Abschiedsbrief

Lieber, sehr verehrter Herr Spaemann,

ich bin Ihnen zweimal begegnet. Einmal in einer Vorlesung in München, einmal bei einem Vortrag zu Hegel. In München zu Rousseau hatte ich nur Ohren für den „nachfolgenden“ Habermas und den berühmten Realisten aus den U.S.A., Hilary Putnam, den ich damals das erste und einzige Mal hörte. Sie waren mir nur Rahmenprogramm. Und ich verstand nicht. Auch Ihr Hegel konnte mich nicht erreichen. Es war für mich zu früh.

Jahre später hatte ich Sie dann wirklich gelesen, ausführlich, und bewundernd eingesogen, angeeignet und anverwandelt. Ihre Bücher zum Glück, zur Person, zu den natürlichen Zielen waren für mich wegweisend und sind es noch. Dann kamen die „Grenzen“, die „Schritte über uns hinaus“ und natürlich Ihr Gottesbeweis im „unsterblichen Gerücht“.

Natürlich hab’ ich auch alles das gelesen, was dem linken Bewunderer des konservativen Erzkatholiken besonders gefallen musste: der „antikapitalistische“ Appell gegen eine lebensfeindliche Moderne, die Kritik der Atomkraft und der Unterjochung der Natur. Und am Ende war mir auch Ihr Rousseau zugänglich, den ich damals in München einfach nicht verstehen wollte.

Ich werde Sie wieder und wieder lesen und dabei unendlich gewinnen. Und mit Ihnen und durch Sie die „Bedrohung jener elementaren Normalität“ beklagen, „die wir Leben nennen“. „Die Verwandlung der Realität in Science-Fiction“ macht, so schreiben Sie, „den Menschen im ursprünglichen Sinne des Wortes ‚utopisch‘, das heißt ortlos“. Es heißt, die Realität des Lebens wieder gewinnen oder für immer von der Wahrheit schweigen. Die Aufgabe des Menschen, seine moralische, ist: wirklich zu sein, zu sehen wie es wirklich ist. Wir werden uns dank Ihrer darum bemühen. Ruhen Sie gut bis das neue Leben ersteht.

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