, dann müssen (!) sie wahrhaftig die Schule verlassen. Augustinus begründet die sittliche Verpflichtung des Schülers aber weniger als Bedingung der Möglichkeit des Lehr- und Lernerfolgs, sondern sittlich. Der Schüler ist zum Glauben verpflichtet, weil (!) der Lehrer Vertrauen in ihn setzt und die Wahrhaftigkeit des Schülers, etwas wirklich lernen zu wollen, wiederum nur glauben kann. Der Lehrer kann die Motive des Schülers nicht wissen, er kann sie nur glauben. Auch der Lehrer – das führt Augustinus nicht eigens aus – muss dem Schüler wahrhaftig vertrauen, d.h. zum Beispiel davon ausgehen, dass ihm der Stoff vermittelt werden kann und der Schüler vom erworbenen Wissen den (sittlich) richtigen Gebrauch macht. Die sittliche Verpflichtung von Schüler und Lehrer ergibt sich durch die wechselseitige Anerkennung der Personen und ihrer Wahrhaftigkeit.

Es bleibt freilich die grundlegende Schwierigkeit bei der Auswahl des Lehrers: Der Unwissende kann aus eigener Einsicht keine begründete Wahl treffen. Und doch muss entschieden werden. Er muss dem richtigen Lehrer Vertrauen schenken. Augustinus warnt ausdrücklich vor Leichtgläubigkeit (credulitas, credulum esse), die er vom Glauben (credere) unterscheidet.[9] Der Glaube hat einen Grund, nämlich in der Autorität dessen, dem er glaubt. Und jemanden Autorität zuzusprechen, dafür gibt es gute Gründe: „Diese Autorität nun beeindruckt uns durch zwei Mittel … zum einen durch Wunder, zum anderen durch die große Zahl der Anhänger.[10]

Dass Wunder Autorität stiften hat keine große Bedeutung mehr. Wer Erstaunliches vollbringt, den mögen wir bewundern und aus dieser Bewunderung mag ihm Autorität zuwachsen. Das zweite Kriterium ist von größerer Bedeutung und führt zur Forderung der katholischen Kirche ihren Lehraussagen zu glauben, noch bevor sie eingesehen werden können. Die katholische Kirche verdiene Autorität und der Glaube an ihre Lehraussagen ist „der erste, notwendige Schritt“. Wodurch kommt ihr diese Autorität zu? Durch ihre Stärke. Was den Glauben angeht, so gilt für Augustinus – man mag es kaum glauben – die schiere Quantität: dem katholischen Glauben ist zu folgen, „denn es gibt bereits mehr Christen als Juden und Götzenanbeter zusammengenommen“.[11]

Einer Person (oder Organisation von Personen) ist also zu glauben, weil viele ihr glauben. Über die Qualität der Person entscheidet die schiere Quantität derer, die ihr vertrauen. Das ist für antike – vor allem platonische – Geister eine Provokation. Das weiß auch der neuplatonistisch gesonnene Augustinus. Die Weisen stehen den „Vielen“ gegenüber und heben sich von ihnen ab. Die antike Philosophie ist weitgehend von einem „aristokratischen“ Wissensideal geprägt.[12] Aber nach Augustinus läuft der (platonische) Einwand leer, dass nur wenige die Wahrheit finden. Er setzt nämlich voraus, dass wir wüssten, was Wahrheit material ist, also welche Behauptungen als wahr gelten dürfen. „Aber nehmen wir an, daß Du allein aus dem Wesen der Wahrheit schließt, nur wenige seien in ihrem Besitz, daß Du aber nicht weißt, wer sie sind.[13] Auch dann könnten sie (zunächst) nur durch Autorität überzeugen, eine Autorität, die Augustinus zur unantastbaren Autorität der Vorfahren steigert.[14]

Der Umstand, dass „die Vielen“ einige wenige als Weise auszeichnen, von denen sie glauben, dass sie mehr als sie selbst und das Richtige wissen, disqualifiziert nicht die Autorität derer, die so genannt werden. Wir folgen nicht „den Vielen“, sondern den wenigen, die sich darin als Weise auf Dauer hervortun. Die Wahrheit entdeckt sich mit der Zeit. Die Evidenz hat selbst „autoritäre“ Züge. Sie zeigt sich als vorrangig.

