Ovids Metamorphosen II: Als Europa nach Europa kam

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Würde und Liebe“ (maiestas et amor) kommen nicht zusammen.[1] Wo die eine ist, kommt die andere oft etwas zu kurz. Liebende verhalten sich seltsam. Sie tun aus Leidenschaft Dinge, von denen sie mit gewisser Distanz selbst kaum mehr glauben können, dass sie das gemacht haben. Nicht wenige machen sich zum Affen. Jupiter verwandelt sich in einen Stier, natürlich einen jungen und besonders hübschen. Der „Herrscher der Götter“, „der durch sein Nicken die Welt erschüttert“, mischt sich in neuer Gestalt unter die „königliche Rinderherde“, „muht und spaziert anmutig“ auf der Weide, um die Königstochter Europa zu beeindrucken. Wie er auf die schöne Königstochter aufmerksam wurde erfahren wir nicht. Auch nicht, wie er auf diesen merkwürdigen Plan verfällt, sie als Stier zu gewinnen – oder müssen wir auch das metaphorisch nehmen? Die Verwandlung des Gotts in den Stier als Metapher für sexuelle Potenz und die Übermacht des Triebs.

WIR LESEN OVID
Ovid – WikiCommons

Ovids Metamorphosen sind ein lesenswerter Klassiker. Wir lesen Stück für Stück die fünfzehn Bücher in kleinen überschaubaren Abschnitten. Können wir Philosophisches zur Zeit daraus lernen? Finden Sie’s raus und lesen Sie mit! Das geschah bisher.

Stierrennen 2008

Wer wie ich mal Zeuge eines Stierrennens war, der kann dem Verführungsplan nicht wirklich viel abgewinnen. Die Straßen und Häuser der kleinen Ortschaft mussten für den Durchtrieb der Jungstiere bereits Tage vorher aufwändig durch Stahlgitter gesichert werden. In einer Bar hinter den Stahlstäben gut gesichert, konnte ich als Stadtkind über das befremdlich-gefährliche Schauspiel nur staunen. Die Stiere sprangen mal los, rannten ein paar Schritte, testeten ziemlich entschlossen die Stabilität der Absperrungen und stießen ihre Hörner zwischen die Gitterstäbe. Dabei zitterten nicht nur die Stahlverstrebungen, sondern auch meine Knie. Blieb einer der Stiere stehen und guckte sich um, liefen verwegene Jungs auf die Straße, provozierten sie tanzend und Hände klatschend und mussten schließlich versuchen, sich vor dem heranstürmenden Stier wieder hinter die Gittern zu retten. Das aber wurde dadurch erschwert wurde, dass hinter der Absperrung dicht gedrängt die Zuschauer standen und man nie sicher sein konnte, schnell genug Einlass zu bekommen. Hier wurde niemand verletzt – keiner der Einwohner und keiner ihrer Stiere. Ich war beeindruckt von der gewaltigen Kraft dieser Tiere. Mit der Anerkennung des Muts derer, die sich den Stieren kurz entgegenstellten, wurde zugleich den Stieren Respekt gezollt und die Kraft ihrer Selbstbehauptung bewundert. Und keiner der Draufgänger hatte – nur zur Klarstellung für das Folgende – auch nur versucht, auf einem der Stiere zu reiten!

Ein kopfloser Plan

Der göttliche Plan, sich in einen „gewaltig“ schönen und kraftstrotzenden Stier zu verwandeln, um die junge Königstochter „rumzukriegen“, ist also alles andere als naheliegend oder kunstgerecht.[2] Tatsächlich passt hier eigentlich gar nichts zusammen. Jupiter ist ein Getriebener, der offenbar keinen klaren Gedanken fassen kann. Alles soll (oder muss?!) schnell gehen – es scheint, er kann’s gar nicht erwarten und stünde so unter triebhafter Spannung, dass er schier zu „explodieren“ droht. Merkur, wird zu Eile getrieben. Er soll die königliche Herde zum Strand treiben, wo sich die Königstochter mit Freundinnen die Zeit vertreibt. Aber hier sind wir bei der nächsten Paradoxie: je prächtiger und kraftvoller sich der Stier zeigt desto mehr furchtsame Vorsicht dürfen wir bei der jungen Prinzessin und ihren Freundinnen erwarten. Das Drängen auf schnelle (Trieb-)Befriedigung will so überhaupt nicht mit dem Plot zusammenstimmen. Das Vertrauen einer behüteten Königstochter für solch ein „Prachtexemplar“ von einem Stier zu gewinnen, das kostet viel von dem, was Jupiter gar nicht aufzubringen vermag: Zeit. Was vielleicht nach Wochen der langsamen Annäherung gelingen kann – Sie wissen schon: lange Spaziergänge, intensive Gespräche und manch romantisches Abendessen[3] – das ist in Stunden nicht zu haben. Jupiter gelingt es zwar, den kraftvollen Stier muskelstrotzend und zugleich anmutig und friedvoll erscheinen zu lassen. „Aber trotz seiner Sanftmut fürchtet sie sich zunächst, ihn anzurühren.[4] Und was Ovid nun beschreibt, kann der Würde eines besonnenen, selbstbeherrschten Gottes kaum gerecht werden: Europa überwindet ihre anfängliche Angst und hält dem Stier gepflückte Blumen zum Fressen hin. „Da freut sich der Liebende, und in der Vorfreude auf die erhofften Wonnen küßt er ihr die Hände. Kaum, ja kaum kann er das Weitere noch aufschieben.[5] Er droht schier vorzeitig zu „platzen“. Er, Jupiter (!), „springt im grünen Gras umher“ und räkelt sich vor ihr auf dem Boden, um von ihr berührt zu werden. Tatsächlich „täschelt“ (streichelt: plaudenda) die Mädchenhand (die jungfräuliche Hand: manus virginea) bald seine bloßgelegte „Brust[6] und umwindet seine Hörner mit „frischen Blumenbändern“. Schließlich wagt sie es, sich auf den „Rücken des Stiers zu setzen“, „ohne [freilich] zu wissen, auf wem sie ritt“.[7]