Der unerfahrene Schüler muss bei seiner Suche nach dem richtigen Lehrer auf die Hilfe anderer setzen, denen „man“, nämlich die „herrschende Meinung“ diese Auswahl mehr zutraut als sich selbst. Einige nämlich zeichnen sich dadurch aus, „daß sie weithin Ansehen genießen und daß sie sich bei nahezu allen Völkern durchgesetzt haben. Ob sie die Wahrheit besitzen, das ist die große Frage. Aber muss man nicht eher bei ihnen nachforschen?“.[15] Natürlich können sie irren. Aber wenn sie irren und wir, die wir ihrem Rat folgen mit ihnen, dann würden wir „mit der gesamten Menschheit irren“.[16] Das freilich ist auf Dauer ausgeschlossen –bei Augustinus durch den Glauben an den Heiligen Geistes ohne den die Suche nach Wahrheit/Weisheit und Gott unmöglich wäre: „Denn wenn Gottes Vorsehung nicht die menschlichen Geschicke lenkt, braucht man sich um Religion nicht zu kümmern. … man darf die Hoffnung nicht aufgeben, daß dieser Gott eine Autorität eingesetzt hat, auf die wir uns wie auf eine sichere Stufe stützen können, um zu Gott emporzusteigen.[17] Philosophisch wird diese Unterstellung eines „heiligen Geistes“ und das heißt der Wahrheitsfähigkeit des menschlichen Verstandes z.B. durch die Unhaltbarkeit des Gegenteils begründet: allumfassende und unausweichliche Verblendung ist ein performativer Widerspruch.

Zurück nach Worms und in die Gegenwart

Glauben ist notwendig, nicht zuletzt fürs Wissen. Anselm von Canterbury (1033-1109) wird daraus das Programm credo ut intelligam formulieren, ich glaube um zu wissen.[18] Ziel des Glaubens ist Wissen, das Da-sein-lassen des Wirklichen, die wirkliche Begegnung mit dem, was ist. Glauben zielt auf Einsicht und setzt dabei auf die Autorität, die sich auf Wunder und „der Menge ihrer Anhänger“ gründet. Darauf „Auf keines von beiden ist der Weise angewiesen, das bestreitet niemand.[19]

Wissen ist also vorrangig. Aber Wissen findet sich als Anspruch auf Wissen und dieser Anspruch kann fehlgehen. Wissen steht immer in der Gefahr nur „eingebildetes Wissen“ (opinari) zu sein. Wissen muss sich beweisen. Der Glaube hingegen weiß um seine Schwäche, er weiß, dass er „autoritär“ ist und deshalb geht es ihm darum, zur wirklichen Einsicht zu kommen.

Reichstag Worms 1521

Wenn wir zurück auf den Reichstag in Worms gehen, dann stehen sich mit Luther und der Theologie der Katholischen Kirche zwei Ansprüche auf Wahrheit entgegen. Karl V. folgt ganz zurecht der Autorität der Wissenschaft, aber genau diese Autorität wird nun in Frage gestellt. Was für ihn verlässlich scheint, das tut es für einen Teil seiner Untertanen, vertreten durch diesen Augustinermönch nicht mehr. Der theologische Anspruch auf Wahrheit, den der Kaiser sachlich gar nicht beurteilen kann, ist eben „nur“ ein Anspruch, dessen Autorität nun wieder glaubhaft hergestellt werden muss. Der Kaiser muss die theologische Frage, die Luther fälschlicher Weise auf dem Reichstag diskutieren wollte, an die Theologen zurückdelegieren. Alles politische Handeln muss der Einsicht folgen, dass die andere Seite Recht haben könnte und die Frage nach der Wahrheit nicht politisch beantwortet werden kann und darf (!). Wäre es nur „ein einzelner Mönch gewesen, hätte es keines Reichstags bedurft, der die Entscheidung bringen soll. Es wird geleugnet, dass es ein Problem gibt – die Autorität der Theologie soll als unangetastet gelten – und doch will der Kaiser mit großer Inszenierung eine politische Entscheidung herbeiführen. Autorität lässt sich nicht erzwingen oder politisch verordnen. Ging sie verloren, muss sie zwanglos wiederhergestellt werden. 