Oh, oh, was könnten wir da nicht alles hineinlesen? Warum wagt sie es (ausa), oder sollen wir sagen, warum ist sie so kühn oder dreist? Wir wagen etwas, weil wir etwas zu gewinnen hoffen. Dem Wagen entspricht ein Begierig-Sein auf, ein Verlangen nach.[8] Die regia virgo, die königliche Jungfrau, bestimmt (reitend), nämlich drückend und drängend (premit) das Geschehen – die Fügung regia virgo bringt das schillernd auf den Punkt.

Der Raub Europas, Erasmus Quellinius (1607-1678) nach P.-P. Rubens,

Nun geht es mit Jupiter – und er mit ihr – durch. Er eilt zum Wasser und entführt „seine Beute“ übers Meer. Sie blickt ängstlich aufs trockene Festland zurück und Ovid lässt uns wissen, dass ihre rechte Hand ein Horn festhält und die andere auf dem Rücken liegen bleibt. Und dann kommt wieder so eine Ovidsche Wendung, die die Geschichte und das zweite Buch zum glänzend flüchtigen Abschluss bringt: „Das flatternde Kleid bauscht sich im Winde.[9]

Triebstruktur und (göttliche) Gesellschaft

Von seinem „Erfolg“ erfahren wir nichts. Das Ende des zweiten Buchs ist wie ein Cliff-Hanger, der den Leser seinen Phantasien überlässt. Wir werden im dritten Buch sehen, dass die Entführung indirekt eine ganze Kette von mythologisch bedeutsamen Geschehnissen anstößt. Sie wird uns zu Cadmos und dem thebanischen Sagenkreis führen. Aber vom Ziel der Entführung, der ihr folgenden Vergewaltigung Europas durch Jupiter und ihren Folgen, die in den Kretischen Mythenkreis führen und bei Ovid im achten Buch aufgegriffen werden, erfahren wir nichts.[10]

Es ging wohl – wir können es aus dem, was wir über die „Triebstruktur“ Jupiters erfahren haben – alles sehr schnell. Und dass der Gott seinen Willen bekommen würde, das war ja von Anfang an zu erwarten. Bei Jupiter und Europa im zweiten Buch geht es aber weniger um Europa als vielmehr um Jupiter selbst und das (sein) Verhältnis von maiestas et amor. Tatsächlich nennt Ovid Europa gar nicht beim Namen, sondern führt sie als Tochter des phönizischen Königs Agenor ein.[11]

Die Geschichte handelt von der causa amoris.[12] Unter amor dürfen wir aber nicht die romantische Liebe schöner Seelenverwandtschaft verstehen. Wir müssen hier eher an Sex und Leidenschaft, an Begierde und Getrieben-Sein denken. Die herrschaftliche Würde steht im Konflikt mit den Begierden, der „Triebstruktur“.

Jupiter ist ein Getriebener. Der Gott verwandelt sich beim Anblick der schönen Europa in ein Wesen, das durch seine Begierden und Instinkte ausgerichtet und beherrscht wird. Er wird zum Stier. Das ist kein mehr oder weniger guter Plan, das ist der Lauf der Dinge. Die „animalische“ Triebstruktur gehört zum Lebendigen. Sie ist eine Wirklichkeit, die anerkannt und beherrscht werden will. Wir erkennen uns in diesem Jupiter. Gegen Jupiter ist kein Kraut gewachsen. Europa kann sich ihm nicht „entwinden“.

Natürlich könnte der Gott die schöne Königstochter durch einen göttlichen Zaubertrick überwältigen. Dann wäre verborgen geblieben, um was es „eigentlich“ geht. Wir könnten es als unerklärliches Ereignis nicht verstehen. Und auch Europa wüsste nicht wie ihr geschieht. Aber der Betrug, die Verführung und ihr spätes Wissen gehört mit zum Geschehen. Obgleich uns Ovid nichts davon berichtet, was genau nach der Entführung geschah – die zeitgenössischen Leser wissen es aus der mythologischen Überlieferung nur zu gut – dürfen wir davon ausgehen, dass die Erfüllung seiner Begierden keineswegs einvernehmlich und „gewaltfrei“ war: Götter überwältigen. Sie vergewaltigen – sie kommen über uns, ohne uns zu fragen oder gar unsere Einwilligung abzuwarten. Die Überwältigung ist Teil des Geschehens.