Augustinus führt das im Dialog selbst vor. Er darf bei seinem Versuch, seinen manichäischen Gesprächspartner und Freund (!) zu überzeugen nichts (als wahr und richtig) voraussetzen, was dieser nicht von sich her einräumt. Er muss eine gemeinsame Grundlage finden und das heißt, „er muss seinen Anspruch, die Wahrheit bereits sicher erkannt zu haben, zeitweise aufgeben“.[20] Was im freundschaftlichen Gespräch gelingt, das mag im öffentlichen Diskurs bei widerstreitenden Interessen schwieriger sein. Aber wir sollten im Glauben an die Wahrheit immer gemeinsam nach der Wahrheit suchen(simul quaeramus verum) – das zu tun, beschwört uns Augustinus.

 

 

[1] So fasst Hofmann De util. cred. 31 zusammen (Der Kirchenbegriff des hl. Augustinus in seinen Grundlagen und in seiner Entwicklung,1978, S. 81; zit. n. a.a.O., S. 22).

[2] Für Augustinus ist die Elternschaft grundsätzlich kein Gegenstand des Wissens. In Zeiten vor der Gentechnik, war dies tatsächlich nicht möglich. Wir mussten der Mutter vertrauen, wer der Vater und den Hebammen, wer die Mutter ist.

[3] De util. cred. 26: sanctissimum generis humani vinculum

[4] De util. cred. 24: cum et amicitia, nisi aliquid credatur, quod certa ratione demonstrari non potest.

[5] De util. cred. 26: nihil omnino humanae societatis incolume remanere, si nihil credere statuerimus, quod non possumus tenere perceptum.

[6] Organisationen gewinnen Autorität über die Personen, die in ihnen agieren. Eliteuniversitäten genießen den Ruf, herausragende Lehrer und Wissenschaftler zu berufen, deshalb wird einer Professorin der Oxford-University (Rang 1 der Elite-Universtäten weltweit) in der Regel mehr Autorität zugesprochen als einer der TU Braunschweig (nicht gelistet). Das freilich kann täuschen. Die Professorin aus Braunschweig kann für uns nach kurzer Bekanntschaft einnehmend sein, während wir der merkwürdigen Professorin der englischen Elite-Universität nicht grundlos folgen wollen.

[7] Hans-Georg Gadamer, Wahrheit und Methode, Grundzüge einer philosophischen Hermeneutik, 1960, S. 264.

[8] 21: nam vera religio, nisi credantur ea, quae quisque postea, sie se bene gesserit dignusque fuerit, adsequatur atque percipiat, et ominio sine quodam gravi auctoritatis imperio iniri recte nullo pacto potest

[9] Cf. De util. cred. 22.

[10] De util. cred. 34: dupliciter nos movet: partim miraculis, partim sequentium multitudine. Nihil horum est necessarium sapienti – quis negat.

[11] De util. cred. 19: plures enim iam Christiani sunt, quam si Iudaei simulacrorum cultoribus adiungantur

[12] Zum aristokratischen Wissensideal siehe https://www.rhetorik-forum-nuernberg.de/von-der-grausamkeit/

[13] De util. cred. 16: sed si ex ipsa vi veritatis paucos eam tenere coniectas, qui vero sint, nescis

[14] De util. cred. 16: omnes quae maiorum auctoritate firmata sunt

[15] De util. cred. 15: inter hos exellere famae interim celebritate quosdam atque omnium paene eccupatione populorum. Utrum isti verum teneant, magna questio est

[16] De util. cred. 15: cum ipso genere humano errare

[17] De util. cred. 34: si enim dei providentia non praesidet rebus humanis, nihil es de reilgione satagendum. … non est desperandum ab eodem ipso deo autoritatem aliquam constitutam, quo velut gradu certo innitentes adtollamur in deum.

[18] So im Proslogion 1: neque enim quaero intelligere ut credam, sed credo ut intelligam (Denn ich suche nicht zu erkennen, um zu glauben, sondern ich glaube, um zu erkennen) Anselm greift hier direkt auf eine Formulierung von Augustinus zurück, die sich im Kommentar zum Johannesevangelium findet: Credimus ut cognoscamus, non cognoscimus ut credamus (In loa. Ev. tr. 40, 9)

[19] De util. cred. 34: si enim dei providentia non praesidet rebus humanis, nihil est de religione satagendum. … non est desperandum ab eodem ipso deo autoritatem aliquam constitutam, quo velut gradu certo innitentes adtollamur in deum.

[20] De util. cred. S. 43.

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