Der Geschlechtstrieb ist etwas, das wir selbst als ein solch Überwältigt-Werden erleben. Auch das haben nicht wir uns ausgedacht: er gehört zu unserer Natur. Aber anders als bei der Überwältigung durch das göttliche Wollen, vermag der Mensch sich zu beherrschen. Ovid hat mit seiner ars armatoria hat Ovid eine Fibel fürs Anschleichen und Täuschen, fürs Rumkriegen und Bezirzen geschrieben. Der rohen Gewalt der alten (römischen) Tage soll nun der zivilisatorischen Form der „Eroberung“ weichen:

Wenn in diesem Volk jemand die Kunst des Liebens noch nicht kennt,
Lese er dieses Gedicht und liebe dann mit Verstand.
Kunst lenkt das Schiff, das, durch Segel und Ruder getrieben, dahineilt,
Kunst lenkt das leichte Gespann: Lenker auch Amors sei Kunst.
[13]

Gewalt wird durch die Kunst des Täuschens (ars fallendi) ersetzt. Und dem- oder meist derjenigen, der nachgestellt wird, muss sich vor der Verführung hüten. Verführt werden kann man, weil man dem Verlockenden erliegt, selbst wenn man ahnt – oder gar weiß – dass alles doch ganz anders sein könnte als es sich jetzt zeigt. Auch der oder die Begehrte hat ein Begehren.

Ovids frivole Meisterschaft – inposita est

Lesen wir nochmal den letzten (Halb-) Satz des zweiten Buchs in Vers 875:

Das flatternde Kleid bauscht sich im Winde.
…tremulae sinuantur flamine vestes

Übersetzen wir es sehr wörtlich die Wortstellung beibehaltend, dann ergibt sich „zitternd oder bebend krümmt und windet sich im Wehen das Gewand“. Und vermutlich müssen wir auch das inposita est mithören, das vom vorausgehenden Halb-Satz mit in die Verszeile rutscht: Europa hat die eine Hand am Horn des Stiers und die andere liegt auf seinem Rücken (altera dorso / inposita est). „in-ponere“ heißt etwas in etwas hinein „tun“ (-legen, -stellen, -setzen). Ovid kann inposita für die Hand auf dem Rücken verwenden, weil sie in die durch den Rücken gebildete Fläche „hinein“ kommt, zum Rücken hinzu kommt und gleichsam „Teil“ von ihm wird.[14] inponere hat mit diesem, die Sache verändernden Hinein-tun auch die Nebenbedeutung von „antun“ oder „zufügen“, „betrügen“ und „täuschen“. Mit inposita est gibt Ovid also noch etwas hinein, das dem Ritt des letzten Satzes ein besonderes Zittern gibt: inposita est; tremulae sinuantur flamine vestes.

Demnächst

Als Europa nach Europa kam, ging alles sehr schnell. Niemand wusste wo sie war. Aber man wollte Europa finden und dabei wird Theben gegründet.

[1] II 847f.: non bene conveniunt nec in una sede morantur / maiestas et amor.

[2] Ovid hatte mit seiner ars amatoria ein Werk vorgelegt, in dem im ersten Buch die Kunst der Verführung vorgeführt werden soll.

[3] Davon und von noch viel mehr ist in Ovids ars amatoria zu lesen …

[4] II 861: sed quamvis mitem metuit contingere primo.

[5] II 862f. gaudet amans et, dum veniat sperata voluptas / oscula dat manibus; vix iam, vix cetera differt

[6] pectus hat ein weites Bedeutungsfeld, das ich hier mal auf sich beruhen lassen will; es sei nur so viel gesagt: pectus gilt z.B. als der Sitz seelischer Antrieben … 

[7] II 868f.: ausa est quoque regia virgo / nescia, quem premeret, tergo considere tauri.

[8] Das bringt das Lateinische audere gut zum Ausdruck.

[9] II 875: tremulae sinuantur flamine vestes.

[10] Aus der Verbindung mit Europa gehen drei Söhne hervor, von denen vor allem Minos und Rhadamanthys mythologisch bedeutsam werden: Minos als der König von Kreta  und Rhadamanthys, der zum Totenrichter im Tartaros wurde.

[11] Erst in VI 104 wird sie von Ovid beim Namen genannt.

[12] II 836.

[13] ars I 1ff.: si quis in hoc artem populo non novit amandi, / hoc legat et lecto carmine doctus amet. / arte citae veloque rates remoque reguntur, / arte leves currus: arte regendus Amor.

[14] Ähnlich auch bei II 17 und VIII 201.

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